Kommentar zur Sterbehilfe Sterben in Würde: Helfen auf dem letzten Weg

Eine Debatte über die Sterbehilfe hat in der Evangelischen Kirche an Fahrt aufgenommen. Auch mit Rücksicht auf die Ökumene sollte die Kirche bei diesem Thema zurückhaltend sein, meint Benjamin Lassiwe.
20.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Benjamin Lassiwe

Die Evangelische Kirche in Deutschland und ihre Diakonie stehen vor einem ethischen Problem. Wie sollen sie künftig in ihren Altenheimen, wie sollen sie in ihren Kirchengemeinden, in Seniorenkreisen und häuslicher Seelsorge mit Menschen umgehen, die selbstbestimmt aus dem Leben scheiden wollen? Vor ziemlich genau einem Jahr, im Februar 2020, hatte das Bundesverfassungsgericht das Verbot der geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe für nichtig erklärt. Zwar gibt es nach wie vor kein Recht auf Beihilfe zum Suizid – der Staat darf es dem Einzelnen aber nicht unmöglich machen, solche Angebote in Anspruch zu nehmen. Und die Kirche?

Es war ein kleiner Paukenschlag, als sich vor einer Woche die Theologen Rainer Anselm und Isolde Karle sowie der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, zu Wort meldeten. Sie formulierten in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, es könnte „auch eine Aufgabe kirchlich-diakonischer Einrichtungen sein, neben einer bestmöglichen medizinischen und pflegerischen Versorgung auch bestmögliche Rahmenbedingungen für eine Wahrung der Selbstbestimmung bereitzustellen„. Es erscheine möglich, Angebote wie eine palliative Sedierung und die Begleitung „bei einem wohlüberlegten Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit als Alternativen, abgesicherte Möglichkeiten eines assistierten Suizids in den eigenen Häusern anzubieten oder zumindest zuzulassen“.

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Mittlerweile hat die Debatte an Fahrt aufgenommen: Während Hannovers Landesbischof Ralf Meister die Überlegungen der Theologen unterstützt, lehnten der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und der neu gewählte Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, solche Überlegungen ab. „Es ist unsere Aufgabe, Menschen auf ihrem Weg zum Sterben zu begleiten“, sagte Latzel nach seiner Wahl am Donnerstag. Die Kirche respektiere, dass Menschen selbst aus dem Leben scheiden wollen. „Aber ich glaube nicht, dass es unsere Aufgabe ist, in den kirchlichen und diakonischen Einrichtungen selber so ein Angebot zu machen.“

Gleichwohl müssen sich Pflegeeinrichtungen künftig die Frage stellen, wie sie mit dem Wunsch von Patienten nach Suizidbeihilfe umgehen. Ein Altenheim wird künftig kaum verhindern können, dass Sterbewillige entsprechende Angebote von Externen in Anspruch nehmen wollen. Deswegen ist es richtig und wichtig, dass Lilie und die beiden Professoren die Debatte losgetreten haben. Wobei das, worüber die Kirche debattieren kann und muss, nach dem Urteil des Verfassungsgerichts nur noch der kleine Unterschied zwischen „respektieren“ und „fördern“ sein kann.

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Und dabei sollten die Protestanten eher zurückhaltend sein. Denn zum einen bedeutet das Urteil gerade nicht, dass man mit fliegenden Fahnen und um jeden Preis zu den Befürwortern einer Suizidassistenz überlaufen muss. Die Kirchen haben sich in den letzten Jahrzehnten als wichtige Anwälte für den Schutz menschlichen Lebens an seinem Beginn und an seinem Ende profiliert. Ohne ihr Engagement wäre der Ausbau der Palliativmedizin, wäre auch die Hospizbewegung längst nicht dort angekommen, wo sie heute stehen. Und gerade weil diese Angebote auch Schwerstkranken ein würdiges Sterben ermöglichen, sollte das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden.

Schließlich könnte es künftig auch ein Qualitätsmerkmal evangelischer Alters- und Pflegeheime sein, ihren Bewohnern Angebote der Suizidassistenz ausdrücklich nicht aktiv zu unterbreiten. Denn wer neue Angebote schafft, muss auch immer damit rechnen, dass irgendwann ein subtiler Druck auf Pflegebedürftige entsteht, diese Möglichkeiten auch in Anspruch zu nehmen.

Zumal es für die EKD noch eine andere Perspektive geben muss: Denn sie handelt nicht im luftleeren Raum. Es geht auch um die Ökumene. Sollten sich die evangelische Kirche und ihre Diakonie zu sehr in Richtung des assistierten Suizids bewegen, würden neue Gräben entstehen. Und angesichts des vielfach geäußerten Wunsches nach mehr Ökumene wäre das wohl ebenfalls fatal.

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