Super-Recognizer identifizieren Gesichter treffsicher

Augen, die nie vergessen

Ihre Trefferquote schlägt jede Software: Ein flüchtiger Blick reicht, und sie erkennen ein Gesicht noch nach Jahren, in der Menge. Sogenannte Super-Recognizer sind absolute Ausnahmetalente.
27.09.2020, 05:00
Lesedauer: 8 Min
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Von Katja Füchsel
Augen, die nie vergessen

Beim Phänomen der „Super Recognizer“ steht die Wissenschaft noch ganz am Anfang. Diese Menschen verarbeiten unbekannte Gesichter so effizient, wie es anderen nur bei vertrauten Personen gelingt.

Alta Oosthuizen

Was hätten die Ermittler im Dezember 2016 für eine Spezialeinheit von Super-Recognizern gegeben. Ausnahmetalente, „Super-Wiedererkenner“, die sich ein Foto nur kurz anschauen müssen, um ein Gesicht treffsicher und jederzeit auch in einer Menschenmenge identifizieren zu können. Damals, als sie nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz nach dem Attentäter Anis Amri suchten. Stattdessen musste ausgerechnet Simon Rjosk helfen. Stundenlang saß der junge Beamte aus dem Betrugsdezernat vorm Monitor, starrte mit Dutzenden Kollegen auf unscharfe Mitschnitte aus Überwachungskameras, suchte auf Tankstellen, Bahnhöfen, Flughäfen– und erkannte niemanden. Kein Wunder, sagt der Kriminaloberkommissar: „Bei Gesichtern bin ich ganz, ganz schlecht.“

Polizeibeamte machen mit

Rjosk, 32 Jahre alt, hat aus seiner Schwäche eine Mission gemacht. Der Kriminaloberkommissar sucht für die Berliner Polizei keine Attentäter mehr, sondern Super-Recognizer. Seit dreieinhalb Jahren arbeitet der Kommissar zusammen mit der Schweizer Neurowissenschaftlerin Meike Ramon an einem Test für Talente in den eigenen Reihen. Ab Oktober sind alle 18 000 Berliner Polizeivollzugsbeamten aufgerufen, sich daran zu beteiligen.

9 Uhr, Montag in Berlin-Mitte. In einem Prüfungsraum der Polizeibehörde sitzen acht von insgesamt 58 Probanden, die in der Verwaltung arbeiten, aber in diesen Tagen Ramon und Rjosk bei der Endabstimmung helfen, bevor der Test ins Intranet gestellt wird. Ramon, 40 Jahre alt, und Rjosk, 32, könnten als Geschwister durchgehen, während sie den Probandinnen die letzten Instruktionen erteilen. Dunkles Haar, Locken, braune Augen. Für 140 Gesichter aus 1400 Möglichkeiten müssen sich die acht Frauen an diesem Tag entscheiden. Alles echte Fahndungsfotos, mal dunkel, mal unscharf, mal sieht man nur das Profil. Material also, mit dem sich die Polizei im echten Leben herumschlagen muss, bei der die fehleranfällige Gesichtserkennungssoftware schnell scheitern würde.

Fortschritte der Computertechnologie

Die Computertechnologie hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Smartphones und Tablets lassen sich mit Gesichtscans entsperren, längst sind neue Algorithmen für die Bildersuche entwickelt. Ist es nicht anachronistisch, jetzt nach menschlichen Supertalenten zu suchen? Einige Methoden sind aus ethischen Gründen bislang nicht zugelassen. Kritik löste 2018 auch das Pilotprojekt am Berliner Bahnhof Südkreuz aus, bei dem das Bundesinnenministerium verschiedene Computerprogramme zur Gesichtserkennung ausprobierte. Rund 300 Freiwillige hatten ihre Gesichter einscannen lassen.

Auf das menschliche Bildgedächtnis ist grundsätzlich kein Verlass. Augenzeugen können sich oft nur schlecht und manchmal auch falsch erinnern. „Selbst Opfer, die sich sicher sind, das Gesicht des Täters nie zu vergessen, irren sich oft bei der Identifizierung“, sagt Rjosk. Eine Studie, die 240 Fälle von Justizirrtümern in den USA auswertete, zeigte: Bei 75 Prozent waren fehlerhafte Zeugenaussagen der Hauptgrund für falsche Urteile.

Wissenschaftliches Neuland

In der Wissenschaft stellt das Phänomen der Super-Recognizer, wie Rjosks Projektpartnerin Ramon sagt, noch immer „absolutes Neuland“ dar. Dass es Menschen mit dieser Begabung gibt, beschrieb 2009 erstmals der US-amerikanische Wahrnehmungspsychologe Richard Russell. Er war während einer Forschungsarbeit über Gesichtsblindheit, der Prosopagnosie, eher zufällig auf vier Super-Recognizer gestoßen. Ihnen genügte oft nur ein flüchtiger Blick, um sich ein zuvor unbekanntes Gesicht langfristig einzuprägen.

Meike Ramon gilt als eine der wichtigsten Neurowissenschaftlerinnen, die sich mit dem Phänomen befassen. Seit 15 Jahren forscht sie zu der Frage, wie unser Gehirn den Anblick bekannter und unbekannter Gesichter verarbeitet. „40 bis 50“ Super-Recognizer habe sie vor allem in der Schweiz und Deutschland ausfindig gemacht, aber auch im Großbritannien und Portugal. Wenn alles gut läuft, kommt aus Berlin vielleicht bald ein ganzer Schwung hinzu.

Ausgeprägtes Personengedächtnis

Schätzungen zufolge verfügen nur etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung über ein exzeptionell ausgeprägtes Personengedächtnis. „Worauf das Talent beruht, ist noch weitgehend unbekannt“, sagt Ramon. Den Maschinen haben die Super-Recognizer voraus, dass sie die Menschen auch Jahre später wiedererkennen, selbst wenn sie 20 Kilo zugenommen und alle Haare verloren haben. Die Fähigkeit lasse sich nur begrenzt trainieren.

Sie selbst sei beim Erkennen von Gesichtern ziemlich gut, sagt Ramon. „Und 15 Jahre Forschungsarbeit haben sicherlich ihre Spuren hinterlassen.“ Dass sie es aber nicht mit den Profis aufnehmen kann, merkte sie, als sie mit ihrer ersten Super-Recognizerin auf dem Züricher Hauptbahnhof verabredet war, eine auffällig schöne Frau mit langen blonden Haaren. Ramon hielt Ausschau, guckte auch in die richtige Richtung, sah aber nur Gedränge. Während ihre Kandidatin schon rief: „Meike, hier!“ Für sie stach bereits auf 100 Meter das Gesicht der Forscherin aus der Menge hervor.

Überforderung ist nicht selten

Die Geschichten, die die Super-Recognizer Ramon erzählen, klingen alle ähnlich. Egal, ob es um eine flüchtige Urlaubsbekanntschaft der Eltern am Strand geht, um die Schwimmlehrerin aus der zweiten Klasse, den Verkäufer aus der Herrenabteilung oder die Freundin einer Freundin auf einer Party: Sie vergessen kein Gesicht. Ohne irgendeine eine Methode oder Anstrengung, es passiere einfach.

„Offenbar verarbeiten sie unbekannte Gesichter so effizient, wie es anderen nur bei vertrauten Personen gelingt“, sagt Ramon. Nicht jeder sei für seine Gabe dankbar. Es gebe Super-Recognizer, die Menschenmengen meiden, weil die vielen Informationen sie überfordern.

Ausnahmetalent

Nach den bisherigen Ergebnissen zeichnet die Super-Recognizer nur ihr Ausnahmetalent in Bezug auf Gesichter aus. In den Bereichen Intelligenz, Gedächtnis und allgemeine Wahrnehmung erzielen sie ansonsten eher durchschnittliche Leistungen. Sie kommen aus unterschiedlichsten Berufsgruppen, aus der Großstadt genauso wie aus der tiefsten Provinz.

Ramon ist gebürtige Deutsche, sie wuchs in Hagen auf und studierte Psychologie mit Schwerpunkt Neuropsychologie. 2010 promovierte sie in Belgien darüber, was im menschlichen Hirn abläuft, wenn wir persönlich bekannte Gesichter wahrnehmen. Danach arbeitete sie an den Universitäten von Glasgow und Fribourg. In der Schweiz leitet sie nun ihr eigenes vierköpfiges Team und spürt mit ihrem mobilen Labor Super-Recognizer auf.

Dritte Säule des kriminalpolizeilichen Sachbeweises

Während die Kandidaten sich in ihren Wohnzimmern durch die Tests arbeiten, misst Ramon mittels EEGs die Hirnaktivitäten und verfolgt mit einem Eye Tracker die Augenbewegungen nach. Die zunehmende Nutzung digitaler Kommunikationstechnologien, der Einsatz von Smartphones und Überwachungssystemen beschert den Sicherheitsbehörden immer mehr Material. Doch das muss auch ausgewertet werden. „Gesichtserkennung gewinnt als dritte Säule des kriminalpolizeilichen Sachbeweises – neben dem Fingerabdruck und DNA-Spuren – immer mehr an Bedeutung“, sagt Kommissar Rjosk.

In der Schweiz hat Ramon bereits Polizeieinheiten in Fribourg und Zürich beraten. In Fribourg konnte die Kantonspolizei mit Hilfe der Super-Recognizer zwei bewaffnete Raubüberfälle aufklären. Es waren die Erfolge der Metropolitan Police London, die den Chef des Berliner Kriminalamts auf die Idee brachten, die Forscherin als Beraterin zu verpflichten.

Erprobt in London, Köln und München

Die Scotland-Yard-Ermittler stellten als erste eine ganze Spezialeinheit aus Super-Recognizern auf. 20 Polizisten waren einem Detective Chief Inspector aufgefallen, weil sie in seinem Videoüberwachungsteam immer wieder Verdächtige identifizierten, wo die Künstliche Intelligenz und andere Kollegen versagten.

Als es im August 2011 zu Straßenkrawallen kam, soll einer von ihnen allein 180 Randalierer erkannt haben, während das Gesichtserkennungsprogramm nur einen einzigen Treffer lieferte. 2014 überführte die Spezialeinheit den Mörder der 14-jährigen Alice Gross, obwohl von den beiden nur eine kaum erkennbare Aufnahme existierte. Ein Jahr später wurde bei Scotland Yard eine Einheit der „Proactive Super-Recognizer“ gegründet, um alte und neue Fälle aufzuklären.

Nach der Kölner Silvesternacht 2015 fragte die deutsche Polizei auch Hilfe aus London an. Zwei Super-Recognizer suchten auf den Videoaufnahmen von der Domplatte und vom Hauptbahnhof nach den Frauen, die Anzeige erstattet hatten. Erkannten sie die Frauen wieder, verfolgten sie deren Weg, bis sich ihnen ein Verdächtiger näherte. So konnten die Ermittler diese mit den Fahndungsbildern abgleichen.

Im letzten Jahr zog die Polizei in München nach und gründete eine Super-Recognizer-Einheit aus 37 Beamten, 24 Männer und 13 Frauen, die sich in einem Onlinetest hervorgetan hatten. Rjsok, der Kommissar, glaubt, dass die Polizei angesichts der Herausforderungen einer globalisierten und digitalisierten Welt nur eine Zukunft hat, wenn sie sich des Wissens von außen bedient. Drei Studiengänge hat der 32-Jährige abgeschlossen. Anfang 2017 fing er im „LKA Stab“ an, Abteilung strategisches Innovationsmanagement.

Nicht jeder, der ein gutes Gedächtnis für Gesichter hat, ist ein Super-Recognizer, auch wenn mancher das von sich in den Medien gern behauptet. Deshalb ist Ramon bei dem Projekt so leidenschaftlich. „Als Resultat einer echten interdisziplinären Kollaboration haben wir bald ein wissenschaftlich validiertes Verfahren, das auch anderen Polizeibehörden zur Verfügung gestellt werden soll.“

Datenschutzbedenken sprechen für Menschen

Im Prüfungsraum ist an diesem Morgen bald nur noch das vereinzelte Klicken der Computermäuse zu hören. Ramon und Rjosk schleichen durch die Reihen, während sich die Frauen durch die Teststrecke klicken. Auf jeder Seite steht oben das Foto des Gesuchten, der aus zehn weiteren Screenshots wiedererkannt werden muss. Cursor laufen über die Gesichter. Manche zögern lange, laufen vor und zurück, bis sie sich entscheiden. Die ersten Frauen sind nach 20 Minuten fertig, die letzten brauchen fast 90 Minuten.

Allein schon wegen der Datenschutzbedenken ist Ramon überzeugt, dass die Super-Recognizer auf absehbare Zeit nicht von Maschinen ersetzt werden könnten. Außerdem müssten Programme, die mit menschenähnlicher Genauigkeit operieren, mit etlichen unterschiedlichen Bildern einer Person gefüttert werden, damit sie diese wiedererkennen.

Stärken der Systeme

Solange der Mensch der Maschine überlegen sei, liege die Zukunft der Fahndung in ihrer Verschmelzung, also im Cyborg. Um die jeweiligen Stärken der Systeme ausspielen zu können. Als Gehilfen des Menschen könnte die automatischen Gesichtserkennungsprogramme beispielsweise bei der Vorauswahl gute Dienste leisten, weil sie viel schneller sind und nicht ermüden. „Wir wollen nicht mehr Daten erheben, sondern die vorhandenen besser auswerten“, sagt Rjosk.

Im Frühjahr 2021 wird sich zeigen, wie viele Polizisten im Test aufgefallen sind und ob es für eine Taskforce reicht. Rjosk hält es für wahrscheinlicher, dass die Spezialisten in ihren Dienststellen bleiben und nur für bestimmte Anlässe herangezogen werden. „Nicht jeder Super-Recognizer kann alles gleich gut“, erklärt der Kommissar. Der eine sei extrem schnell, der andere könne besonders gut mit Fotos arbeiten, der nächste brauche nur eine bewegte Filmsequenz zu sehen.

Was aber bringen all die Algorithmen, Überwachungskameras und Super-Recognizer, wenn die Menschen in der Öffentlichkeit eine Maske tragen? Für eine verbindliche Antwort sei es noch zu früh, sagt Ramon. Doch man wisse, dass die Augenpartie einen wesentlichen Teil zur Wiedererkennung beitrage. Nicht ohne Grund maskierten sich Batman und Karnevalsbesucher diesen Teil des Gesichts. „Es würde mich zwar nicht erstaunen, wenn das Maskentragen die Wiedererkennung erschweren würde.“ Unmöglich mache es sie nicht.

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