Terror in Wien

In Österreichs Hauptstadt herrscht der Ausnahmezustand

Auch am Tag nach dem Terroranschlag herrscht in Österreichs Hauptstadt Wien der Ausnahmezustand. Noch immer überlagert die Ungewissheit die Trauer.
04.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Bartlau
In Österreichs Hauptstadt herrscht der Ausnahmezustand

Bundeskanzler Sebastian Kurz (Mitte) bei der Trauerfeier nahe des Tatorts in Wien. Die Stadt steht unter Schock.

Arno Melicharek /BKA /APA /dpa

Für einen Moment übertönen die Sirenen den legendären Pummerin, die Glocke des Stephansdomes, die Punkt 12 Uhr Mittags läutet. Mit Vollgas rasen zwei Polizeikombis über den Wiener Schwedenplatz, mitten hinein in den Moment der Einkehr, in dem Wien und Österreich der Opfer des schwersten Terroranschlags der letzten 35 Jahre gedenken wollte. Eine Minute schweigen, eine Minute Glockenklang für die vier Todesopfer, die ein offenbar islamistischer Attentäter am Montagabend ermordete.

Aber noch ist nicht die Zeit für Ruhe, noch immer überlagert die Ungewissheit die Trauer, noch immer suchen Polizisten in Wien und bundesweit nach Hintermännern und Mitwissern, 22 Menschen wurden verletzt, manche ringen im Krankenhaus weiter um ihr Leben. Noch immer haben schwer bewaffnete Einheiten den Tatort am Schwedenplatz abgeriegelt.

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Hier, am Rande der Innenstadt, eröffnete der Attentäter das Feuer mit einer abgesägten Kalschnikow, er schoss offenbar wahllos auf Menschen, die die letzten Stunden vor dem Lockdown auf der Partymeile „Bermuda-Dreieck“ verbrachten. Wie Silvesterböller habe es geklungen, so schildern Augenzeugen ihre Eindrücke. Der erste Notruf ging um 20 Uhr ein, neun Minuten später streckten Polizisten der Wiener Sondereinheit Wega den Mann auf den Treppen der Ruprechtskirche nieder, wo er so lange liegen blieb, bis Spezialisten Entwarnung geben konnten: Der Bombengürtel, den sich der Mann umgeschnallt hatte, erwies sich als Attrappe.

Einen Anschlag hatten ihm die Behörden nicht zugetraut

Der Mann trug noch eine große Menge Munition bei sich, außerdem eine Faustwaffe und eine Machete. Noch am späten Abend bestätigt Bundeskanzler Sebastian Kurz: Es handelt sich um einen „widerwärtigen Terroranschlag“, mittlerweile ist klar: Der 20-jährige Täter ist IS-Sympathisant, wollte sich mit anderen radikalen Islamisten dem Dschihad in Syrien anschließen, er war vorbestraft, doch einen Anschlag, heißt es, hatten ihm die Behörden nicht zugetraut. „Wir kennen Gewalt und Terror nur aus der Berichterstattung im Ausland“, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz: „Aber diese Nacht wird in unsere Geschichte als Nacht eingehen, in der Menschen Opfer eines terroristischen Anschlags geworden sind.“

„Hier in Wien hätte ich das nie erwartet“, sagt Imbissbetreiber Kerim Cagla und rührt in seinem türkischen Kaffee. „Ich bin schockiert.“ Eine paar Drogendealer, die vor der Polizei weglaufen, klar, auch mal eine Schlägerei, es ist halt der Schwedenplatz. Aber das? „Was macht das für einen Sinn?“ Der Attentäter traf einen Zentralnerv der Stadt: Am Schwedenplatz treffen sich U1 und U4, abends strömen hier die Feiernden zusammen, stärken sich am Würstelstand und ziehen weiter, die Älteren und die Aufgebretzelten eher ins „Bermuda-Dreieck“, das seinen Namen den Exzessen verdankt, bei denen so mancher schon einmal verloren geht, die Jüngeren und Alternativen eher an den Donaukanal, wo fliegende Händler die Leute mit Dosenbier versorgen. Der Montagabend war der letzte vor dem Lockdown, bis 0 Uhr durften die Kneipen noch öffnen, dann wollte Österreich für einen Monat dicht machen. Das letzte Hurra und ungewöhnlich warme 20 Grad lockten viele Wiener an, die Außenbereiche, die „Schanigärten“, waren voll.

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Am Tag nach der Tat hat das „Bermuda-Dreieck“ sein Gesicht gewandelt. Die Rolltreppen an der U-Bahn-Station Schwedenplatz befördern in regelmäßigen Abständen Trupps der Polizei nach oben, die blaue Uniformen gehören zu Bundespolizei, blaue Helme trägt die Wiener Eingreiftruppe Wega, die Antiterroreinheiten der Cobra sind grün gekleidet. Es sind Dutzende, immer wieder marschieren sie plötzlich los. Wer sich in Richtung der insgesamt sechs Tatorte wagt, kassiert grimmige Blicke, mehr als ein Blick auf die grünen Sprühmarker der Spurensicherung ist nicht drin.

Einheit statt Spaltung, diese Botschaft formuliert die Politik, keine Selbstverständlichkeit im Österreich des Sebastian Kurz. Der 34-Jährige hat die Kanzlerschaft mit einem streng migrationsfeindlichen Kurs gewonnen, besonders die Muslime stehen unter Beobachtung. Jetzt hat einer von ihnen vier Menschen getötet, aber der Kanzler appelliert an die Bevölkerung, „nicht in die Falle der Extremisten“ zu gehen: „Sie wollen uns spalten. Unser Feind sind die Extremisten und Terroristen, sie haben in unserer Gesellschaft nichts verloren.“

Vorzeitig entlassen

Der Feind, er kommt aus der Mitte der Stadt. Der 20-jährige Täter ist in Wien geboren, er hat die österreichische und nordmazedonische Staatsbürgerschaft. Gemeinsam mit anderen radikalen Islamisten wollte er sich dem IS in Syrien anschließen, die Behörden setzten ihn fest und verurteilten ihn zu 22 Jahren Haft, doch seine Teilnahme an einem De-Radikalisierungsprogramm ermöglichte ihm die vorzeitige Entlassung. Wen genau er mit seinem Anschlag treffen wollte, dazu wissen die Ermittler noch nichts Genaues, aber sie erforschen sein Umfeld: 18 Hausdurchsuchungen hat es in Wien und Niederösterreich gegeben, 14 Menschen wurden vorläufig festgenommen.

Eine Vermutung liegt nahe: In der Seitenstettengasse liegt eine der Herzkammern des jüdischen Lebens in Wien, der Stadttempel, wo noch wenige Stunden vor dem Anschlag das Abendgebet abgehalten wurde. Vom Stadttempel sind es nur wenige Schritte über die Marienbrücke bis in den 2. Bezirk, quasi das jüdische Viertel Wiens, wo am Tag danach die Straßen wie leergefegt sind.

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