Lkw-Attacke in Berlin

Terror erreicht Berlin - Festgenommener wieder frei

Der Anschlag von Berlin führt Deutschland seine Verwundbarkeit durch Terror vor Augen. Ein zunächst festgenommener Verdächtiger muss wieder freigelassen werden. Und wo sind der oder die Täter?
20.12.2016, 06:11
Lesedauer: 4 Min
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Der Anschlag von Berlin führt Deutschland seine Verwundbarkeit durch Terror vor Augen. Ein zunächst festgenommener Verdächtiger muss wieder freigelassen werden. Und wo sind der oder die Täter?

Der oder die Attentäter von Berlin sind möglicherweise noch auf freiem Fuß. Man sei "hochalarmiert", sagte der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, am Dienstag in Berlin. Der Verdächtige, der am Montagabend kurz nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche festgenommen worden war, kam am Dienstagabend wieder frei. Die bisherigen Ermittlungsergebnisse hätten keinen dringenden Tatverdacht ergeben, teilte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit.

Terroristischer Hintergrund wahrscheinlich

Laut Generalbundesanwalt Peter Frank ist bislang unklar, ob der Mann, der den Lastwagen in die Menschenmenge auf dem Breitscheidplatz gesteuert und zwölf Menschen getötet hat, alleine handelte oder eine größere Tätergruppe dahinter steckt. Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt sagte, es sei möglich, dass der gefährliche Täter noch im Raum Berlin unterwegs sei. Generalbundesanwalt Peter Frank spricht von einem Anschlag mit terroristischem Hintergrund. Und am Dienstagabend reklamiert die Terrormiliz Daesch den Angriff für sich.

Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ging am Dienstagvormittag "nach jetzigen Stand" von einem Terroranschlag aus und äußerte sich zutiefst erschüttert. Ein ganzes Land sei in Trauer vereint. Merkel fügte hinzu: "Wir wollen nicht damit leben, dass uns die Angst vor dem Bösen lähmt. Auch wenn es in diesen Stunden schwerfällt: Wir werden die Kraft finden für das Leben, wie wir es in Deutschland leben wollen - frei, miteinander und offen."

Am Montagabend war ein Mann mit einem vermutlich entführten Lastwagen in den Weihnachtsmarkt nahe der Gedächtniskirche im Herzen Berlins gerast. Zwölf Menschen starben, rund 50 wurden teils lebensgefährlich verletzt. Danach wurde ein 23 Jahre alter Mann festgenommen, der aus Pakistan kommen soll.

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Der Mann habe in seiner Vernehmung umfangreiche Angaben gemacht, eine Tatbeteiligung jedoch bestritten, erklärte die Bundesanwaltschaft am Dienstagabend. Augenzeugen hätten den Lastwagenfahrer nach dem Anschlag nicht lückenlos verfolgt, die kriminaltechnischen Untersuchungen hätten bislang keinen Beleg erbracht, dass der Mann im Führerhaus des Lastwagens gewesen sei. Im Führerhaus wurde nach Angaben aus Sicherheitskreisen blutverschmierte Kleidung gefunden, bei dem 23-Jährigen dagegen nicht.

Bei dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt starb auch ein polnischer Lkw-Fahrer. Er lenkte nach bisherigen Erkenntnissen den Lkw, bevor dieser in die Hände des Mannes fiel, der dann mit dem Sattelschlepper in die Menschenmenge fuhr. Der Pole wurde erschossen.

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Merkel verspricht Aufklärung

Merkel dankte den Ermittlern, die dabei seien, "diese unselige Tat aufzuklären". Sie versprach: "Sie wird aufgeklärt werden - in jedem Detail, und sie wird bestraft werden, so hart es unsere Gesetze verlangen." Nach ihren Worten wäre es besonders schwer zu ertragen, wenn der Täter tatsächlich in Deutschland um Schutz und Asyl gebeten hat. "Dies wäre besonders widerwärtig gegenüber den vielen, vielen Deutschen, die tagtäglich in der Flüchtlingshilfe engagiert sind und gegenüber den vielen Menschen, die unseren Schutz tatsächlich brauchen und die sich um Integration in unser Land bemühen."

Innenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte: "Die Öffentlichkeit kann sich darauf verlassen, dass die zuständigen Sicherheitsbehörden nicht rasten und nicht ruhen werden, bis vollständige Klarheit über die Hintergründe dieser Tat besteht. Und ich persönlich werde nicht ruhen, bis der oder die Täter gefunden und einer gerechten und harten Strafe zugeführt worden sind."

Der Anschlag ruft Erinnerungen an die Terrorattacke von Nizza im Juli wach: Dort waren 86 Menschen ums Leben gekommen, als ein Mann mit einem Lastwagen über die Uferpromenade der Mittelmeermetropole fuhr. Für den Anschlag hatte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Verantwortung übernommen.

Nach dem Anschlag forderte CSU-Chef Horst Seehofer eine Überprüfung und Neujustierung der Flüchtlingspolitik. "Wir sind es den Opfern, den Betroffenen und der gesamten Bevölkerung schuldig, dass wir unsere gesamte Zuwanderungs- und Sicherheitspolitik überdenken und neu justieren", sagte der bayerische Ministerpräsident in München.

Bundespräsident Joachim Gauck beschwor den Zusammenhalt der freiheitlichen Gesellschaft. "Der Hass der Täter wird uns nicht zu Hass verführen. Er wird unser Miteinander nicht spalten", sagte das Staatsoberhaupt. "Unser Zusammenhalt wird nicht schwächer. Er wird stärker, wenn wir angegriffen werden."

Die Weihnachtsmärkte in Deutschland sollen derweil weiter stattfinden. Die Innenminister von Bund und Ländern sprachen sich am Dienstag gegen eine Absage aus, teilte das Bundesinnenministerium nach einer Telefonschalte der Ressortchefs mit. Mehrere Bundesländer überdenken ihre Sicherheitskonzepte. Der Innenausschuss des Bundestags will am Mittwoch in einer Sondersitzung beraten.

Nach dem Anschlag müssen sich die Fußball-Bundesliga-Clubs und ihre Fans auf zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen einstellen. "Die Vereine sind sensibilisiert und treffen in enger Abstimmung mit den lokalen Netzwerkpartnern und insbesondere der Polizei möglicherweise erforderliche Zusatzmaßnahmen", sagte Hendrik Große Lefert, der Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Dies könnten intensivere Kontrollen oder verstärkte Ordner- und Polizeipräsenz sein. (dpa)

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