Kommentar über das Ende der Merkel-Ära

Späte Rache

Angela Merkel wird weniger unter dem Verlust ihrer Ämter leiden, als dies 2004/2005 Gerhard Schröder tat, meint Hans-Ulrich Brandt.
10.11.2018, 20:02
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Späte Rache
Von Hans-Ulrich Brandt
Späte Rache

Angela Merkel bliebe ein würdiger Abgang, wenn Annegret Kramp-Karrenbauer ihr nachfolgen würde.

Michael Kappeler/dpa

Fest steht schon jetzt: Angela Merkel wird weniger unter dem Verlust ihrer Ämter leiden, als dies 2004/2005 Gerhard Schröder tat. Unvergessen sein trotzig-selbstverliebter Auftritt in der Elefantenrunde am Abend des 18. September 2005, als der gerade abgewählte SPD-Kanzler der CDU-Vorsitzenden rigoros absprach, sie könne seine Nachfolgerin werden. Ein Irrtum, wie sich herausstellte. Zugleich aber auch untrügliches Indiz für Schröders unverbesserliche Hybris, die ihn besonders in der Spätphase seiner Kanzlerschaft charakterisierte.

Der Mann war an dem Abend immer noch im Wahlkampfmodus, ein Machtwechsel war für ihn unvorstellbar. Als er seinen Chefposten an der Spitze der Bundesregierung dann doch räumen musste, litt der Egozentriker wie ein Hund. Ausgerechnet seine SPD verhalf der von Schröder nie so recht für voll genommenen Angela Merkel zur Kanzlerschaft. Der Abgang fiel ihm schwer, hinterließ Wunden.

Kein Wunder also, dass der Altkanzler diese Woche Merkels Verzicht auf eine erneute Kandidatur für das Amt der CDU-Parteivorsitzenden als Steilvorlage für eine Retourkutsche nutzte. Das sei es denn wohl für Merkel, ihr Scheitern als Bundeskanzlerin nur noch eine Frage der Zeit. Keinesfalls hat Schröder nämlich vergessen, was ihm vor 14 Jahren die nach seinem Amt trachtende CDU-Vorsitzende prophezeit hatte: den Anfang vom Ende von Rot-Grün, und damit auch das baldige Ende seiner Kanzlerschaft. Mit diesen Worten hatte Merkel damals auf die Ankündigung Schröders reagiert, den SPD-Chefposten abzugeben.

So kam es bekanntlich, Angela Merkel behielt recht. Die Sozialdemokraten wählten am 21. März 2004 Franz Müntefering in „das schönste Amt neben dem Papst“, wie der Sauerländer es ausdrückte. Anderthalb Jahre später endete Schröders Kanzlerschaft. Nun hat er zurückgeschlagen. Es war die erwartbare späte Rache eines zutiefst gekränkten Machtpolitikers.

Ob auch Schröder recht behält? Viel wird davon abhängen, wer Merkel ins Amt der Parteichefin folgt. Sollte es Friedrich Merz werden, könnte Schröders Prophezeiung eintreten. Doch die Kandidatur von Annegret Kramp-Karrenbauer erscheint immer aussichtsreicher. Zwar hat auch sie die Ära Merkel für beendet erklärt, trägt aber nicht, wie Merz, den Dolch im Gewande. Sie würde Merkel also in den noch verbleibenden knapp drei Jahren nicht aus dem Kanzleramt jagen.

Geschickt hat sich die Saarländerin von der scheidenden CDU-Chefin abgesetzt, ohne Wunden zu reißen. Das verrät ihr großes strategisches Geschick. Sie verspricht einen Neuanfang, will aber keinen Bildersturm. Alte Rechnungen muss sie nicht begleichen, im Gegenteil. AKK ist eine Merkel-Getreue. Jetzt will sie ihr nachfolgen, dabei aber ihren Weg gehen. Und der Kanzlerin bliebe ein würdiger Abgang.

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