Corona-Pandemie in Asien

Der Preis des Erfolges

Südkorea hat die Pandemie deutlich besser in den Griff bekommen als europäische Länder. Der Erfolg beruht auf Eingriffen in die Privatsphäre der Bevölkerung.
23.11.2020, 06:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Fabian Kretschmer

Der Grund für Südkoreas Erfolg bei der Pandemiebekämpfung ist bei Weitem kein Geheimnis. Er hat viel zu tun mit Leuten wie Kwon Donghyok, der bei der nationalen Seuchenpräventionsbehörde arbeitet: „Unsere Hauptaufgabe besteht darin, die Verbindungsglieder zwischen den Infektionsfällen zu finden und ein Aufflammen des Virus zu verhindern“, sagte der Wissenschaftler bereits im Juli. Kwon leitet ein Team von gut 100 epidemiologischen Ermittlern, die in wohl weltweit einmaliger Rasanz sämtliche Kontakte eines jeden Patienten nachverfolgen.

Am Donnerstag hat die Regierung in Seoul mit mahnenden Worten strengere Abstandsregeln für Restaurants, Kneipen und Kinos eingeführt. Denn die täglichen Neuinfektionen sind auf mehr als 300 gestiegen – ein kritischer Wert, der seit Ende August nicht mehr überschritten wurde. Verglichen mit dem Infektionsgeschehen in Europa sind dies geradezu paradiesische Zustän­de: Bis heute sind in Südkorea knapp 500 Menschen an dem Virus gestorben – trotz einer Bevölkerung von 51,6 Millionen, von denen die Hälfte in der extrem dicht besiedelten Metropolregion Seoul lebt. Das ist eine vergleichsweise niedrige Sterblichkeitsrate.

Südkoreas epidemiologischer Erfolg wäre wohl nicht ohne eine schmerzliche Niederlage vor fünf Jahren denkbar. Damals brachte ein Geschäftsmann nach einem Aufenthalt im Mittleren Osten ein Coronavirus ins Land, das binnen weniger Wochen 36 Menschen tötete. Bei der Mers-Epidemie versagte die südkoreanische Regierung auf ganzer Linie: Um keine Ängste zu schüren, hielt sie wichtige Informationen vor der Öffentlichkeit unter Verschluss – und löste ein gesellschaftliches Klima der Paranoia aus. Vor allem aber gelang es den Wissenschaftlern nicht, das Infektionsgeschehen zeitnah nachzuverfolgen. Danach verabschiedeten die Politiker des Landes ein – demokratisch legitimiertes – Notfallgesetz, das bei Virusausbrüchen der Bevölkerung radikale Transparenz zusichert, aber auch den epidemiologischen Ermittlern freien Zugriff auf die anonymisierten Daten der Bürger erlaubt.

Während der Covid-Pandemie funktioniert das System bislang effizient: Wann immer die Gesundheitsbehörden einen Corona-Patienten registrieren, wird dieser nach seinen Kontakten gefragt. Gleichzeitig loggen sich Ermittler in eine Big-Data-Plattform ein, auf die nur die Seuchenpräventionsbehörde, die Polizei sowie die großen Telekommunikationsunternehmen Zugriff haben. Innerhalb einer Stunde können die „contact tracer“ über die GPS-Daten vom Smartphone des Infizierten nachverfolgen, welche Orte dieser besucht hat.

Daraufhin werden in einem nächsten Schritt sämtliche engen Kontakte, also etwa Arbeitskollegen oder Sitznachbarn in Restaurants kontaktiert und zum Covid-Test gebeten. Bislang ist es den Südkoreanern auf diesem Wege gelungen, das Infektionsgeschehen stets nachvollziehen zu können.

Digitale Überwachung wird im technikgläubigen Südkorea zwar nicht begrüßt, sehr wohl aber im Austausch für ein größeres Allgemeinwohl in Kauf genommen. In der Corona-Pandemie ist die Mehrheit der Südkoreaner bereit, diesen Tauschhandel einzugehen. Denn durch die Einschränkungen beim Datenschutz konnten sie eine fundamentale Freiheit stets bewahren: Bislang gab es in Südkorea weder einen Lockdown noch Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit. Zudem ist der Datenzugriff der Behörden temporär: Spätestens nach 14 Tagen müssen sämtliche Informationen gelöscht werden.

*JHU Johns Hopkins University; WHO Weltgesundheitsorganisation

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