Irmtraud Friese aus Finna setzt sich für den Erhalt ein und warnt vor falschen Weichenstellungen der Politik

Sind Familiengräber bald Geschichte?

Harrendorf·Finna. Irmtraud Friese aus Finna macht sich Sorgen um die Zukunft der Friedhöfe. „Wie kann die Spirale unterbrochen werden?“, fragt sie sich angesichts der Entwicklung, die in vielen Dörfern landauf landab zu beobachten ist: Immer mehr klassische Grabstellen, vor allem die großen Familiengräber, werden nach Ablauf der Ruhezeiten aufgegeben.
03.12.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Lutz Rode
Sind Familiengräber bald Geschichte?

Die Friedhöfe wandeln sich – so auch in Harrendorf und Finna. Wie in vielen anderen Ortschaften auch sind über die Jahre viele Grabstellen aufgegeben worden und Flächen bleiben leer. So mancher sorgt sich um die Zukunft der Friedhöfe.

Irmtraud Friese aus Finna macht sich Sorgen um die Zukunft der Friedhöfe. „Wie kann die Spirale unterbrochen werden?“, fragt sie sich angesichts der Entwicklung, die in vielen Dörfern landauf landab zu beobachten ist: Immer mehr klassische Grabstellen, vor allem die großen Familiengräber, werden nach Ablauf der Ruhezeiten aufgegeben. Auch der Trend zu Urnenbeisetzungen und anderen Bestattungsformen trägt dazu bei, dass auf den Friedhöfen die ungenutzten Flächen größer werden. Das hat auch finanzielle Auswirkungen: Weil der Aufwand für die Pflege der Freiflächen für die Allgemeinheit steigt, sehen sich viele Gemeinden gezwungen, die Friedhofsgebühren anzuheben – so auch in der Gemeinde Hagen, wo nach langer Diskussion Ende 2014 eine neue Satzung in Kraft trat. Friese warnt vor diesem Weg: Für so manchen Angehörigen sind höhere Gebühren nur ein Grund mehr, die Nutzungsrechte für die Grabstellen ihrer Familien nicht weiter zu verlängern. Aber wie kann die Entwicklung gestoppt werden?

Irmtraud Friese befürchtet, dass vor allem die großen Familiengräber schon bald ganz von der Bildfläche verschwunden sein könnten, wenn nichts passiert. Im Falle ihrer eigenen Familie hat sie sich bewusst für den Erhalt der Grabstelle entschieden, auf der sich insgesamt acht Gräber befinden. Als ihre Mutter vor kurzem im Alter von 86 Jahren starb, erwarb sie nicht nur die 30-jährigen Nutzungsrechte für deren Grab, sondern verlängerte diese auch für die übrigen dort beerdigten Familienmitglieder bis zum Jahr 2045 gleich mit. Alles in allem kam dabei eine Summe von 1760 Euro heraus, die ihr die Gemeinde Hagen in Rechnung stellte.

Friese hätte die Gräber, auf denen die Ruhezeiten in absehbarer Zeit ablaufen, auch kündigen können, dann wäre die finanzielle Belastung geringer ausgefallen. Doch für Irmtraud Friese kam das nicht in Frage. „Die Verstorbenen waren einmal Mittelpunkt der Familie. Ich habe sie alle gut gekannt. Ich möchte zu den Gräbern meiner lieben Angehörigen gehen können. Ich möchte einen Friedhof, auf dem Steine mit Inschriften an Menschen erinnern, die zu meiner Familie gehörten“, sagt sie.

Kritik übt Friese an den Zahlungsmodalitäten der Gemeinde Hagen im Bremischen: Zwar hätte die Möglichkeit bestanden, den fälligen Betrag in Raten zu zahlen, doch Voraussetzung dafür sei, dass die Zahler gegenüber der Gemeinde ihre finanziellen Verhältnisse bis ins Detail offenlegen. Dies werde, so heißt es auf Nachfrage im Hagener Rathaus, aufgrund einer Dienstanweisung so verlangt – so wie es bei Ratenzahlungen auch anderswo üblich sei, ähnlich einer Schufa-Auskunft eben. Vier Wochen haben die Angehörigen Zeit, die Rechnung der Gemeinde zu begleichen. Imtraud Friese fragt sich, wer das angesichts der hohen Summen innerhalb dieser Frist schaffen soll.

Doch das ist nur ein Aspekt der Angelegenheit: Friese geht es nicht nur um die Erinnerung an ihre eigenen Angehörigen. Für sie gehören Friedhöfe mit Familiengrabstellen zur hiesigen Kultur und dürfen ihrer Ansicht nach nicht durch „falsche Weichenstellungen der Politik“ aufgelöst werden. Eine finanzielle Entlastung derer, die Familiengräber erhalten, wäre eine denkbare Variante. Es gibt aber auch die Idee, dass zumindest die Grabsteine von aufgegebenen Gräbern auf den Friedhöfen verbleiben könnten – und zwar so aufgestellt, dass die Standfestigkeit gewährleistet bleibt, auch wenn sich kein Angehöriger mehr um sie kümmert. „Der Friedhof erinnert daran, wer im Ort gelebt und gewirkt hat. Das sollte unbedingt erhalten bleiben“, sagt Friese.

Erinnerung an die Vorfahren

Das sieht auch der ehrenamtliche Friedhofsbeauftragte Lühr Ahrens so. Er kümmert sich seit neun Jahren ehrenamtlich um die Friedhöfe in Finna und Harrendorf, als „verlängerter Arm“ der Gemeindeverwaltung ist er Ansprechpartner für die Angehörigen bei der Planung einer Beisetzung. Ahrens hat die Zahlen parat: In Harrendorf gibt es seinen Angaben zufolge derzeit 308 Grabstellen, von denen 139 frei sind. In Finna sind 76 von insgesamt 196 Grabstellen nicht belegt. Der 69-Jährige setzt sich für den Erhalt der Friedhöfe in den Dörfern ein. „Ich sehe sie auch als Kulturstätte an, die auch an die Geschichte der Vorfahren erinnern. Dass darf man nicht einfach wegwischen“, sagt Ahrens.

Auch in Harrendorf und Finna ist abzusehen, dass weitere Familiengräber verschwinden. Vielfach gibt es nur noch wenige Angehörige, die zudem oft ein Alter erreicht haben, in dem sie sich nicht mehr um die Pflege der Gräber kümmern können. Junge Leute, so berichtet er, hätten die Dörfer berufsbedingt häufig verlassen und könnten die Gräber ebenso wenig pflegen. Auch das Finanzielle spiele eine Rolle: „Vielen Angehörigen stößt sauer auf, dass sie eine Grabstelle nach 30 Jahren noch einmal kaufen sollen“, weiß Ahrens aus zahlreichen Gesprächen mit Angehörigen.

Birgit Witt, die sich im Hagener Rathaus um Friedhofsangelegenheiten kümmert, weiß ebenfalls aus Gesprächen, dass vielen Angehörigen der Pflegeaufwand für die Gräber zu hoch ist. Über eine mögliche Antwort darauf wurde vor einigen Tagen im Umwelt, Bau- und Dorfentwicklungsausschuss der Gemeinde diskutiert. Es ging um den Vorschlag, auf den Friedhöfen in Hagen und Bramstedt Flächen anzulegen, auf denen künftig Sargbestattungen mit Rasengrabplatten vorgenommen werden. Bestattungsunternehmen, so hielt die Verwaltung fest, hätten bestätigt, dass es einen Bedarf gebe.

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