AfD-Parteitag

Sticheln in Farge

Der Bremer Landesverband der AfD zählt rund 150 Mitglieder. Die meisten seien eher konservativ, heißt es von Parteifunktionären.
24.03.2017, 22:13
Lesedauer: 7 Min
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Sticheln in Farge
Von Patricia Brandt
Sticheln in Farge

Frank Magnitz, Sprecher des Bremer Landesverbands der Alternative für Deutschland (AFD), wird bei der Aufstellungsversammlung für die Bundestagswahl zum Spitzenkandidaten gewählt. Auch er erhält einen Fragebogen von Wahlforschern aus Halle an der Saale.

Christian Kosak

Der Bremer Landesverband der AfD zählt rund 150 Mitglieder. Die meisten seien eher konservativ, heißt es von Parteifunktionären.

Die heißen Bockwürstchen sind noch gar nicht serviert, da herrscht in der Gaststätte „Zum grünen Jäger“ schon dicke Luft. Ein AfD-Mitglied wirft dem stellvertretenden Landeschef vor, gegen Homosexuelle zu sticheln. „Ich zeige Sie an wegen Verleumdung, klar?“, schleudert Thomas Jürgewitz dem langhaarigen Mann am Tisch vorne rechts entgegen. Die Bremer AfD hält sich nicht mit Richtungskämpfen auf, die Mitglieder gehen sich im Kampf um die Posten gleich persönlich an. Auch bei der Aufstellungsversammlung für die Bundeswahl im nördlichsten Zipfel Bremens.

Rund 150 Mitglieder zählt der Bremer Landesverband. Die meisten, heißt es von Parteifunktionären, seien eher nationalkonservativ denn liberal. Fast ein Drittel der Mitglieder findet sich an diesem Tag unter dem LED-Sternenhimmel der Farger Traditions-Gaststätte ein. Die Herren sind deutlich in der Überzahl, mehrheitlich erscheinen sie in Freizeithemd und Sakko. Niemand kommt ungesehen an den beiden Frauen vorbei, die sich auf einer Bank am Eingang zusammenquetschen und so jung wirken, als gingen sie noch zur Schule. Beide lassen sich die Ausweise der eintreffenden Mitglieder vorzeigen. Im Hintergrund klappert Geschirr.

Der erste Kaffee wird an den runden, weiß gedeckten Tischen serviert. In der Mitte der Tische stehen auch Cola, Fanta und Wasser – kein Bier. „Die Aufstellung der Kandidaten heute ist ein wirklich wichtiger Termin“, sagt Frank Magnitz, Brille, Backenbart, Sportsakko. Er ist Sprecher des Bremer Landesverbands der AfD und arbeitet in der Baubranche: „Schreiben Sie Immobilienkaufmann.“

Spitzenkandidat für Landesliste gewählt

Der 64-Jährige aus St.-Magnus wird später am Tag zum Spitzenkandidaten für die Landesliste gewählt. Mit ihm will die Bremer AfD in den Bundestag ziehen. Seit fast zwei Jahren führt er den Verband, ein teures Hobby, wie er sagt. Er habe immer gedacht, wenn er eine Firma mit 135 Mitarbeitern führen könne, dann würde er auch eine Partei führen können. Aber er habe nicht mit den „Dissidenten und ihren Mitläufern“ gerechnet, die ihn „seit bald anderthalb Jahren mit Dreck bewerfen.“ Man sei, er sage es mal umgangssprachlich, „geil auf Pöstchen.“

Ihm werde vorgeworfen, er habe den Ex-Wutbürger Fritjof Balz, der wegen seiner Kontakte zum Rockermilieu sein Beiratsmandat in Blumenthal niederlegte, in die Partei geholt. Dann heißt es wieder, dass er dessen Aufnahme verhindert habe. Der Burglesumer Beiratspolitiker hebt gleichzeitig Schultern und Augenbrauen – er verstehe nicht, was seine Gegner von ihm wollen. Deshalb ist er überzeugt, werde seine Wahl nicht glatt laufen: „Da kommt noch was.“ Doch Frank Magnitz täuscht sich. Nur eine Frage muss er sich später von einem Tisch vorne rechts gefallen lassen: „Wirst du weiter lügen, um deine Parteiposition zu sichern?“

Immer noch treffen Mitglieder ein. Schutzsuchend vor dem Dauerregen kommen sie in die Gaststätte geeilt. Der Regen prasselt auch auf zwei Mannschaftswagen der Polizei, die wenige hundert Meter vom „Grünen Jäger“ entfernt auf die Antifa warten, die nicht kommt. Magnitz hatte die Befürchtung geäußert, dass die Linken den AfD-Mitgliedern die Autoscheiben einschlagen könnten. „Deshalb war die Presse auch nicht geladen“, erklärt er. Kurz darauf lässt der AfD-Sprecher die Mitglieder mit grünen und roten Kärtchen darüber abstimmen, ob die Presse bleiben darf. Der Fotojournalist bekommt die Rote. Er soll nur gewählte Mitglieder ablichten und muss vorzeitig gehen.

Wer wählt wen und warum?

„Wissen Sie, wir haben einen Polizisten bei uns – der hat seine Mitgliedschaft bekannt gemacht und kann seine Karriere jetzt vergessen“, behauptet ein älterer Herr aus Bremerhaven mit mildem Lächeln. Sein Enkel sei bei den Linken, erzählt er noch. Und auch, dass er kein Ewiggestriger sei, sondern früher mal bei der SPD war.

Wer wählt wen und warum? Anastasia Pyschny und ihr Kollege vom Institut für Parlamentarismusforschung versuchen, das an diesem Tag in Farge herauszubekommen. Sie verteilen Zettel, auf denen die Mitglieder ankreuzen sollen, wie wichtig ihnen zum Beispiel die persönliche Ausstrahlung oder die Führungsfähigkeit ist.

Es geht den Forschern aus Halle an der Saale nicht allein um die AfD-Kandidaten: „Gestern waren wir in Dresden bei der Aufstellungsversammlung der CDU, und nächste Woche macht die SPD in Münster ihre Aufstellungsversammlung.“

Mitglieder kennen Frank Magnitz

Als Frank Magnitz sich vorstellt, verzichtet er auf Persönliches. Die Mitglieder kennen ihn schließlich. Er schimpft stattdessen über den Zustand der maroden Turnhallen. Der Sanierungsbedarf belaufe sich auf zehn Millionen Euro. Zugleich nehme Bremen 12,7 Millionen Euro in die Hand, um ein Flüchtlingsheim für 500 Personen zu bauen. Seine Rede klingt etwas müde, so als hätte er sie schon oft gehalten: „Frau Merkel fährt mit 180 das Auto der Republik vor die Wand.“ Trotzdem fällt der Applaus kräftig aus.

Dann kommen Fragen. Robert Teske steht auf. Der Endzwanziger mit glattem Scheitel ist vergangenes Jahr an diesem Ort zum Vorsitzenden der Jungen Alternative Bremen gewählt worden: „Gehört der Islam zu Deutschland?“ Magnitz setzt grinsend an: „Ich müsste einen Moment nachdenken“, dann: „Ein entschiedenes Nein.“ Applaus. Magnitz nimmt auch Bezug zu „unseligen Attacken und Anfeindungen“ einiger Mitglieder. Dass er lüge, wie behauptet wurde, sei „dummes Zeug“.

In der Mitte des Saals steht ein Karton: „Qualität aus Hagen“ ist darauf gedruckt. Darunter klebt ein Zettel mit dem Wort „Wahlurne“. Wahlleiter Heiner Rehnen von der AfD-Niedersachsen findet klare Worte für die Wähler: „Wenn Sie was tricksen wollen, kommt die Polizei. Und es ist nicht so, als wäre das in dieser Partei noch nicht vorgekommen.“ Allgemeines Stühlerücken, als sich 41 Wahlberechtigte erheben.

JA-Prominenz füllt Pause

Die Zwangspause, die sich durchs Auszählen der Stimmen ergibt, füllt die JA-Bundes-Prominenz: Reimond Hoffmann hat Probleme mit dem Mikro. Der schrille Pfeifton hält ihn aber nicht davon ab, eine Rede zu halten. Die wirkt wie eine Kampfansage: „Wir werden Wahlkampf auch dort machen, wo es heiß wird, wo sich sonst niemand reintraut“: Berlin-Kreuzberg, Neukölln und sozial schwache Gebiete in Bremen. Er sei sicher, dass der Bremer JA-Chef Teske und der Vegesacker AfD-Beiratspolitiker Marvin Mergard „diese Stadtteile knacken werden“. Die Mitglieder klatschen heftig.

Überraschend ist nicht, dass Magnitz dann mit 31 Ja-Stimmen und neun Nein-Stimmen gewählt wird. Eher, dass sein Stellvertreter Jürgewitz aus Bremerhaven Konkurrenz bei der Kandidatur um Platz zwei auf der Landesliste erhält: „Ich schlage Robert Teske vor“, sagt JA-Vorstandsmitglied Artemis Efraimidis. Der 57-jährige pensionierte Bundesbeamte Jürgewitz läuft rot an. Mit einem Gegenkandidaten hat er nicht gerechnet. „Ich war erstaunt“, wird er nach der Veranstaltung sagen. Zumal die AfD keine echte Chance auf ein zweites Mandat habe.

Dann kommen die Vorstellungsreden. Erst der Obergefreite der Reserve: Jürgewitz holt in seiner Rede zum Rundumschlag aus. Der „Absahner“ Martin Schulz, Parteichef und Spitzenkandidat der SPD, bekommt sein Fett weg. ebenso „die Unrechtsregierung“ Angela Merkels und die Türken: „Wer sich für Erdogan entscheidet, sollte konsequenterweise unser Land verlassen. Deutscher zu werden muss ein Privileg werden.“ Die Probleme in Afrika könne Deutschland nicht lösen: „In der Wüste ist viel Platz für islamistische Dauer-Camper.“ Als Jürgewitz anmerkt, dort sei zudem noch Platz für „deutsche Gutmenschen“, ertönt Gelächter.

Stimmung kippt

Die Stimmung kippt kurzzeitig, als von einem Mitglied am Tisch vorne rechts Kritik an Jürgewitz' mutmaßlichen Äußerungen zu Homosexuellen vorgebracht wird. Was genau Jürgewitz gesagt haben soll, wird nicht klar. Aber Jürgewitz reagiert scharf: „Nehmen Sie das zurück oder ich zeige Sie an. Ich gebe Ihnen eine Woche.“ Wahlleiter Rehnen sieht sich veranlasst, die Mitglieder vorzuwarnen, sich mit Anschuldigungen zurückzuhalten: „Ich möchte keine Leute aus der Versammlung entfernen müssen.“

Jetzt ist der 27-jährige Speditionskaufmann Teske dran. Warum er sich für den deutschen Bundestag bewirbt? Weil seine Generation „das Versagen der links-grün versifften Politik erleiden muss“, sagt der Mann im dunklen Anzug. Weil es seiner Generation sogar abgesprochen werde, „ein Volk zu sein“ und weil sie sich „an Terror gewöhnen“ solle. Die Anwürfe bringt Teske schneidig im Stakkato vor. Der Applaus, der jetzt anschwillt, ist noch ein paar Dezibel höher als bei Jürgewitz. Teske verspricht, die Gräben in der Partei zuzuschütten und erhält 26 Stimmen, Jürgewitz zehn.

Zu Teskes Gratulanten zählt einer, der im vergangenen April beinahe von Magnitz und Jürgewitz hinausgeworfen worden wäre: der erste offen schwule AfD-Bürgerschaftsabgeordnete Alexander Tassis. Er hat die Wahl am Tisch von Teske aus verfolgt. „Heute ist ein guter Tag“, sagt der griechisch-deutsche Politiker mit Blick auf das Wahlergebnis: „Magnitz und Teske sind sehr gute Parteifreunde. Die Wahl der beiden wird zu einer weiteren Befriedung der Partei beitragen.“

Die Nationalhymne singen sie noch gemeinsam. Es könnte sein, dass es das letzte Mal war. Dass sich Teske als Gegenkandidat präsentiert hat, sei bei den Bremerhavener Parteifreunden nicht gut angekommen, sagt Jürgewitz nach der Versammlung. Und dass sich Tassis auf Listenplatz drei hat setzen lassen, offenbar auch nicht: „Man wird beraten müssen, ob man es so belässt“. Rückgängig machen ließe sich die Wahl zwar nicht, aber: „Es laufen drei Parteiausschlussverfahren gegen Tassis.“

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