"Syrien interessiert einen Großteil der Russen überhaupt nicht"

Russland weitet seine militärische Rolle derzeit enorm aus und fliegt in Syrien Kampfeinsätze. Was treibt Kremlchef Putin um?Heiko Pleines: Ich denke, die Grundidee der russischen Außenpolitik ist es, international selbstbewusst die eigenen Interessen zu verfolgen. Dazu gehört auch das Interesse in Syrien, unter anderem wegen des Flottenstützpunktes Tartus an der syrischen Küste.
09.10.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Russland weitet seine militärische Rolle derzeit enorm aus und fliegt in Syrien Kampfeinsätze. Was treibt Kremlchef Putin um?

Heiko Pleines: Ich denke, die Grundidee der russischen Außenpolitik ist es, international selbstbewusst die eigenen Interessen zu verfolgen. Dazu gehört auch das Interesse in Syrien, unter anderem wegen des Flottenstützpunktes Tartus an der syrischen Küste. Dieser einzige russische Flottenstützpunkt im Mittelmeer ist für Moskau militärstrategisch sehr wichtig. Und der Stützpunkt hängt an Präsident Assad, deswegen soll er gestützt werden.

Putin sagt, er wolle zuvorderst die IS-Terroristen bekämpfen. Der Westen wirft ihm vor, es vor allem auf die gemäßigten Rebellen abgesehen zu haben. Zu Recht?

Nicht zwingend. Das eigentliche Ziel ist ganz klar, den russischen Einfluss zu sichern, und dafür ist Assad der beste Kandidat. Putin bombardiert deswegen alle Gegner von Assad. Im Visier sind also sowohl der IS als auch die gemäßigten Kräfte.

Geht es Putin um eine Machtdemonstration auf internationaler Ebene?

Sicherlich. Mit einem Militärstützpunkt im Mittelmeer will Russland sich natürlich international positionieren. Zugleich gehört es schon seit langer Zeit zu Putins Außenpolitik, grundsätzlich die russischen Interessen zu verfolgen – so, wie er sie definiert.

Baut Putin darauf, in Syrien ungestört operieren zu können, weil niemand im Westen ein Interesse an einer Konfrontation mit Russland haben kann?

Ich denke, Russlands Logik ist eine andere: Wir machen das, was wir in unserem Interesse für richtig halten, und sehen dann, wie der Rest der Welt damit umgeht. Russland erwartet aber, dass der Rest der Welt das akzeptiert. Was die USA dürfen, dürfen wir auch, so die Kremllogik. Die russische Führung geht davon aus, dass in der internationalen Politik alle Staaten nur ihre eigenen Interessen verfolgen. In der Außenpolitik geht es aus der Sicht Moskaus deshalb nicht um Moral oder humanitäre Prinzipien.

Will Putin auch aus der Isolierung herauskommen, in die er mit dem Ukraine-Konflikt geraten ist?

Offensichtlich nicht. Wenn er aus der Isolation hätte herauskommen wollen, dann hätte er sich ähnlich verhalten wie jüngst im Fall der internationalen Verhandlungen zum Atomabkommen mit dem Iran. Er hätte gesagt: Es gibt gemeinsame Gespräche mit dem Westen, um eine Kompromisslösung zu finden. Danach sah es am Anfang in Syrien auch ein bisschen aus. Aber offensichtlich sind die aktuellen Militärschläge in Syrien nicht dazu geeignet, Russland aus der Isolation zu führen.

Kann es sein, dass sich Putin innenpolitisch verspekuliert hat, weil der Einsatz bei den Russen nicht gut ankommt?

Die große Mehrheit der Russen begrüßt den Einsatz nicht. In einer Umfrage unterstützten 39 Prozent die russische Syrien-Politik ganz allgemein und nur 14 Prozent das militärische Eingreifen. Andererseits interessiert Syrien einen Großteil der Russen aber überhaupt nicht. 30 Prozent sagten: Wir haben nichts von den aktuellen Ereignissen in Syrien gehört. Ich glaube, solange keine russischen Soldaten sterben, solange ist die Stimmung in der russischen Bevölkerung kein Problem für die russische Syrien-Politik.

Weckt der Einsatz schlechte Erinnerungen an die Kriege in Afghanistan und Tschetschenien?

Die fehlende Unterstützung für Militäraktionen kommt natürlich schon aus dieser Erfahrung. Das gilt auch für die Ukraine. Wenn man fragt: Soll die Armee dort intervenieren?, ist eine Mehrheit dagegen. Die russische Bevölkerung will keine Militäreinsätze. Aber solange die Einsätze in Syrien nur Kriegsflugzeuge und Raketen betreffen, ist nicht mit öffentlicher Opposition zu rechnen.

Müssen die Staatsmedien die Syrien-Politik mit ihrer Propaganda befördern?

Die russischen Medien berichten natürlich über Syrien. Bei jedem wichtigen Thema stimmt gerade das Staatsfernsehen die Richtung der Berichte mit dem Kreml ab. Das gilt also auch für die Syrien-Politik.

Das Interview führte Norbert Pfeifer.

Zur Person

Heiko Pleines (44) leitet den Arbeitsbereich Politik und Wirtschaft der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Russland.

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