München Staatsschutz verdächtigte nach NSU-Bombenanschlag zunächst das Opfer

München. Der Boden der Gaststätte „Sonnenschein“ war von Splittern übersät. Den Geruch nach Chinaböllern habe er noch heute in der Nase, sagt Hauptkommissar Peter O.
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Von Wiebke Ramm

Der Boden der Gaststätte „Sonnenschein“ war von Splittern übersät. Den Geruch nach Chinaböllern habe er noch heute in der Nase, sagt Hauptkommissar Peter O. Es ist der 172. Verhandlungstag im Prozess gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte um die Verbrechen des rechtsterroristischen „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU). Am Mittwoch, dem letzten Verhandlungstag in diesem Jahr, geht es vor dem Oberlandesgericht München um einen Sprengstoffanschlag in einer Nürnberger Kneipe am 23. Juni 1999. Der Anschlag ist noch gar nicht Teil der Anklage gegen Zschäpe. Die Ermittler haben erst durch die Aussage des Angeklagten Carsten S. im Prozess von einen möglichen NSU-Zusammenhang erfahren.

Am achten Verhandlungstag im Juni 2013 hatte S. unter Weinkrämpfen geschildert, wie er im Frühjahr 2000 mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in einem Café in Chemnitz gesessen hatte. „Dann haben die gesagt, dass sie in Nürnberg in irgendeinem Laden eine Taschenlampe hingestellt haben.“ Carsten S. hatte fürchterlich geweint bei diesen Worten. Er habe damals nicht gewusst, was Böhnhardt und Mundlos meinten, aber sofort an Sprengstoff gedacht. In seinem Rucksack hatte S. an diesem Tag eine Pistole mit Schalldämpfer, die er Böhnhardt und Mundlos wenig später in einem Abbruchhaus übergab. Es war die Ceska, mit der der NSU später neun türkische und griechische Männer ermordete.

Jetzt berichtet Peter O. als Zeuge vor Gericht, dass es tatsächlich am 23. Juni 1999 einen Sprengstoffanschlag in einer türkischen Kneipe in Nürnberg gegeben hatte. Der Hauptkommissar war damals beim Landeskriminalamt Bayern mit Sprengstoffdelikten befasst. Der 18-jährige Serkan Y. hatte an jenem Junitag beim Reinigen der Kneipe eine 30 Zentimeter lange Taschenlampe hinter einem Abfalleimer im Toilettenbereich entdeckt. Als der junge Mann versucht hatte, die Taschenlampe anzuknipsen, war der Sprengsatz explodiert. Serkan Y. hatte Schnittverletzungen im Gesicht, an den Armen und am Oberkörper erlitten – und dabei noch Glück gehabt: Wäre das Rohr der Taschenlampe, das an mehreren Stellen angesägt war, zersplittert, hätte Serkan Y. sterben können.

Der Staatsschutz habe damals „keine Hinweise auf einen ausländerfeindlichen Hintergrund“ gefunden, sagt der Polizeizeuge, sondern stattdessen das Opfer selbst verdächtigt. Zeugen hätten allerdings ausgesagt, dass am Tattag ein Deutscher in der Kneipe gewesen sei. Der etwa 50 Jahre alte Mann sei zuvor nur ein einziges Mal als Gast aufgetaucht. Er habe Nürnberger Dialekt gesprochen und sei „sonderbar“ gewesen: Ständig habe er von Gewalttaten und Sprengstoffanschlägen gesprochen, so die Zeugen.

„Hätte der Angeklagte Carsten S. einfach geschwiegen, hätten wir von diesem Anschlag des NSU nie erfahren“, sagt Nebenklagevertreter Mehmet Daimagüler. Auch Opferanwalt Thomas Bliwier betont den „hohen Verdienst“ des Angeklagten Carsten S. Der Bericht des Ermittlers habe gezeigt, dass die Aussage des einzig umfassend geständigen Angeklagten glaubhaft sei. Carsten S. scheinen die Worte der Opferanwälte nahezugehen. Es wirkt, als kämpfe er mit den Tränen.

Zschäpes Verteidiger Wolfgang Stahl erinnert daran, was Carsten S. damals noch gesagt hatte: Böhnhardt und Mundlos hätten ihm von dem Anschlag berichtet, bevor sich Zschäpe zu den Dreien ins Café setzte. Als Zschäpe sich ihnen genähert habe, soll einer der beiden „Pssst!“ gesagt haben. Carsten S. hatte das so verstanden, dass Zschäpe von dem Gespräch nichts mitbekommen sollte. Nur – was hatte Zschäpe nicht mitbekommen sollen? Dass es einen Anschlag gegeben hatte oder dass Böhnhardt und Mundlos davon erzählten?

Seit Sommer 2013 wird jedenfalls wegen des Sprengstoffanschlags gegen Zschäpe ermittelt. Bestätigt sich der Verdacht, kommt für sie zu den ihr bislang bereits vorgeworfen zehn Morden, 15 Raubüberfallen und zwei Sprengstoffanschlägen noch ein weiterer Anklagepunkt hinzu.

Der NSU-Prozess wird am 12. Januar 2015 fortgesetzt.

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