Kommentar über das Königshaus in Spanien

Der tiefe Sturz eines Königs

Der Rauswurf des einstigen Königs aus dem Palast ist ein notwendiger Befreiungsschlag, um Spaniens parlamentarische Monarchie vor einem weiteren Ansehensverlust zu retten, meint Ralph Schulze.
05.08.2020, 05:00
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Der tiefe Sturz eines Königs
Von Ralph Schulze
Der tiefe Sturz eines Königs
epa efe Javier Cebollada

Viele Jahre gehörten Spaniens Royals zu den angesehensten Königsfamilien der Welt. Juan Carlos I. galt lange Zeit als bürgernah und beispielhaft. Und er wurde als Vater und Garant der spanischen Demokratie gefeiert. Juan Carlos spielte als königliches Staatsoberhaupt nach dem Ende der Franco-Diktatur im Jahr 1975 eine wichtige Rolle bei der Demokratisierung Spaniens. 1981 stellte er sich einem Militärputsch entgegen und befahl den aufständischen Einheiten per Fernsehansprache, in die Kasernen zurückzukehren. In erster Linie hat es Juan Carlos diesem Einsatz zu verdanken, dass er als „Bürgerkönig“ und „Wegbereiter der Demokratie“ in die Geschichtsbücher einging. Doch diese Verdienste sind inzwischen verblasst.

In den vergangenen 20 Jahren machte Juan Carlos vor allem durch eine Serie von Skandalen auf sich aufmerksam: Seitensprünge, Berichte über uneheliche Kinder, luxuriöse Jagdaffären, Amigo-Geschäfte. Und jede Menge gefährlicher Freundschaften mit arabischen Diktatoren, die er gerne als seine „Brüder“ bezeichnete. Das „vorbildliche Verhalten“, das Juan Carlos immer wieder und öffentlich für alle Staatsdiener einforderte, war schon länger auf der Strecke geblieben. Das vorerst letzte Kapitel dieses Niedergangs ist der nun bekannt gewordene Skandal um ausländische Schwarzgeldkonten, die mit Schmiergeldern gefüllt sein sollen. Illegale Millionen, die Juan Carlos in seiner Zeit als Staatsoberhaupt zugeflossen sein sollen, weil er Geschäfte zwischen der spanischen Industrie und arabischen Staaten eingefädelt haben soll.

Wie konnte der heute 82 Jahre alte Juan Carlos derart die Bodenhaftung verlieren? Jener Mann, der immer wieder bescheiden gesagt hatte, dass sich ein König seine Krone verdienen müsse. Verleitete ihn die absolute Straflosigkeit, welche Spaniens Verfassung dem König zuerkennt, zum Amtsmissbrauch? Wegen dieser gesetzlich verankerten „Unverletzlichkeit des Königs“ kann Juan Carlos heute für mutmaßliche Straftaten während seiner Amtszeit nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

Nur für mögliche Delikte nach seiner Abdankung im Jahr 2014 kann er vor Gericht gestellt werden. Spaniens Staatsanwaltschaft prüft daher, ob Juan Carlos nach seinem Amtsabschied wenigstens wegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche belangt werden kann. Doch unabhängig von der rechtlichen Verfolgung, deren Ausgang derzeit noch offen ist, konnte der König im Ruhestand einer anderen Sanktion nicht ausweichen: der öffentlichen Abstrafung und Verbannung.

Auch wenn das Königshaus Juan Carlos’ spektakulären Rückzug ins Ausland nun als „freiwillige Entscheidung“ des alten Königs darstellt. In Wirklichkeit war es ein von Felipe, der 2014 die Krone von seinem Vater geerbt hatte, durchgesetzter Rauswurf aus dem Palast. Ein zweifellos notwendiger Befreiungsschlag, um Spaniens parlamentarische Monarchie vor einem weiteren Ansehensverlust zu retten. Ob dieses Manöver gelingt, wird man sehen, denn auch auf Felipe fallen Schatten: Er wusste seit über einem Jahr von den geheimen Schweizer Konten seines Vaters. Doch erst, als die Medien über die königliche Schwarzgeldkasse berichteten, vollzog er den Bruch mit seinem Vater, um den Schaden zu begrenzen.

Royale Experten glauben, dass diese durch Juan Carlos ausgelöste Krise noch schlimmere Folgen für das Image des Hofes haben könnte, als die Verurteilung des korrupten königlichen Schwiegersohns Iñaki Urdangarin. Der Ehemann von Prinzessin Cristina, der Schwester Felipes, sitzt wegen unsauberer Geschäfte hinter Gittern. Urdangarin war 2017 wegen Korruption und Steuerbetrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt worden.

Schon in dieser Betrugsaffäre fiel ein Verdacht auf Juan Carlos, der Zeugenaussagen zufolge von den krummen Geschäften Urdangarins gewusst und dabei mitgemischt haben soll. Doch Juan Carlos blieb zu dieser Zeit von der Justiz unbehelligt. Seine fragwürdigen Geschäfte waren viele Jahre ein Tabu ein Spanien. Nun ist die Schonzeit für Juan Carlos offenbar vorbei. Droht ihm demnächst ein ähnliches Schicksal wie seinem betrügerischen Schwiegersohn?

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