zeitzeichen Sie oder er?

Auch wenn die Grünen das Thema nicht mögen: Mit der Wiederwahl des Führungsduos Annalena Baerbock und Robert Habeck stellt sich bei den Grünen die K-Frage, meint Norbert Holst.
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Sie oder er?
Von Norbert Holst

Es war im Mai 1999 in Bielefeld: Der grüne Außenminister Joschka Fischer hatte die Delegierten des Parteitags auf Kurs gebracht, sie billigten die Beteiligung der Bundeswehr am Kosovo-Einsatz. Frieden schaffen mit Waffen? Das war für manche Grüne der Sündenfall, ein Riss ging durch die Partei. Fischer wurde noch auf dem Parteitag Opfer einer Farbbeutel-Attacke, der Wurf verletzte ihn am Trommelfell.

Jetzt, 20 Jahre später und wieder in Bielefeld, ist von Missstimmung nichts zu spüren. Im Gegenteil. Die Ökopartei demonstriert Einigkeit. Vor 20 Jahren regierte sie unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder mit, jetzt will sie zurück an die Macht. Auch in den Personalien zeigt sich die demonstrative Geschlossenheit. Das Führungsduo Robert Habeck und Annalena Baerbock wird eindrucksvoll im Amt bestätigt. Habeck bekommt 90,4 Prozent der Stimmen. Baerbock räumt sensationelle 97,1 Prozent ab. Das ist für grüne Verhältnisse ungefähr so, als hätte Angela Merkel in ihren besten Zeiten als CDU-Chefin 150 Prozent geholt.

Auch wenn die Grünen das Thema nicht mögen: Mit diesem Ergebnis stellt sich die K-Frage. Das Grundgesetz sieht nun einmal keine Doppelspitze im Kanzleramt vor. Baerbock oder Habeck? Wer von beiden soll 2021 als Spitzenkandidat ins Rennen gehen? Das ist nach diesen Ergebnissen (wieder) offen. Habeck hat den Vorteil, dass er in Beliebtheitsfragen vorne liegt und über Amtserfahrung als Minister verfügt. Sein Nachteil: Zuweilen wirkt der Schriftsteller als ein bisschen zu verkopft.

Ganz anders Baerbock. Etwa mit ihrem persönlichen Einsatz für Flüchtlinge streichelt sie die Seele der Partei. Auch in ihrer Bielefelder Rede menschelt es, sie fordert eine „sozialökologische Transformation“, bei der man aber auch an Stahlarbeiter, Pendler in der Provinz oder kleine Handwerksbetriebe denken müsse. Ein Satz, der auch von Habeck stammen könnte. Doch der redet lieber über Gestaltung. Sprich Machtperspektive. Und die ist für die Grünen so gut wie nie. In den Umfragen liegen sie stabil bei 20 Prozent, haben die SPD abgehängt, nun sogar das Rathaus in Hannover erobert.

Schon einmal, 2010 und 2011, befanden sie sich im Höhenflug. „Der Spiegel“ kürte die Grünen damals sogar – etwas voreilig – zur „neuen deutschen Volkspartei“. Dann folgte die Katastrophe von Fukushima und der abrupte Ausstieg aus der Atomenergie. Doch die Grünen vermasselten diese politische Steilvorlage und überließen Merkel den Taktstock bei der Energiewende.

In Bielefeld zeigen die Grünen, dass sie sich diesmal nicht selbstzufrieden zurücklehnen wollen. Unter anderem beschließen sie einen Mindestlohn von zwölf Euro und einen dreiprozentigen Mietendeckel. Beschlüsse, die zukünftige Koalitionen mit CDU, CSU oder FDP nicht einfacher machen. Und auch nicht den Einzug ins Kanzleramt – egal, ob mit Baerbock oder Habeck.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+