Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer Sie nannten mich Schwester

Zwei Wochen auf dem Flüchtlingsrettungsschiff "Aquarius". Zwei Wochen, die alles übersteigen, was man sich vorzustellen vermag. Ihre Eindrücke schildert WESER-KURIER-Redakteurin Kristin Hermann in ihrer Reportage.
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Sie nannten mich Schwester
Von Kristin Hermann

Zwei Wochen auf dem Flüchtlingsrettungsschiff "Aquarius". Zwei Wochen, die alles übersteigen, was man sich vorzustellen vermag. Ihre Eindrücke schildert WESER-KURIER-Redakteurin Kristin Hermann in ihrer Reportage.

Ich weiß jetzt, wie schlimm es ist, seekrank zu sein und trotzdem arbeiten zu müssen; wie wichtig gutes Essen für die Stimmung an Bord ist, weil es manchmal die einzige Unterhaltung am Tag ist; wie lange es dauert, den Schmutz von dreckigen Schwimmwesten zu entfernen; wie es ist, so gut wie keine Privatsphäre zu haben. Ich weiß jetzt, was stundenlanges, manchmal tagelanges Warten bedeutet; wie es ist, mit zugekniffenen Augen die Küste nach Schlauchbooten abzusuchen und wie die Anspannung immer weiter wächst, wenn du keines davon findest. Ich weiß jetzt, was Teamarbeit bedeutet. Wie relativ alles andere für Menschen wird, wenn sie an Bord dieses Schiffs sind. Ich weiß jetzt, wie Verzweiflung aussieht, wie der Kampf um das eigene Leben Gesichtszüge verändert und wie sich die Schreie anhören, wenn man im Wasser panisch versucht, an etwas oder jemandem Halt zu finden. Ich weiß jetzt, wie gefährlich und manchmal tödlich die Kombination aus Benzin und Salzwasser für Menschen sein kann, wenn sich das Gemisch langsam an den Füßen und Beinen zu den Genitalien ätzt; wie die Narben von traumatisierten Frauen und Männern aussehen, wenn sie missbraucht oder gefoltert wurden. Ich weiß jetzt, wie Leichen riechen. Und wie Hoffnung aussieht.

An den Tagen bevor- der Notruf von der Leitstelle in Rom eingeht, habe ich mir ständig gewünscht, dass endlich wieder etwas auf diesem Schiff passiert. Manchmal hatte ich Platzangst, kam nicht damit klar, dass ich hier nicht runterkomme, und überall, wo ich hinschaue, bloß Wasser ist. Jetzt schäme ich mich für diese Gedanken, denn die nächsten Stunden werden schlimmer sein, als ich es mir vorher ausmalen konnte. Eigentlich wusste ich gar nicht, was da überhaupt auf mich zukommt. Es ist Montag, 14. November, 11.30 Uhr, und über Funk wird durchgegeben, dass 30 Kilometer vor der libyschen Küste zwei Schlauchboote gesichtet wurden – eines davon soll bereits sinken. Die Position ist etwa zwei Stunden von unserem jetzigen Standort entfernt. Ich blicke auf das Meer und frage mich, wie lange ich da drin wohl aushalten würde. Ohne Schwimmweste, vielleicht mit einem Baby auf dem Arm und ohne das Wissen, ob überhaupt noch jemand kommt, um einen zu retten. Ich weiß es nicht, aber zwei Stunden klingen nach verdammt viel Zeit.

Das Schiff, das dort im zentralen Mittelmeer an der Grenze zu den libyschen Hoheitsgewässern kreuzt, ist die „Aquarius“. Es ist das einzige der zivilen Rettungsschiffe, das im Winter übrig geblieben ist, um Menschen aus den Schlauch- und Holzbooten zu retten, mit denen es mittlerweile fast unmöglich geworden ist, die Überfahrt nach Italien zu schaffen. Zu viele Menschen pferchen die Schlepper jetzt in die Boote, zu schlecht ist die Qualität der billig produzierten Schlauchboote. Die Hilfsorganisation SOS Mediterranee, die die Mission in Zusammenarbeit mit Ärzte ohne Grenzen leitet, ist überzeugt davon, dass ihre Hilfe auch während der kalten Jahreszeit gebraucht wird. Denn trotz der schlechten Wetterbedingungen beschließen auch zurzeit immer weiter Menschen, sich auf den gefährlichen Weg nach Europa zu machen. Allein im Dezember vergangenen Jahres sind nach Angaben des UNHCR mehr als 9500 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet worden. Und in diesem Jahr ist die Zahl der Flüchtlinge noch einmal deutlich gestiegen. 2016 ist schon jetzt das Jahr mit den meisten Toten. Das Wort Flüchtlinge sagt an Bord so gut wie niemand mehr. Die Geretteten heißen für die Helfer Gäste. Gäste, die sie von einem Ort zum anderen bringen, denen sie Kleidung und Essen geben und für deren Sicherheit sie in dieser Zeit verantwortlich sind. Nicht mehr und nicht weniger, sagen sie.

Als wir die Position erreichen, sehen wir ein vermeintlich intaktes Schlauchboot. Von dem bereits sinkenden Boot gibt es keine Spur. Einmal treibt eine Holzpalette vorbei, ein anderes Mal eine leere Plastikflasche – vermutlich von einem Fischerboot, sagen die anderen. Doch das mulmige Gefühl bleibt. Sind schon alle ertrunken, übersehen wir etwas oder jemanden? Irgendwann entscheidet Rettungsleiter Mathias Menge, dass die Suche keinen Sinn mehr hat. Wir müssen die Menschen auf dem Schlauchboot retten, die uns seit einer knappen halben Stunde versuchen, hinterher zu fahren. Als sich das erste Rettungsboot diesem Boot nähert, sieht eigentlich alles gut aus. Amani Teklehaimanot und Stephane Broc´h erklären den Leuten in unterschiedlichen Sprachen, dass sie jetzt gleich gerettet werden und dass wir sie nicht zurück nach Afrika bringen – dass wir die Guten sind. Sie sind extra dafür da, um die Leute zu beruhigen. Doch dieses Mal klappt das nicht. Die Menschen lassen sich nicht mehr beruhigen.

Massenpanik

Es ist mit das Schlimmste, das bei so einer Rettung passieren kann: Es bricht eine Massenpanik aus. Ein Mann springt ins Wasser und etliche folgen ihm. Wie sich jetzt herausstellt, läuft das Boot schon seit einiger Zeit voll Wasser. Zu diesem Zeitpunkt setzt bei vielen der Verstand aus. Sie haben Angst, dass sie es nicht mehr aus dem Boot schaffen, wenn sie jetzt nicht springen, erzählen sie später. Kaum jemand von ihnen kann schwimmen, Sekunden entscheiden jetzt über Leben oder Ertrinken. Das SOS-Team wirft alles ins Wasser, was schwimmen kann: Rettungswesten, Kanister, einen langen Schlauch, an dem man sich festhalten kann, wenn man es denn bis dorthin schafft. Ich höre die Schreie, sehe wie Menschen abtreiben oder sich kaum an den Schwimmhilfen halten können. Nach all den Stunden auf dem Meer sind sie dafür viel zu schwach. Ein kleiner Junge, vielleicht zehn Jahre alt, treibt bereits mit dem Gesicht unter Wasser im Meer. Es ist der Moment, an dem ich nicht weiß, ob ich der Sache wirklich gewachsen bin. An dem ich keine Tränen mehr zurückhalten kann und verzweifle, weil ich nicht helfen kann. Stattdessen stehe ich an der Reling und sehe zu, als sei es ein Film und nicht echt, was dort vor meinen Augen passiert. Es ist der Punkt, an dem ich für mich entscheide, dass ich nicht mehr nur dastehen und bloß fotografieren oder filmen kann. Dass es mich anwidert, den Menschen immer wieder die Kamera vors Gesicht zu halten, statt ihnen die Hand zu reichen und zu helfen.

Auf der „Aquarius“, deren Ausgangshafen Catania auf Sizilien ist, arbeiten drei Teams zusammen: Die Helfer von SOS Mediterranee, die bewusst einen Teil der Zivilgesellschaft abbilden sollen. Einige von ihnen sind Seeleute, andere Rettungsschwimmer, und wieder andere Leute haben vorher noch nie auf einem Schiff gearbeitet, verspüren aber das große Bedürfnis zu helfen. Wie Claudia Perez, die in ihrem anderen Leben Anwältin ist. Oft sind diese Freiwilligen für ein oder zwei Touren dabei, die immer drei Wochen dauern.

Das medizinische Personal von Ärzte ohne Grenzen und die Schiffscrew sind meistens mehrere Monate auf dem Schiff. Etwas mehr als 30 Leute kommen auf diesem Weg aus aller Welt zusammen und führen in diesen Wochen ein Leben an Bord, das einer emotionalen Achterbahnfahrt gleicht. Die Dinge liegen dicht beieinander: Entsetzen über die vielen Toten und die Schicksale der Menschen und gleichzeitig die Freude über diejenigen, die man alle paar Tage vor dem Ertrinken rettet. Leicht ist das nie und ohne psychologische Betreuung nach den Rettungen kaum zu schaffen. „Es ist kein Job, den man ewig machen kann“, sagt Mathias Menge.

Entscheidungen über Leben und Tod

Weil die Retter auf ihren Booten so schnell reagiert haben, überleben am Ende des Einsatzes 114 Menschen aus elf Nationen. Die Männer und Frauen kommen von der Elfenbeinküste, aus Gambia, Mali oder Guinea. Sie alle eint, dass sie vorher in Libyen auf ihre Abreise gewartet haben. Libyen – die Hölle auf Erden. Man hört diesen Satz immer wieder. Der Ort, an dem es so gut wie keine Gesetze gibt. An dem zu viele Menschen eine Waffe tragen, an dem Entführungen, Folter, Schusswechsel und Missbrauch auf der Tagesordnung stehen.

Für weitere fünf Menschen kommt jede Hilfe zu spät. Sie liegen tot im Schlauchboot – vermutlich ertrunken, weil sie die Enge oder die Dämpfe des Benzins benommen gemacht haben. Sie alle sind junge Männer, die mit großer Hoffnung in dieses Boot gestiegen sind. Jetzt liegen sie in weißen Leichensäcken auf dem Vordeck. Mit schwarzem Filzstift schreibt das Team von Ärzte ohne Grenzen nach einer Untersuchung das ungefähre Alter und das Geschlecht auf die weiße Oberfläche – keiner von ihnen ist älter als 30 Jahre. Dann beginnen sie unter den Geretteten nach Freunden oder Familienangehörigen zu suchen, die sie identifizieren können. Nur mit Fotos der Leichen. Die leblosen Körper soll keiner von ihnen sehen müssen. Wenn sie jemanden finden, der sie erkennt, dann versuchen sie, die Familien zu Hause zu benachrichtigen. Oft aber sind das Geschlecht und das ungefähre Alter die einzigen Informationen, die die Helfer über die Toten am Ende haben. Etwa dann, wenn so gut wie alle anderen auch ertrunken sind und es nur wenige Überlebende bei einer Rettung gibt.

Ich versuche, an Deck mitzuhelfen und diejenigen zu versorgen, die es aus dem Wasser auf unser Schiff geschafft haben. Auf anderen Rettungsschiffen empfangen sie die Flüchtlinge in Schutzanzügen, bei denen man nur noch die Augen der Helfer sieht. „Als hätten sie alle Ebola“, sagt einer der Freiwilligen auf der „Aquarius“. So wollen sie ihren Gästen hier nicht begegnen. Die Wahrscheinlichkeit, sich mit Krankheiten anzustecken, sei draußen auf dem Außendeck sowieso gering, sagt Helmi Dekker von Ärzte ohne Grenzen. Männer und Frauen, bei denen sie Krankheiten wie Krätze festgestellt haben, kennzeichnen sie mit einem Armband, damit man bei ihnen Handschuhe trägt und sich häufiger die Hände wäscht. Schwer Verletzte werden in der Klinik versorgt. Zwei von den Überlebenden geht es so schlecht, dass sie später ein Hubschrauber nach Lampedusa bringen muss. Darunter ist auch der zehnjährige Junge aus Kamerun, der bereits im Wasser das Bewusstsein verloren hatte.

Die meisten kommen nur mit Lumpen am Körper aus Afrika. Einigen ist nicht mehr als Unterwäsche geblieben, weil sie mit ihrer übrigen Kleidung versucht haben, das Wasser aus dem sinkenden Boot zu schöpfen. Sie stinken nach Benzin, Schweiß und manche nach Erbrochenem. Sie zittern am ganzen Leib, weil sie unterkühlt sind. Viele haben Verbrennungen, weil sie stundenlang in dem ätzenden Gemisch aus Benzin und Salzwasser stehen mussten. Pässe oder andere Dokumente hat eigentlich keiner von ihnen dabei. Sie haben sie erst gar nicht mitgenommen oder sie sind unterwegs verloren gegangen. Einige haben sich wichtige Telefonnummern auf ihre T-Shirts geschrieben. Einmal hält jemand ein einzelnes altes Foto in den Händen. Es ist das Einzige, was er aus seinem alten Leben mitbringen konnte. Einige brechen an Deck zusammen, weinen und danken Gott und den Helfern auf der „Aquarius“, dass sie es geschafft haben.

Dieser Anblick ist nur schwer zu ertragen. Christina Schmidt, eine der Helferinnen bei SOS Mediterranee, sagt, dass auf diesem Schiff das bessere Europa stattfindet. Und das sehe ich jetzt auch so. Wer würde die Menschen retten, wenn es nicht die privaten Rettungsschiffe tun? Würden wir sie dann einfach ertrinken lassen? Was wäre, wenn nur ein einziges Schlauchboot mit Deutschen oder Franzosen dort untergehen würde? Wie lange würden wir dann über diesen Skandal berichten? Was für Gesetze würden durch diesen Vorfall geändert? Dort ertrink en nahezu täglich Menschen, das Mittelmeer ist zu einem Massengrab geworden, aber kein Politiker schaut mehr wirklich hin – zumindest ist das der Eindruck, den die meisten an Bord haben.

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Als alle sich einmal abgeduscht und in den Trainingsanzug und die Decken gehüllt haben, fangen viele von ihnen an nachzudenken. Und dann kommen die Fragen. Einmal will ein junger Mann von mir wissen, welche Stadt das in Italien ist, von der er am Horizont die Lichter glitzern sieht. Als ich ihm sagen muss, dass es nach wie vor Libyens Hauptstadt Tripolis ist, will er es erst nicht glauben. Die Schlepper haben ihm und den anderen gesagt, die Überfahrt würde vier Stunden dauern. Nach und nach realisiert er, dass sie es mit dem Schlauchboot wahrscheinlich nie geschafft hätten. Wie auch, ohne Kompass, ohne Wasser und meistens mit zu wenig Benzin? Manchmal zeigen die Schlepper auch auf Ölplattformen, von denen man in der Nacht die Lichter sieht. Dann sagen sie den Menschen, dass es Italien ist, was sie dort sehen. Viele wollen das glauben, es hilft ihnen, sich zu überwinden und in das Boot zu steigen. Andere wissen, dass sie nur eine Chance haben, wenn ein Rettungsschiff sie findet. Sie kennen die Bilder der Rettungen aus dem Internet, wissen, wie viele es auch nicht schaffen. Wie verzweifelt muss man sein, um in solch ein Boot zu steigen?

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Professionelles Business der Schlepper

Das Geschäft der Schlepper ist ein professionelles Business geworden. Haben sie früher noch alte Fischerboote eingesetzt, die weitgehend seetauglich waren, sind es jetzt Schlauchboote, die billig in China produziert werden – mit Holzböden, die fast immer brechen, weil die Boote überladen sind, und schlecht verklebten Luftkammern. Laut der Internationalen Organisation für Migration kassieren die Banden im Durchschnitt pro Kopf zwischen 1000 und 2000 Dollar (950 bis 1900 Euro) für eine Überfahrt von der nordafrikanischen Küste nach Europa. Nicht alle wollen wirklich immer in die Boote steigen, wenn sie sehen, unter welchen Bedingungen sie losfahren sollen. Doch das ist den Schleppern egal. Im Notfall schießen sie die Menschen in die Boote.

Sind die Hilfsorganisationen mittlerweile ein fester Bestandteil in der Maschinerie der Schlepper? „Zum Teil bestimmt, ja“, sagt Rettungsleiter Mathias Menge. „Aber was ist die Alternative? Die Leute einfach ertrinken zu lassen?“ Bei den meisten Helfern herrscht Unverständnis für die europäische Politik. „Europa ist so groß und so reich. Wenn jeder nur ein bisschen mithilft, wäre diese ganze Krise kein Ding. Es müssen einfach andere Fluchtwege geschaffen werden. Alles andere ist inhuman“, sagt Christina Schmidt von SOS Mediterranee.

Die meisten der Flüchtlinge sehen keinen anderen Ausweg als zu fliehen. Sie sind unterernährt und oft über Jahre gefoltert oder schlecht behandelt worden. Viele sagen, das Leben in Libyen4 sei für sie so schlimm, dass sie lieber ertrinken, als noch länger dort zu bleiben. Sie haben nichts zu verlieren, nur zu gewinnen. „In Libyen behandeln sie Schwarze wie Hunde“, sagt einer der Geretteten.

So sieht das auch die Familie, mit der ich viel Zeit verbringe: Vater Kawsu, der zweijährige Ismaila, die einjährige Fatima und Mutter Kaddy, die im achten Monat schwanger ist.

Eigentlich kommen sie aus Gambia, doch seit drei Jahren wohnten sie in Libyen. Wie viele haben sie dort gehofft, ein besseres Leben zu haben, weil Kawsu anders als in Gambia einen Job gefunden hat. Doch sein Arbeitgeber wurde irgendwann gekidnappt, Kawsu hat seit Monaten nichts mehr verdient. Die Familie lebte in einer Straße, die von Daesch-Terroristen kontrolliert wird. „Die Kinder und ich durften niemals rausgehen“, sagt Kaddy. Das haben ihnen die Terroristen verboten. Wenn Vater Kawsu von der Arbeit kam, haben sie ihn manchmal mit Messern angegriffen. Um seinen Tageslohn einzukassieren. Wenn er den nicht dabei hatte, musste sein Handy herhalten. Als ob er diese Gräueltaten noch beweisen müsste, zieht der 28-Jährige sein T-Shirt hoch und zeigt seine Narben. „Das war einfach kein Leben.“ Der ausschlaggebende Punkt war aber, dass die Terroristen die kleine Fatou beschneiden lassen wollten – vor allem im westlichen und nordöstlichen Afrika gehört dieses Verfahren immer noch zur Tradition. „Irgendwann haben wir nachts wach gelegen und entschieden, dass wir es versuchen“, erzählen sie. Weil Kawsu seit Monaten keinen Lohn bekommen hat, bezahlt ein Freund für sie die Überfahrt. Ansonsten erzählen sie keinem von ihrem gefährlichen Plan. Ihrer Familie nicht, ihren Freunden nicht. Wenn sie es nicht geschafft hätten, wäre eine ganze Familie einfach verschwunden, ohne dass zu Hause jemand etwas davon mitbekommen hätte. „Wir haben einfach nur gebetet“. Kawsu fragt: „Können Kinder in Europa einfach so zur Schule gehen? Kostet das viel Geld?“ Was er sich für seine Kinder wünsche? „Ismaila soll UN-Soldat werden“, sagt er. Er soll sich den Friedenstruppen anschließen, um in Konfliktregionen stabile Strukturen aufzubauen. Für Kawsu ist das der Weg, wie er Europa danken will – obwohl es für ihn und seine Familie zu diesem Zeitpunkt, bis auf die Rettung vor dem Tod, noch nicht viel zu danken gibt.

In den nächsten zwei Tagen ertrinken nach Behördenangaben etwa 340 Menschen im Mittelmeer. Der Weg nach Italien dauert knapp fünf Tage, weil wir immer wieder Flüchtlinge von anderen Booten aufnehmen. Darunter 23 Überlebende eines anderen Schlauchbootes. Unter ihnen ist auch ein junges Mädchen, das traumatisiert zwischen den anderen Frauen und Kindern sitzt. Sie ist die einzige, die von den mehr als Hundert Menschen überlebt hat. Sie spricht nur Französisch, aber später erfahre ich trotzdem ein Stück ihrer Geschichte. Sie ist 19 Jahre alt und war mit einem Mann verheiratet, der sie immer wieder vergewaltigt hat. Irgendwann sagte ihre Freundin, dass sie flieht und ob das Mädchen mitkommen will. Sie kommt mit, aber nur, weil sie es nicht alleine tun muss. Doch die Freundin, die sie dazu überredet hat und mit der sie gemeinsam diesen Weg gehen wollte, ist jetzt tot. Alle Frauen sind ertrunken – nur sie nicht. Stunden hat sie im Wasser gegen das Ertrinken gekämpft. Wurde von einigen der Männer immer wieder aus dem sinkenden Boot geschubst, damit es nicht noch schneller untergeht. Aber sie hat es geschafft. Doch was soll dieses Mädchen nun machen, wie geht es für sie weiter?

Während die Männer draußen an Deck schlafen, sind Frauen und Kinder in einem extra Raum auf der „Aquarius“ untergebracht, um sie besonders zu schützen. Viele von ihnen wurden in ihren Heimatländern oder in Libyen vergewaltigt. Einige erfahren erst auf der „Aquarius“, dass sie davon schwanger geworden sind. Unter den geretteten Frauen sind auch immer wieder Mädchen aus Nigeria. Bei ihnen schauen die Helfer an Bord besonders genau hin, denn es kommt immer wieder vor, dass einige von ihnen gezielt aus Nigeria geholt werden, um in Italien als Prostituierte zu arbeiten, sagt Sarah Adeyinka, die selbst aus Nigeria stammt und bei Ärzte ohne Grenzen als kulturelle Vermittlerin arbeitet. Nicht selten fahre unter diesen Mädchen auch eine sogenannte Madame mit, die auf sie aufpasse und Geschäfte mit den Zuhältern regele. Sie achtet darauf, dass die Mädchen nichts erzählen. Obwohl Sarah und die anderen oft wissen, was diesen Mädchen bevorsteht, sei es extrem schwierig, sie aus dieser Situation zu befreien. Die jungen Frauen hätten in ihrer Heimat oft einen tief religiösen Schwur5 geleistet und versprochen, dass sie nichts sagen und dem neuen Job nachgehen wollen. „Außerdem wird ihnen gedroht, dass ihre Familie über die Prostitution aufgeklärt wird oder ihnen etwas angetan wird“, sagt Sarah. Wenn das Team von Ärzte ohne Grenzen mitbekommt, dass solche Mädchen mit auf dem Schiff sind, informieren sie sogenannte NGOs, also Nichtregierungsorganisationen an Land, die trotz der schwierigen Bedingungen versuchen, den Frauen zu helfen. Oft gelinge ihnen das jedoch nicht.

Auf dem Weg nach Italien schlafe ich kaum noch. Jede Minute, die ich in meiner Kabine verbringe, fühlt sich falsch an, jede an Deck so viel wichtiger. Manchmal hilft es, während der Nachtwache einfach mit ihnen dazusitzen und ihnen die Hand zu halten, wenn sie schlecht geträumt haben. Manchmal genügt es, zwei Stunden zuzuhören und mein Gegenüber einfach alles erzählen zu lassen, was er durchlebt. Manchmal genügt es aber auch einfach nur, ihnen die kleine Plastikflasche wieder mit Wasser aufzufüllen, damit sie sich nicht aus ihrer Decke rollen und über all die schlafenden Personen steigen zu müssen. Für einige entwickel ich bereits nach kurzer Zeit eine Art Fürsorgegefühl. Immer wenn ich wieder nach oben aufs Deck komme, drehe ich erst einmal eine Runde und sehe, wie es denjenigen geht, die mir freiwillig so viel von sich erzählt haben: Die Brüder Pa und Omar, Kaddy und ihre Familie oder der Schuhmacher Camara, der monatelang in einem libyschen Gefängnis gefoltert wurde und geflohen ist, weil er davon träumt, hochwertige Schuhe zu designen. Oder Abdul-Rachid, der studierter IT-Fachmann ist und unbedingt seinen Master machen möchte. Brauchen wir nicht genau solche Leute in Europa?

Wie motiviert die meisten dieser Menschen sind, ist schwer zu ertragen. Sie wollen zur Schule gehen, zur Universität, zur Arbeit, um Geld nach Hause zu schicken und sich selbst ein besseres Leben aufzubauen. Die Worte sind voller Hoffnung, und es ist das Einzige, woran sie sich gerade klammern. Es ist schlimm, ihnen mit dem Wissen zuzuhören, dass ihre Reise mit der Ankunft in Italien noch lange nicht zu Ende sein wird. Sie werden so viel Zeit in Camps und Notunterkünften verbringen müssen, so viel Zeit zum Nachdenken und Langweilen, so viel Zeit, in der einige vielleicht auch auf dumme Gedanken kommen können. Gerade die jungen Unbegleiteten. Wenn man in ihre Gesichter schaut, sieht man Kinder. Woher sollen sie wissen, was richtig und was falsch ist? Und wer soll ihnen das sagen? Uns wird geraten, nur sehr vorsichtig mit ihnen über die Zeit nach der Ankunft zu sprechen. Das ist nicht unsere Aufgabe, dafür seien andere Organisationen und Stellen da. Trotzdem ist es schwer, diesen Fragen auszuweichen: Finde ich einen Arbeitsplatz? Wie teuer ist ein Zugticket nach Deutschland? Wann werde ich meiner Familie sagen können, dass ich überlebt habe? Was passiert jetzt mit uns? Ich versuche, sie vorsichtig damit zu konfrontieren, dass sie nach der Ankunft nicht direkt loslegen können. Dass ihnen in der Zeit wahrscheinlich auch Menschen begegnen werden, die nicht freundlich sind. Die sie beschimpfen oder die sie auf dumme Gedanken bringen wollen. Und dass sie die viele Zeit des Wartens nutzen sollen, um die Sprache des Landes zu lernen, in dem sie letztlich landen werden.

Das wird hart, aber es ist notwendig, um all denen zu trotzen, die gegen sie sein werden. Das sage ich auch Pa und Omar, die ein bisschen wie Brüder für mich werden. Sie sind beide noch minderjährig – zumindest sagen sie das. Afrikaner nennen fast alle „Schwester“ oder „Mama“, wenn sie in Kontakt mit ihnen kommen, und genau deswegen fühlt man sich auch schon nach kurzer Zeit mit ihnen verbunden, wenn sie quer übers Deck „sister, sister“ rufen und um etwas bitten oder sagen, dass sie jetzt für einen beten.

An dem Morgen, an dem wir bei Sonnenaufgang die Lichter von Süditalien sehen, sind nicht nur meine Gefühle gemischt. Viele der Geretteten feiern, tanzen und danken in ihren Liedern immer wieder Gott und Europa für ihre Rettung. Andere stehen nachdenklich an der Reling, weil sie nicht wissen, was jetzt auf sie zukommt. Ich freue mich für die Menschen, dass sie endlich von dem Meer wegkommen, auf dem sie eine solch traumatische Überfahrt hatten, auf dem Freunde oder Familienangehörige von ihnen gestorben sind. Gleichzeitig ist es schwer, sie gehen zu lassen, weil wir wissen, dass sie es auf dem Schiff den Umständen entsprechend gut gehabt haben. Was wird jetzt mit ihnen? In welchem Land landen sie? Oder werden sie wieder abgeschoben? Kümmern sich die Menschen in den Notunterkünften gut um sie?

Welchen Hafen die „Aquarius“ ansteuert, entscheidet die Leitstelle in Rom. Dieses Mal hat der Hafen Reggio di Calabria Kapazitäten, um die Flüchtlinge aufzunehmen und zu registrieren. Sobald das Schiff angelegt hat und die Zugangstreppe aufgestellt wurde, treten die Freiwilligen der „Aquarius“ an, um einem Ritual zu folgen, das sich in den vergangenen Monaten bei ihnen etabliert hat. Sie stehen entlang der Gangway und verabschieden jeden Einzelnen der Geretteten. Mit einem Handschlag, einem Schulterklopfen oder einer Faust. 404 Mal müssen sie das bei diesem Abschied machen, bis auch der Letzte das Schiff verlassen hat, um sich in die langen Schlangen vor den Registrierungszelten6 der Italiener anzustellen.

Wie es für die Toten weitergeht, hängt davon ab, in welchem Hafen die „Aquarius“ anlegt. Manchmal legen die Helfer jeden Körper in einen Sarg, und private Hilfsorganisationen begleiten sie mit Rosen, sodass sie eine würdevolle Verabschiedung bekommen. Bei dieser Ankunft ist das nicht so. Alle neun Toten, die wir mittlerweile an Bord haben, werden in dem Leichenwagen übereinander gestapelt. „Wie Kartoffelsäcke“, sagt Marie Rajablat, mit der ich mir eine Kabine teilte. Sie ist empört darüber, wie man so mit den Leute umgehen kann. Ihr Vergleich geht mir bis heute nicht aus dem Kopf. Die Leser haben sich an die Schreckensmeldungen gewöhnt, überblättern die meisten dieser Nachrichten nur noch. Sie werden begraben, wo gerade Platz ist.

Das letzte Bild, das ich sehe, bevor ich selbst von Bord gehe und ins Taxi steige, sind die vollen Busse, in denen die Menschen nach der Registrierung sitzen, um zu einem der Hotspots transportiert zu werden – ihre Reise ist noch lange nicht vorbei.

Und jetzt?

Jetzt bin ich wieder zu Hause, und es gibt immer wieder Momente, in denen es sich komisch anfühlt, das normale Leben weiterzuführen, nachdem man so etwas erlebt hat. Die Tage auf diesem Schiff haben etwas verändert, und meine Gedanken sind auch jetzt noch oft bei den Helfern auf der „Aquarius“ und bei denjenigen, die sie gerettet haben. Und ich will wissen, was aus denjenigen geworden ist, mit denen ich so viel gesprochen habe. Einigen habe ich meine Telefonnummer gegeben.

Vor einigen Tagen habe ich die ersten Anrufe und Nachrichten erhalten und unter anderem erfahren, dass Kaddy ihr drittes Kind bekommen hat – den kleinen Muhammed. Sie beide sind wohlauf. Ich will die Geretteten nicht einfach aus meinem Gedächtnis streichen, nur weil ich sie nicht mehr sehe. Nach dieser bewegenden Erfahrung, die wir zusammen gemacht haben, fühle ich mich ihnen tief verbunden. Sie sind in den Tagen für mich zu Menschen geworden, die mir etwas bedeuten. Es sind Menschen wie du und ich. Mütter und Väter, Schwestern und Brüder.

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