Missbrauchsstudie

So geht die Kirche in Bremen und Niedersachsen mit sexuellem Missbrauch um

In Niedersachsen und Bremen sind in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 220 Minderjährige von katholischen Geistlichen missbraucht worden - das geht aus einer bundesweiten Missbrauchsstudie hervor.
25.09.2018, 21:51
Lesedauer: 4 Min
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Von Sara Sundermann, Christian Hasemann, Anne Gerling und Sigrid Schuer
So geht die Kirche in Bremen und Niedersachsen mit sexuellem Missbrauch um

Männer und Frauen, die Missbrauch erlebt haben, können sich unabhängig von ihrem Alter an das Jungenbüro und an Schattenriss wenden.

Jan Woitas/dpa

Katholische Geistliche in Niedersachsen und Bremen haben in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 220 Minderjährige missbraucht. Das geht aus Daten der Bistümer Osnabrück und Hildesheim hervor, die am Dienstag parallel zur bundesweiten Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz veröffentlicht wurden. Bremen gehört großteils zum Bistum Osnabrück, ein kleineres Gebiet in Bremen-Nord zum Bistum Hildesheim.

Wie viele Missbrauchsfälle es konkret in Bremen gegeben hat, geht aus der Studie nicht hervor. Die Zahlen seien nicht regionalisiert, sagt ein Sprecher des Bistums Osnabrück. Die einzelnen Gemeinden seien auch nicht in die Recherche für die Studie einbezogen gewesen: Ein Team aus fünf Mitarbeitern – ein Priester und vier Laien – habe in Osnabrück Personalakten von Priestern durchgesehen. „Wir haben uns dafür ausgesprochen, dass externe Personen die Akten prüfen, aber die Bischofskonferenz lehnte dies ab, weil es aus Datenschutzgründen nicht möglich sei“, sagt Bistum-Sprecher Hermann Haarmann.

Staatsanwaltschaft wurde erst viel später eingeschaltet

Eine katholische Hochburg ist Bremen nicht – etwa zwölf Prozent der Bevölkerung sind katholisch. Doch angesichts von mehr als 3600 Missbrauchsopfern bundesweit, die allein die Studie der Kirche benennt, ist unwahrscheinlich, dass es hier kaum Fälle gab. 2010 wurden Vorwürfe gegen einen Priester bekannt, der in den 70er-Jahren in der St. Marien Gemeinde in Walle arbeitete und nach einem Einsatz in Lingen auch in der St. Antonius Gemeinde in Tenever.

Er soll sich in seiner Zeit in Walle an einem Jungen vergangen haben. Später gaben vier Frauen an, er habe sie in Lingen sexuell missbraucht. Laut Erzbistum Hamburg wurde das Thema zunächst kirchenintern geregelt: Dem Priester wurde auferlegt, eine Therapie zu machen und nicht mehr allein mit Jugendlichen zu arbeiten. Erst viel später wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Der Priester wurde 2010 nach Bekanntwerden der Vorwürfe in den Ruhestand versetzt.

Einzelne Fälle, bei denen Bremer Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche erlebten, wurden beim Bremer Jungenbüro bekannt, sagt Berater Volker Mörchen. Generell aber sei das Jungenbüro nur für Kinder und junge Männer bis 27 Jahre zuständig – doch gerade Missbrauchsopfer im Bereich der Kirchen meldeten sich oft erst viele Jahre später, auch weil die Scham der Betroffenen meist so groß sei. „In Bremen fehlt eine Anlaufstelle für Männer über 27“, sagt Mörchen.

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„Es gibt immer wieder Fälle auch hier in Bremen, in denen Geistliche ihre Position ausnutzen“, sagt Anke Fürst, Beraterin bei Schattenriss, wo Mädchen sich Hilfe bei sexuellem Missbrauch holen können. Doch nicht nur in der Katholischen Kirche, in allen Religionen und Glaubensgemeinschaften komme sexualisierte Gewalt vor.

„Wir haben Fälle aus der katholischen wie aus der evangelischen Kirche, aus jüdischen oder muslimischen Gemeinden und spirituellen Gemeinschaften.“ Fürste betont: „Das Thema Kirche und Missbrauch ist noch sehr tabubelegt, und die kirchlichen Strukturen begünstigen dies – die Kirche versucht immer wieder, Missbrauchsfälle innerhalb ihrer eigenen Strukturen zu regeln, aber sexueller Missbrauch lässt sich nicht intern regeln, das wissen wir aus Erfahrung.“

Männer und Frauen, die Missbrauch erlebt haben, können sich unabhängig von ihrem Alter an das Jungenbüro und an Schattenriss wenden. Beide Stellen beraten bei Anträgen für den bundesweiten Fonds Sexueller Missbrauch. Durch diesen können sich Betroffene Hilfeleistungen wie eine Therapie finanzieren lassen, um Folgen des Missbrauchs abzumildern.

Schon lange ein Thema

„Das Leid, dass betroffene Kinder und Jugendliche erfahren haben, ist kaum zu beschreiben“, sagt Probst Martin Schomaker vom Katholischen Gemeindeverband Bremen. „Auf vielen Ebenen haben Verantwortliche in der Kirche in der Vergangenheit schwerwiegende Fehler begangen, um die Institution und die Täter zu schonen.“ Es sei eine bittere Erkenntnis, dass Kinder und Jugendliche Opfer von Verbrechen wurden. „Aus dieser Erkenntnis wurden schon vor Jahren Maßnahmen eingeleitet“, so Schomaker. „Die Präventionsarbeit wurde massiv verstärkt.“

Pfarrer Joachim Dau von der Gemeinde St. Raphael im Bremer Osten hat die Diskussion um Missbrauch in seiner Predigt am vergangenen Sonntag aufgegriffen. „Ich wollte ein deutliches Zeichen setzen und Stellung beziehen“, sagt Dau. Missbrauch sei in seiner Gemeinde schon lange Thema: Es würden Präventionsmaßnahmen, zum Beispiel polizeiliche Führungszeugnisse aller hauptamtlichen Mitarbeiter und Schulungen für Gruppenleiter umgesetzt, zudem gebe es einen Beauftragten für ein Schutzkonzept.

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Im Bremer Westen seien die Missbrauchsopfer in die Fürbitte eingeschlossen worden, sagt Pfarrer Josef Fleddermann Pfarrei St. Marien in Walle: „Aber ansonsten ist das bei uns noch nicht so thematisiert worden.“ Er selbst wisse von einem Betroffenen aus einer anderen Gemeinde, der Kontakt zur Bischofskonferenz habe. Wichtig sei, dass der Missbrauch nun intern zum Thema werde, präventive Maßnahmen gebe es in der Gemeinde bereits.

„Der Kirche ist daran gelegen, nüchtern an die Aufarbeitung dieser emotional aufwühlenden Fälle zu gehen“, sagt Elaine Rudolphi, pastorale Mitarbeiterin der Gemeinde St. Katharina. Sie betont: „Sexualisierte Gewalt ist immer Ausdruck eines Machtmissbrauchs. Es muss jetzt darum gehen, die Mechanismen, die dahinter stecken, aufzuarbeiten.“

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