Kommentar über Judenfeindlichkeit Antisemitismus: Warum eine Veränderung der Gedenkkultur überfällig ist

Einmal im Jahr an die Shoah zu erinnern, ist angesichts des wachsenden Antisemitismus zu wenig. Es braucht eine Veränderung der Gedenkkultur und klare Signale aus der Zivilgesellschaft, meint Peter Gärtner.
26.01.2021, 20:33
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Gärtner

Antisemitismus ist wieder zu einer ansteckenden Krankheit geworden. Judenfeindlichkeit breitet sich an Frühstückstischen, in Schulen und an Arbeitsplätzen aus. Immer kam es im Schutz der Dunkelheit zu Schmierereien auf Friedhöfen und an Gedenkorten, doch jetzt äußert sich der Hass direkter, gewalttätiger, offener. Es reicht, eine Kippa zu tragen, um am helllichten Tag in aller Öffentlichkeit beleidigt und sogar körperlich attackiert zu werden. In den ersten drei Quartalen 2020 haben die deutschen Sicherheitsbehörden bereits fast 1400 judenfeindliche Straftaten registriert – Tendenz zu den Vorjahren steigend. Ein Terroranschlag wie in Halle an der Saale, wo nur die stabile Synagogentür ein Massaker verhinderte, schien hierzulande jahrzehntelang undenkbar.

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Dabei leben nicht einmal 200.000 Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland. Ihnen ist es in der Regel zu verdanken, dass zumindest ein Teil der antisemitischen Vorfälle öffentlich wird. Denn wenn in Fußballstadien der Schiedsrichter als „Jude“ beschimpft wird, militante Palästinenser-Organisationen in Fußgängerzonen Hass auf den jüdischen Staat schüren, schauen die meisten Bürger betreten weg. Eigentlich gehören die Verbrechen des Nationalsozialismus, vor allem die industrielle Vernichtung eines Teils der eigenen Bevölkerung, zum nationalen Bewusstsein. Doch einmal im Jahr an die Shoah zu erinnern, ist zu wenig, um das Immunsystem zu stärken. Und da es immer weniger Zeitzeugen gibt, ist eine Veränderung der Gedenkkultur überfällig.

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Die intensiv eingeimpfte Judenfeindlichkeit war in den Köpfen nach dem Ende der NS-Diktatur längst nicht so schnell verschwunden wie die Hakenkreuzfahnen. Und in der DDR blieb der Antisemitismus – mangels Auseinandersetzung mit der braunen Vergangenheit – fester verankert als im Westen. Doch etwas gegen Juden zu haben, ist nicht nur in rechtsradikalen, muslimischen und antiimperialistisch geprägten linken Milieus Konsens. Der Antisemitismus ist auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Bei den Protesten gegen die Corona-Einschränkungen wirken antisemitische Verschwörungsmythen wie Kitt zwischen den unterschiedlichsten Gruppierungen. Die Verharmlosung des Holocaust durch Judensterne auf „Querdenker“-Demos ist unerträglich. Dabei fällt auf, dass versucht wird, das Problem kleinzureden oder auf arabischstämmige Mitbürger abzuwälzen. Tatsächlich sind die meisten Täter deutsche Staatsbürger.

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Antijüdische Einstellungen, egal ob als Vorurteil oder im Gewand der Israelkritik, gehen alle Bürger an. Der Umgang mit Antisemitismus ist ein Lackmustest für die Demokratie. Deshalb muss nicht nur die Politik die Sorgen der jüdischen Deutschen ernst nehmen, von denen laut Umfragen fast die Hälfte bereits ans Auswandern gedacht hat. Das fängt bei der Sprache an, die konkret für die von Rechtsnationalisten vorangetriebene Diskursverschiebung steht. Wenn AfD-Politiker wie Alexander Gauland das „Dritte Reich“ als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte bezeichnen, Björn Höcke eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordert, geht es darum, NS-Verbrechen zu verharmlosen. Was früher allenfalls leise hinter verschlossenen Türen zu sagen gewagt wurde, hört man heute zunehmend laut auf der Straße. So sinken die Hemmschwellen.

Um Judenhass in der Schule entgegenzutreten, sollten Lehrer auch didaktisch und fachlich dazu in der Lage sein. Nach wie vor fehlen entsprechende Fortbildungen. Die Möglichkeiten, Gedenkstätten der Judenverfolgung zu besuchen, wurde auch vor den Corona-Beschränkungen viel zu selten genutzt. Das trägt indirekt dazu bei, dass die Stimmen der Holocaust-Relativierer deutlicher wahrgenommen werden. Auch bei der Polizei ist der Nachholbedarf groß. So werden manche Straftaten nicht als antisemitisch erfasst, weil die Ermittlungsbehörden sie nach unklaren Kriterien einstufen oder gar nicht erst erkennen. Klare Zeichen gegen Diskriminierung zu setzen, ist aber vor allem eine Aufgabe der Zivilgesellschaft. Antisemitismus richtet sich nicht nur gegen Juden und Israel, sondern gegen die tolerante demokratische Gesellschaft als Ganzes.

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