Niedersachsen legt Studie vor / 72 Prozent der Opfer gehen nicht zur Polizei / Hohes Sicherheitsempfinden

Straftaten werden meist nicht angezeigt

Viele Verbrechensopfer scheuen den Gang zur Polizei: So wird von 25 Sexualdelikten in Niedersachsen nur eine einzige Tat angezeigt. Bei Computerbetrug oder Diebstahl bleiben Hunderttausende von Fällen unentdeckt. Das ergibt sich aus einer umfangreichen Dunkelfeldstudie, die das Landeskriminalamt (LKA) gestern in Hannover präsentierte. Die gute Nachricht: Die meisten Bürger fühlen sich in ihrem Wohnumfeld relativ sicher.
23.11.2013, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Peter Mlodoch

Viele Verbrechensopfer scheuen den Gang zur Polizei: So wird von 25 Sexualdelikten in Niedersachsen nur eine einzige Tat angezeigt. Bei Computerbetrug oder Diebstahl bleiben Hunderttausende von Fällen unentdeckt. Das ergibt sich aus einer umfangreichen Dunkelfeldstudie, die das Landeskriminalamt (LKA) gestern in Hannover präsentierte. Die gute Nachricht: Die meisten Bürger fühlen sich in ihrem Wohnumfeld relativ sicher.

40000 Niedersachsen über 16 Jahre hatte das LKA zusammen mit Experten der Universität Hamburg befragt, fast die Hälfte antwortete zum Erstaunen der Forscher bereitwillig. 29,7 Prozent der Niedersachsen wurden danach im Jahr 2012 Opfer einer Straftat, fast zwei Drittel davon mehrfach. Jedes zehnte Delikt war computerbezogen – von Betrug bis Virenattacken. Bei jeder achten Tat handelte es sich um Diebstahl.

Überraschende Erkenntnis: 72 Prozent der Opfer gingen erst gar nicht zur Polizei. Das Anzeige-Verhalten variierte allerdings bei den verschiedenen Deliktarten. Bei Autoklau (92 Prozent) und Wohnungseinbrüchen (84 Prozent) lag die Quote hoch, einen Fahrraddiebstahl meldete dagegen nur die Hälfte der Betroffenen der Polizei. Bei der Wegnahme von persönlichen Gegenständen war es nur noch jeder Dritte. „Hier denken die meisten Menschen, dass die Polizei den Fall ohnehin nicht aufklären kann“, sagte LKA-Präsident Uwe Kolmey. Bei Körperverletzungen, die nur zu einem Viertel angezeigt werden, gab es dafür offenbar einen anderen Grund. „Das habe ich selbst geregelt“, zitierte Kolmey aus den vielen Antworten der Studie.

Computerdelikte, von denen nicht mal jedes zehnte angezeigt wird, halten laut Untersuchung viele Betroffene „für nicht so wichtig“, als dass sie dafür zur Polizei liefen. Diesen Grund nannten auch etliche Opfer von Sexualstraftaten. Sie kreuzten aber auch „Ich wollte das Ereignis vergessen“ oder „Es war mir zu viel Mühe, die Polizei einzuschalten“ an. Rechnet man das Dunkelfeld auf eine Gesamtzahl hoch, gab es 2012 in Niedersachsen statt der offiziell angezeigten 1262 Sexualdelikte in Wirklichkeit 31600 Fälle. Bei Sachbeschädigungen erhöht sich die Zahl von 56525 auf 182000, bei Körperverletzungen von 44955 auf 187300.

Trotz des großen Dunkelfelds fühlen sich die meisten Bürger in Niedersachsen sicher. Sie halten die Wahrscheinlichkeit eines Überfalls oder Einbruchs für gering. Dies gilt auch für das persönliche Wohnumfeld, wobei zur Überraschung der Forscher nicht Senioren sondern jüngere Frauen die größte Angst vor Kriminalität zeigten.

Aufschlussreich sind laut Innenminister Boris Pistorius (SPD) die Angaben über das „Vermeidungs- und Schutzverhalten“. So gaben 21,4 Prozent der Befragten an, abends keine öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Bei den Frauen waren es sogar 30,9 Prozent. 17,9 Prozent der Frauen vermeiden es danach, das Haus bei Dunkelheit zu verlassen; 47,3 Prozent weichen Fremden im Dunkeln aus. „Das schränkt die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ein“, sagte der Minister. Deswegen müsse man über mehr Hilfe und Prävention nachdenken und auch mit den Betreibern von Bussen und Bahnen darüber sprechen, wie „wir ein Stück Sicherheit zurückgewinnen können“.

Im Land Bremen zeigte eine Bürgerbefragung mit 40000 Personen im Jahr 2008, dass „das Anzeigeverhältnis der Bürger positiver“ geworden sei, sagte Polizeisprecher Dirk Siemering. Sprich: Die Befragten gaben an, mehr Straftaten gemeldet zu haben als in Studien aus den Jahren 2002 und 2001. Nach 2008 habe es in Bremen allerdings keine Erhebung mehr zum Dunkelfeld gegeben. Bürgerbefragungen seien zeit- und kostenintensiv, sagte Siemering, daher würden sie kaum noch stattfinden. Niedersachsen habe den Trend mit seiner Dunkelfeldstudie wiederbelebt. Kommentar Seite 2

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