"Wir haben uns da verhoben"

Sieling bremst bei Inklusion

Die Inklusion müsse in Bremen „gezielt, sorgsam und an geeigneter Stelle abgebremst werden“, so der Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) wörtlich.
02.06.2017, 00:00
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Sieling bremst bei Inklusion
Von Jürgen Hinrichs
Sieling bremst bei Inklusion

Inklusion in der Schule.

dpa

Die Inklusion müsse in Bremen „gezielt, sorgsam und an geeigneter Stelle abgebremst werden“, so der Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) wörtlich.

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Ist das der Teilabschied von einem hehren Projekt oder soll zumindest Tempo herausgenommen werden? Äußerungen von Bremens Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) zum Thema Inklusion legen das nahe. „Wir haben uns da verhoben“, sagte Sieling in dieser Woche bei einem Dialog mit Bürgern in der Vahr.

Die Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Schülern, müsse in Bremen „gezielt, sorgsam und an geeigneter Stelle abgebremst werden“, so der Bürgermeister wörtlich.

Sieling tritt damit in eine Debatte ein, die seit Langem schwelt und auch bei den jüngsten Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfallen eine Rolle gespielt hat. An Rhein und Ruhr wird das Wahldesaster von SPD und Grünen zu einem großen Teil mit dem Scheitern der Inklusion erklärt. Sieling betonte in der Diskussion mit rund 100 Teilnehmern im Bürgerzentrum Vahr, dass der Senat in der Verantwortung aller Eltern und Kinder stehe.

Das Ziel der Inklusion wird in Bremen seit Änderung des Schulgesetzes im Jahr 2009 verfolgt. Damals gab es noch 18 Förderzentren für Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen eine besondere Unterstützung benötigen. Heute sind davon vier übrig geblieben.

Bremen liegt damit im Vergleich zu den anderen Bundesländern zusammen mit Schleswig-Holstein an der Spitze. Nirgendwo sonst haben so viele förderbedürftige Kinder den Weg in die Regelschule gefunden. Zuletzt sollte von den vier restlichen Förderzentren ein weiteres, die Schule an der Fritz-Gansberg-Straße für verhaltensgestörte Kinder, geschlossen werden.

Die SPD sprach sich allerdings früh dafür aus, die Schule über das Jahr 2018 hinaus bestehen zu lassen. Die Grünen gehen da zwar mit, sehen mittelfristig aber auch die Gansberg-Kinder auf einer Regelschule.

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Maike Baasen, die in Bremen lange Jahre eine Grundschule geleitet hat und heute noch Landesvorsitzende des Ganztagsschulverbandes ist, entgegnete dem Bürgermeister bei der Veranstaltung in der Vahr, dass es fatal wäre, Abstriche bei der Inklusion zu machen. „Es kann nicht sein, dass wir da rein- und gleich wieder rausgehen. Wir brauchen Kontinuität.“

Das was vorhanden sei, müsse stabilisiert werden, konkretisierte die pensionierte Lehrerin am Donnerstag ihre Haltung. „Jede Schülerin und jeder Schüler sollte das Maximum an individuellem Potenzial entwickeln können.“ Am besten gelinge das, wenn in den Schulen jahrgangsübergreifend gearbeitet werde.

Von den Grünen wird die Stellungnahme des Bürgermeisters als substanzlos erachtet. „Das hat keinerlei Grundlage in der bremischen Bildungspolitik, weder bei der zuständigen Behörde noch bei den beiden Regierungsfraktionen“, erklärte Matthias Güldner, bildungspolitischer Sprechen der Grünen in der Bremischen Bürgerschaft. Er wisse auch gar nicht, was Sieling genau meine, wenn er davon spreche, die Inklusion abbremsen zu wollen. „Konkrete Vorschläge hat er nicht gemacht.“

Güldner verwies auf eine Untersuchung, die im vergangenen Jahr von der Bürgerschaft in Auftrag gegeben worden war. Bildungsforscher sollen sich in Bremen das gesamte Schulsystem anschauen, speziell aber auch den aktuellen Stand der Inklusion. Im Frühjahr kommenden Jahres könne mit einem Ergebnis gerechnet werden. Auf so einer vergleichsweise sicheren Grundlage lasse sich dann weiter diskutieren.

Klar sei aber bereits heute, so der Grünen-Abgeordnete, dass es bei der gemeinsamen Beschulung behinderter und nicht behinderter Kinder große Probleme gebe. „Es nützt nichts, um den heißen Brei herumzureden.“ Die Zahl der Sonderpädagogen in den Schulen sei bei Weitem nicht hoch genug.

Dazu käme, dass sie wegen des Personalmangels und hohen Krankenstands oft die regulären Lehrkräfte vertreten müssten. Lösen könne man das nur mit Geld. „Und zwar nicht erst ab dem Jahr 2020, sondern bereits im nächsten Doppelhaushalt für die Jahre 2018/2019.“

Auch die Bildungsbehörde räumt Schwierigkeiten bei der Inklusion ein. „Wir müssen die Schulen entlasten, wissen aber noch nicht, mit welchen Mitteln“, sagt Behördensprecherin Annette Kemp.

Im Zusammenhang mit der Entscheidung, die Förderschule an der Fritz-Gansberg-Straße über das Jahr 2018 weiterlaufen zu lassen, erklärt Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD), dass die Regelschulen in Bremen noch nicht soweit seien, alle förderbedürftigen Schüler aufzunehmen. „Das können die nicht verkraften.“ Es gebe eine Fürsorgepflicht für alle Kinder, auch für jene, die von Anfang an eine Regelschule besuchen.

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