NSU-Opfer melden sich in Buch zu Wort „Sie haben unsere Seelen zerstört“

Hannover. Exakt drei Jahre ist es her. Am 4.Das Buch zeigt auch, wie sehr die Opferfamilien unter Zschäpes Schweigen leiden. „Diese Leute haben unsere Seelen zerstört und nun sitzen sie einfach da – grinsen, schweigen“, sagt Mustafa Turgut, Bruder von Mehmet Turgut, dem Rostocker Mordopfer: „Nein.
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Von Wiebke Ramm

Exakt drei Jahre ist es her. Am 4. November 2011 erschießen sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Eisenach. Stunden später steht in Zwickau ein Haus in Flammen. Vier Tage später stellt sich Beate Zschäpe der Polizei. Die Menschen beginnen zu begreifen, dass Neonazis jahrelang unentdeckt morden und Anschläge verüben konnten. Mitten in Deutschland. NSU-Terroristen erschossen neun Männer türkischer und griechischer Herkunft sowie eine deutsche Polizistin. Nun hat Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer, ein Buch herausgegeben. „Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen“ heißt es und erscheint heute. Darin erheben die Opfer des NSU gemeinsam ihre Stimme. John nennt das Buch ein „Dokument von anhaltender Trauer, jahrelanger Verletzung, finanziellem Ruin und verwundetem Heimatgefühl“. Zugleich ist es ein Dokument von beeindruckender Stärke und Größe.

Das Buch zeigt auch, wie sehr die Opferfamilien unter Zschäpes Schweigen leiden. „Diese Leute haben unsere Seelen zerstört und nun sitzen sie einfach da – grinsen, schweigen“, sagt Mustafa Turgut, Bruder von Mehmet Turgut, dem Rostocker Mordopfer: „Nein. Es geht mir nicht gut, wenn ich sie vor mir sehe. Aber mit der Hoffnung, dass das Gericht zu einem guten Ergebnis kommt, kann ich den Anblick verkraften.“ Oder die junge Frau, die einen Anschlag in Köln knapp überlebt hat. Sie schreibt: „Zehn Menschen ermorden, Dutzende schwer verletzen, und jetzt keine Rechenschaft ablegen? Keine Verantwortung übernehmen? Nur noch eins im Sinn haben: für diese übergroße Schuld den kleinstmöglichen Preis bezahlen, mit einer möglichst geringen Strafe davonkommen? Erbärmlich!“

In Richter Manfred Götzl aber haben sie alle großes Vertrauen. Mustafa Turgut schildert eine Begegnung. „Manchmal treffe ich den Richter zufällig in der Gerichtspause. Er grüßt mich freundlich, hält mir die Tür auf oder fragt mich: ,Warum sind Sie denn so dünn?’ So etwas kann ich mir in der Türkei gar nicht vorstellen.“

Der Schmerz der Hinterbliebenen ist nicht vorüber, aber aufgegeben haben sie nie. „Denn genau das war ja das Ziel der Rechten: Hass schüren und die Menschen auseinanderbringen“, schreibt Tülin, Tochter von Abdurrahim Özüdogru, dem zweiten Mordopfer. „Deshalb sage ich mir: Jetzt erst recht nicht! Nicht hassen. Ich will nicht werden wie die.“

Barbara John (Hrsg.): „Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen“, Herder spektrum,

160 Seiten, 12,99 Euro

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