Der Unternehmensberater Tobias Bergmann will die Hamburger Handelskammer reformieren

Sturm auf die hanseatische Festung

Hamburg. Ausgerechnet ein Niederbayer. Tobias Bergmann, geboren und aufgewachsen nahe Regensburg, bläst zum Sturm auf eine jahrhundertealte Hamburger Institution.
21.11.2016, 00:00
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Sturm auf die hanseatische Festung
Von Markus Lorenz

Hamburg. Ausgerechnet ein Niederbayer. Tobias Bergmann, geboren und aufgewachsen nahe Regensburg, bläst zum Sturm auf eine jahrhundertealte Hamburger Institution. Der Unternehmensberater will die 1665 gegründete Handelskammer grundlegend reformieren, greift mit seiner Gruppe „Die Kammer sind WIR!“ nach der Macht bei der Plenumswahl. Anfang 2017 bestimmen die 150 000 Mitgliedsfirmen über die Zusammensetzung des Kammer-„Parlaments“. Die WIR-Gruppe hat dort bisher zwölf von 66 Sitzen inne, jetzt will sie mehr. Bergmann: „Wir streben die absolute Mehrheit an. Und ich glaube, wir haben gute Chancen.“

Gelingt der Coup, so deutet er an, würde nicht nur manch alter Zopf fallen, auch die Tage des langjährigen Hauptgeschäftsführers Hans-Jörg Schmidt-Trenz wären gezählt. „Das Plenum kann den Hauptgeschäftsführer mit einfacher Mehrheit absetzen“, sinniert Bergmann und lässt keinen Zweifel daran, dass die WIR-Gruppe genau das tun würde. Schmidt-Trenz, seit exakt 20 Jahren im Amt und mächtiges Sprachrohr der Wirtschaft auf Augenhöhe mit dem Senat, gilt den Rebellen als Verkörperung eines überholten Geistes in Hamburgs wichtigster Unternehmensvertretung. „Die glauben, sie seien unfehlbar wie die Katholische Kirche“, stichelt der Reformer, der sich mal eben anschickt, eine der Säulen der Hamburger Wirtschaft umzustoßen.

Was treibt den Mann? Bergmann empfängt den Besucher in seiner Firma, der Nordlicht Management Consultants. 18. Stockwerk des Atlantic-Hauses auf St. Pauli, atemberaubender Blick über Hafen und Stadt. Bergmann erzählt vom Keim seines Kampfes gegen die Kammer in bisheriger Form. „Ich habe mich geärgert, dass ich mit meiner Firma vor sieben Jahren Zwangsmitglied werden musste.“ So bestimmt es ein Bundesgesetz, das auch die Aufmüpfigen nicht aufheben können.

Aber: Sie wollen mehr mitreden dürfen, mehr Transparenz und Neutralität der Kammeroberen. „Vereinnahmt“ fühlen sie sich von Schmidt-Trenz und Präses Fritz Horst Melsheimer, wenn diese in der Öffentlichkeit Stellung beziehen im Namen „der“ Wirtschaft. Das sei so gewesen beim Eintreten der Kammer gegen den Rückkauf der Energienetze und bei deren Forderung, die Volksgesetzgebung zu beschneiden. „Es ist nicht die Aufgabe der Handelskammer, einseitige politische Forderungen durchzusetzen“, so Bergmann. Sie dürfe nur Interessen der Betriebe ermitteln und formulieren.

Der „Rebell“ strotzt vor Selbstbewusstsein. Gerade hat er einen echten Wahlkampfschlager präsentiert. „Wir wollen die Zwangsgebühren für Kammermitglieder abschaffen.“ An ihre Stelle sollten freiwillige Beiträge treten. Gesetzlich sei das möglich, die Gebührenordnung obliege jeder Kammer selbst. Es wäre ein Novum in deutschen IHKs und HKs, ein Paukenschlag und womöglich eine Initialzündung. Bergmann: „Wenn die Zwangsgebühren in Hamburg fallen, fallen sie in ganz Deutschland.“

Der Rückhalt für die „Rebellen“ nimmt offenkundig zu. Überraschend haben sich kürzlich einige namhafte Unternehmer zur WIR-Gruppe bekannt, darunter Reeder und Hafenmanager. Klassische hanseatische Pfeffersäcke. Gleichwohl ist der Ausgang der Plenumswahl offen. Die Traditionalisten haben ihrerseits zwei Bündnisse geschmiedet, in denen nicht minder bekannte Firmenlenker mitwirken. Will Bergmann selbst ehrenamtlicher Präses werden? „Ich schließe persönliche Ambitionen nicht aus“, sagt er. „Ich kann ja nicht sagen, ich übernehme keine Verantwortung, wenn es so weit ist.“

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