Reportage Entscheidung in Georgia

In Georgia wurde Joe Bidenzum Sieger ausgerufen. Wie er regieren kann, hängt nun vom Kampf um die zwei Senatssitze des Bundesstaates ab. Die könnten an Demokraten gehen – doch Trumps Truppen mobilisieren
25.11.2020, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Juliane Schäuble

Sie sollen verhindern, dass die Welt untergeht. So sehen das zumindest ihre Fans. Schwungvoll laufen die beiden auf die Bühne, die in rot-weiß-blaue Stoffbahnen eingeschlagen ist. Sie winken in die Menschenmen­ge, klatschen sich ab. Die wartenden Fans schwenken die Arme, zücken Handys. „Oh mein Gott, Georgia! Wir sind das Schlachtfeld, die Frontlinie“, ruft die schlan­ke Frau mit den langen blonden Haaren, die als erste spricht. Jubel brandet auf. Das wollen sie hier hören, genauso fühlen sich viele Zuhörer an diesem Novembertag auf der Wiese am Chattahoochee Technical College in Canton, gut 40 Kilometer von Georgias Hauptstadt Atlanta entfernt: wie in einer Schlacht, in der es um alles geht.

An diesem Tag auf der Wiese fühlt es sich nicht nur nach Wahlkampf an, es ist tatsächlich wieder soweit. Mehrere Hundert Trump-­Anhänger sind gekommen, mit den roten „Make America Great Again“-Kappen, Kampagnen-Shirts, manche mit Cowboyhüten. Auf der Bühne US-Flaggen, Wahlkampfschilder. Der Himmel dunkelblau, 23 Grad Mitte November. Die Stimmung ist aufgekratzt.

Kein Wunder, denn es stimmt ja: Auf das eigentlich verlässlich konservative Georgia, den südlichsten der 13 amerikanischen Gründerstaaten, schaut in diesen Tagen das ganze Land. Aus mehreren Gründen. Hier musste der republikanische Gouverneur Brian Kemp am Freitag nach einer per Hand ausgeführten Neuauszählung die Ungeheuerlichkeit bestätigen, dass Joe Biden wirklich mit ei­nem Vorsprung von 12 670 Stimmen gesiegt hat – als erster demokratischer Präsidentschaftskandidat seit Bill Clinton 1992. Nun wird auf Betreiben des Trump-Teams zum dritten Mal gezählt – diesmal maschinell.

In Georgia findet zudem die erste Wahl des kommenden Jahres statt, und gleich eine mit enormer Bedeutung. Am 5. Januar entscheidet sich in einer doppelten Stichwahl nicht nur, wer den Bundesstaat die nächsten Jahre im Senat in Washington vertreten wird. Sondern auch, mit wie viel Widerstand oder Rückenwind Joe Biden seine Präsidentschaft beginnen wird. Keiner der Kandidaten hatte am 3. November die vorgeschriebenen mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten, darum ist eine zweite Abstimmung über gleich zwei Senatssitze notwendig.

Die neu gewählten Senatoren sichern entweder die republikanische Macht in dieser Kongresskammer. Oder sie verhelfen den Demokraten zur ersehnten 50-50-Stimmengleichheit, die diese dann, so sieht es die Verfassung vor, mit Hilfe der designierten Vizepräsidentin Kamala Harris als „tie breaker“ knacken könnten. Das gäbe Biden eine immerhin knappe Mehrheit in beiden Kongresskammern, um seine Politikvorhaben umzusetzen. Das soll wiederum das republikanische Senatoren-Duo Kelly Loeffler und David Perdue unbedingt verhindern, denn genau davor graut es den Konservativen. Die beiden Amtsinhaber sind die Verteidiger: die „last line of defense“, die „Brandmauer gegen den Sozialismus“, wie Loeffler, die am Tag darauf positiv auf Corona getestet wird, zu Beginn der Wahlkampf-Rallye auf der Wiese in Canton ins Mikrofon ruft. Sogar Vizepräsident Mike Pence ist aus Washington eingeflogen, um die nationale Bedeutung des Rennens zu unterstreichen.

Wie sehr der widerspenstige Trump mit seinen Versuchen, ein legitimes Wahlergebnis zu torpedieren, das Senatsrennen in Georgia beeinflussen wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Hilft es Loeffler und Perdue, dass der oberste Wahlkämpfer im Hintergrund noch eine Rolle spielt? Schadet es umgekehrt ihren Herausforderern Jon Ossoff und Raphael Warnock, dass es nicht mehr hauptsächlich um die Abwahl von Trump geht, es manchem Wähler also an der entsprechenden Motivation fehlen könnte, die in Georgia für ein Rekordwahlbeteiligung sorgte?

Vor einer Kirche in Jonesboro auf, einem Vorort von Atlanta, treten die Herausforderer auf. Mit den Stimmen dieses Bezirks ging Georgia bei der Auszählung endgültig an Biden. Darauf sind sie hier stolz. Vielleicht 100 Unterstützer sind zu der „Get out the vote“-­Rallye gekommen. Im prallen Sonnenschein stehen sie – natürlich mit Masken – auf genau markierten Positionen. Auch hier läuft laute Musik, ein Redner nach dem anderen schwört die Unterstützer ein.

Wie Loeffler und Perdue hoffen auch Ossoff und Warnock, dass sie als Duo bessere Chancen haben. Bei ihnen ist es sogar noch wichtiger als bei den beiden Republikanern: Nur ein Doppelsieg würde bedeuten, dass es im Senat künftig zu mehr als einem Patt reicht. Dafür müssen aber ihre Wähler auch zur Wahl gehen.

Viel gemein haben die beiden nicht. Das ist kein Nachteil. Ossoff gilt als potenzieller Shooting-Star: Der attraktive dunkelhaarige 33-Jährige, ein Medienunternehmer jüdischen Glaubens, der in Georgetown und an der London School of Economics studierte, trat erstmals 2017 auf der politischen Bühne auf. Bei einer „Special election“ für das Repräsentantenhaus in Washington kandidierte er in einem traditionell konservativen Wahlkreis und unterlag überraschend knapp. Aufmerksam registriert wurde schon damals, wie gerne Spender ihre Taschen für ihn öffneten und selbst große Lifestyle-Magazine über ihn berichteten. Nun will er David Perdue, den 70-­jährigen Ex-CEO der Sportsmarke Reebok und Bruder des früheren Gouverneurs von Georgia, Sonny Perdue, aus dem Senat vertreiben.

Keine leichte Aufgabe. Aber Ossoff zeigt sich optimistisch – und ausdauernd: Kaum ein Tag vergeht, an dem er nicht im Großraum Atlanta auftritt, für sich wirbt und freundlich Fragen beantwortet. Und schon in diesen ersten Wochen nach der Wahl hat er rund 40 Millionen Dollar an Spenden mobilisiert – eine rekordverdächtige Summe, aber Beobachter rechnen ohnehin damit, dass dieser so aufgeladene Wahlkampf Rekordsummen verschlingen wird.

Nach dem Auftritt mit Warnock stehen die Zuhörer lange in der Schlange, um ein Erinnerungsfoto mit Ossoff zu ergattern, die meisten von ihnen sind schwarz. Knapp drei von vier Einwohnern von Clayton County sind Afroamerikaner. Der Funke scheint überzuspringen: Ein zwölfjähriges Mädchen bricht in Tränen aus, so sehr hat sie sich auf diesen Moment gefreut.

Auch wenn Raphael Warnock erstmals für ein politisches Amt kandidiert, gilt der 51-jährige Afroamerikaner, der 2013 bei Barack Obamas zweiter Amtseinführung eine Predigt hielt, als der Erfahrenere. Der Pastor der Ebenezer Baptist Church, in der einst Martin Luther King predigte, tritt gegen Loeffler an, die 49-jährige Republikanerin, die wegen ihrer Ehe mit Jeffrey Sprecher, dem Vorsitzenden der New Yorker Wertpapierbörse, als reichstes Kongressmitglied gilt.

Warnock spricht am Donnerstag viel über „Dr. King“, dessen Arbeit er fortsetzen will – so beim Kampf für die Wählerrechte. „Ich bin heute hier, um euch zu sagen: Das ist unsere Zeit, um für unsere Rechte aufzustehen. Seid ihr dafür bereit?“ Wie in einem Gospel-Gottesdienst rufen die Zuhörer: „Yeah!“, nicken, strecken ihre Arme in die Luft. „Am 3. November haben wir Schockwellen durchs Land geschickt“, sagt Warnock, Aber wenn die Wähler in Clayton das im Januar nicht wiederholten, sei alles vergeblich gewesen. Der Pastor soll die Afroamerikaner mobilisieren, er spricht ihre Sprache.

Dass es in Georgia überhaupt zu einer Rekord-Wahlbeteiligung kommen konnte und damit zu Bidens Sieg, hat viel mit Stacey Abrams zu tun. Die Afroamerikanerin, die 2018 nur hauchdünn im Gouverneurs-Rennen gegen Brian Kemp unterlag, hat mit „New Georgia Project“ und „Fair Fight“ zwei Organisationen gegründet, die viele neue Wähler registrieren und dazu motivieren, auch tatsächlich abzustimmen. In diesem Jahr gelang es so, 800 000 neue Wähler zu registrieren.

Der extreme Zuwachs bei den Briefwahlstimmen ist eines der Themen, das Trump und seine Leute benutzen, um den Ausgang der Wahl in Zweifel zu ziehen. Dass dies verfängt, zeigen die Demonstranten, die derzeit täglich vor dem Kapitol in Atlanta protestieren. Sie kritisieren Brad Raffensperger, den Secretary of State von Georgia, weil er Bidens Sieg in Georgia bestätigt. Dafür wird der Innenminister des Bundesstaates, ein christlich-konservativer Republikaner, von seinen Parteifreunden hart angegangen und zum Rücktritt aufgefordert. „Numbers don’t lie – Zahlen lügen nicht“, hält der studierte Ingenieur bei der Zertifizierung nüchtern gegen.

Davon wollen die beinharten Trump-Fans nichts wissen. „Da ist im großen Stil betrogen worden“, ist die Frau vor dem Kapitol überzeugt. Der Mann neben ihr nickt. Kent Dowden ist extra aus Texas angereist, mit Trump-Kappe und US-Flagge ausgerüstet: „Wir müssen unsere Freiheit verteidigen, sonst verlieren wir sie. Wir lassen uns die Wahl nicht stehlen, Betrug darf unsere Politik nicht beeinflussen“, sagt der 64-Jährige.

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