Kommentar zu Tiktok

Kalter Krieg der digitalen Supermächte

Der Streit zwischen den USA um China um die Video-App Tiktok eskaliert. Ihren Nutzern könnte Donald Trump besser helfen als mit einem Zwangsverkauf an Microsoft, meint Philipp Jaklin.
08.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Kalter Krieg der digitalen Supermächte
Von Philipp Jaklin
Kalter Krieg der digitalen Supermächte

Die von einem chinesischen Konzern stammende Video-App Tiktok hat weltweit mehrere hundert Millionen Nutzer.

Andre M. Chang

Ganz leicht ist es für den Kinderzimmer-Star: Es reichen ein Handy, eine eingängige Melodie und ein paar synchrone Lippenbewegungen. Die Smartphone-App Tiktok ist auf den ersten Blick ein ziemlich harmloser Spaß für Teenager und junge Erwachsene, die zu bekannten Liedern kleine Musikvideos drehen und diese mit ihren Altersgenossen austauschen. Das tun inzwischen mehrere Millionen Nutzer weltweit.

Doch wie harmlos ist Tiktok wirklich? Zur Gefahr der nationalen Sicherheit hat US-Präsident Donald Trump den Onlinedienst erklärt. Er will einen Verkauf des amerikanischen Geschäfts von Tiktok an den heimischen Softwarekonzern Microsoft erzwingen. „Versüße Dir den Tag“, lautet der deutsche Werbespruch des Netzwerks. Jetzt ist die bunte Welt der flirrenden Filmchen zum Schauplatz eines heftigen Konflikts zwischen zwei ökonomischen Supermächten geworden.

Starker Einfluss durch die chinesische Parteiführung

Dabei ist die Kritik der Amerikaner an Tiktok durchaus ernstzunehmen. Es wäre sicher übertrieben, Bytedance, den chinesische Konzern hinter der App, als verlängerten Arm der kommunistischen Partei in Peking zu betrachten. Dass er unter starkem Einfluss der Führung steht, ist offenkundig. Die chinesische Wirtschaft insgesamt wird gerade in ihrem Auslandsgeschäft von ökonomischen Hegemonialinteressen gelenkt – das gilt insbesondere für die boomenden Technologiebranchen. Auch Zensurvorwürfe hat es gegen die Video-App der chinesischen Entwickler bereits gegeben.

Es muss im Fall Tiktok gar nicht dazu kommen, dass das Unternehmen Nutzerdaten direkt in die Rechner der chinesischen Sicherheitsbehörden einspeist, wie die US-Regierung es behauptet. Die Auswertung von Daten westlicher Nutzer – auch wenn sie, wie Tiktok versichert, außerhalb Chinas gespeichert werden – liefert wertvolle Erkenntnisse über das Geschäft der sozialen Netzwerke. Experten gehen davon aus, dass China dieses Wissen dazu nutzt, um auf verschiedensten digitalen Kanälen die öffentliche Meinung des Westens im Sinne seiner politischen Ziele zu beeinflussen.

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Was für Facebook, Twitter oder Instagram gilt, trifft auch bei Tiktok zu. Je populärer Onlinedienste sind, desto mächtiger sind sie als Instrument der Einflussnahme für kommerzielle Zwecke ebenso wie für Staaten. Die Öffentlichkeit, die sich über die Netzwerke auslesen und ansteuern lässt, ist zunehmend eine globale. Gleichzeitig entwickelt sich der Streit um die Datenhoheit immer mehr zum internationalen Machtfaktor und Politikum.

Für Trump geht es im Wahljahr natürlich darum, Stärke zu zeigen im lange schwelenden Konflikt mit China. Die Gespräche zwischen Microsoft und Bytedance über einen Zwangsverkauf des Tiktok-Geschäfts in den USA – und möglicherweise anderen westlichen Ländern – überwacht er mit patriarchalischer Geste. Was für Microsoft eine attraktive Ergänzung des eigenen Geschäfts um ein Schwergewicht unter den sozialen Netzwerken wäre, bringt ironischerweise ein weiteres US-Unternehmen in Bedrängnis: Es ist das ureigene Revier von Facebook, in das der von Bill Gates gegründete Konzern eindringen würde.

Verschärfte Datenschutz-Auflagen wäre effektiver

Doch Zwietracht sät Trump vor allem, indem er die ohnehin angespannten Handelsbeziehungen mit China zusätzlich belastet. Es dürfte sich nicht gerade förderlich auf das Investitionsklima im Land auswirken, dass die Regierung in Washington auf solch brachiale Weise einen Zwangsverkauf zu erreichen versucht. Den Interessen der vielen Millionen Tiktok-Nutzer wäre vermutlich weitaus mehr gedient, würde der Präsident eine Verschärfung der vergleichsweise laxen Datenschutz-Auflagen in den Vereinigten Staaten anstoßen.

Transparente Regeln, was mit den amerikanischen Daten geschehen darf und was nicht, kämen auch Nutzern anderswo in der Welt zugute; ebenso wie klare Auflagen zum Schutz gegen Hackerangriffe. Dadurch ließe sich die Gefahr eingrenzen, dass populäre Apps zum Instrument der Massenüberwachung werden. Viel wirksamer jedenfalls, als mit nationalistischem Gebaren und einem nächsten Handelskrieg – diesmal geführt um die Vorherrschaft im virtuellen Raum.

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