Selbstmordattentäter reißt in Istanbul vier Menschen mit in den Tod / Kurdische Extremisten unter Verdacht

Terrorwelle in der Türkei

Istanbul. Die Türkei erlebt eine Terrorwelle noch nie da gewesenen Ausmaßes. Knapp eine Woche nach dem verheerenden Anschlag von Ankara mit 37 Toten sprengte sich am Sonnabend ein Selbstmordattentäter auf der beliebtesten Einkaufsstraße der Metropole Istanbul in die Luft und riss mindestens vier Menschen mit sich in den Tod.
20.03.2016, 00:00
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Von Susanne Güsten
Terrorwelle in der Türkei

In der Istiklal Caddesi, eigentlich Istanbuls beliebteste Einkaufsstraße, waren nach dem Selbstmordanschlag am Sonnabend nur noch Sicherheitskräfte zu sehen.

OSMAN ORSAL, REUTERS

Die Türkei erlebt eine Terrorwelle noch nie da gewesenen Ausmaßes. Knapp eine Woche nach dem verheerenden Anschlag von Ankara mit 37 Toten sprengte sich am Sonnabend ein Selbstmordattentäter auf der beliebtesten Einkaufsstraße der Metropole Istanbul in die Luft und riss mindestens vier Menschen mit sich in den Tod. 36 Menschen wurden verletzt, darunter mehrere Touristen. Nach der neuen Gewalttat fällt der Verdacht auf extremistische Kurden. Die Anschläge dürften in der EU die Diskussion über die Visafreiheit für Türken und die Einstufung des Landes als sicherer Drittstaat für die Flüchtlingsrückführung neu anfachen.

Nach Medienberichten zündete der Selbstmordattentäter den Sprengsatz auf der Istiklal Caddesi in der Nähe des zentralen Taksim-Platzes im europäischen Teil Istanbuls gegen 10 Uhr MEZ möglicherweise früher als geplant. Viele Geschäfte hatten zur Tatzeit nämlich noch nicht geöffnet; zudem hielt nasskaltes Wetter viele Istanbuler und Touristen zu Hause und in den Hotels. Die Online-Ausgabe der Zeitung „Hürriyet“ meldete, die Polizei gehe der Frage nach, was das eigentliche Ziel des Attentäters gewesen sein könnte.

Es war bereits der vierte schwere Anschlag in der Türkei in diesem Jahr. Im Januar tötete ein mutmaßlicher Islamist in Istanbul zwölf deutsche Touristen, im Februar und am vergangenen Sonntag töteten Extremisten der kurdischen Gruppe Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) in Ankara insgesamt mehr als 60 Menschen. Die TAK ist eine Unterorganisation der PKK-Kurdenrebellen; die PKK liefert sich seit Monaten schwere Gefechte mit den türkischen Sicherheitskräften im Südosten der Türkei mit bisher bereits mehr als Tausend Toten. Am Sonnabend wurde der Tod eines weiteren Polizisten gemeldet.

Insbesondere wegen des bevorstehenden kurdischen Neujahrsfestes Newroz an diesem Montag war in der Türkei mit neuen Gewalttaten gerechnet worden. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte eine harte Antwort auf die Gewalt der PKK und der TAK angekündigt. Die türkische Luftwaffe flog am Freitagabend und am Sonnabendmorgen erneut Angriffe auf Stellungen der PKK im Nordirak.

Wegen einer Anschlagswarnung gegen deutsche Einrichtungen in der Türkei hatte die Bundesregierung das Konsulat in Istanbul, die Botschaft in Ankara sowie die deutschen Schulen in beiden Städten geschlossen. Das Istanbuler Konsulat liegt nur wenige Hundert Meter von dem Ort des Anschlags vom Sonnabend entfernt. Am Freitagabend hatte die Vertretung mitgeteilt, dass am Montag wieder der normale Besucherverkehr beginnen werde. Am Sonnabend rief das Konsulat die Bundesbürger in Istanbul auf, „in den nächsten Stunden die Innenstadt“ zu meiden.

Auf Twitter dankten am Sonnabend viele Türken unter dem Hashtag „DankeSchönDeutschland“ den deutschen Behörden für die Terrorwarnung der vergangenen Tage. Eine Twitter-Nutzerin schrieb, ohne die Warnung der Deutschen wäre sie am Sonnabendvormittag mit einer 67-köpfigen Schülergruppe auf der Istiklal Caddesi unterwegs gewesen. Das Auswärtige Amt rief inzwischen deutsche Touristen in Istanbul auf, ihre Hotels bis auf Weiteres nicht mehr zu verlassen.

Der Terror der vergangenen Wochen hat in der türkischen Öffentlichkeit teilweise für Panik gesorgt. Nach der Explosion vom Sonnabend war in den sozialen Netzwerken sehr schnell von Anschlägen auch in anderen Istanbuler Stadtteilen die Rede – was sich jedoch als falsch erwies. Viele Istanbuler sind verängstigt. Ein Geschäftsmann sagte am Sonnabend, er fahre schon seit längerer Zeit nicht mehr in die Gegend um Taksim und Istiklal Caddesi.

Der neu aufgeflammte Kurdenkonflikt hat seit dem Sommer mehrere Hunderttausend Menschen aus ihrer Heimat in Südostanatolien vertrieben, wo mehrere Städte durch die Kämpfe teilweise zerstört worden sind. Kurdenpolitiker warnen, der Konflikt könne eine neue Fluchtwelle nach Europa auslösen. Da die EU der Türkei im Rahmen der Zusammenarbeit in der Flüchtlingskrise eine Abschaffung der Visapflicht Ende Juni in Aussicht gestellt hat, könnte es eine neue Debatte über eine solche Fluchtbewegung geben.

Auch die Diskussion über die Einstufung der Türkei als sicheres Drittland durch die EU dürfte wieder an Schärfe zunehmen. Türkei und EU hatten sich am Freitag in Brüssel auf eine Lösung geeinigt, nach der Ankara alle Flüchtlinge zurücknimmt, die ab Sonntag illegal über die Ägäis nach Griechenland gelangen. Im Gegenzug will die EU dann Syrer aus türkischen Flüchtlingslagern legal nach Europa einreisen lassen. Ankara erhält zudem eine erhöhte Finanzhilfe von bis zu sechs Milliarden Euro bis 2018, die Visafreiheit und eine Neubelebung des EU-Beitrittsprozesses.

Die türkischen Behörden bemühten sich, die Entschlossenheit ihres Landes bei der Bekämpfung des Schlepperunwesens an der Küste zu unterstreichen. So nahmen türkische Sicherheitskräfte am Freitag, dem Tag des Brüsseler Gipfels, insgesamt 1734 Flüchtlinge fest, die nach Griechenland wollten. Es handelte sich um die größte Aktion ihrer Art bisher. Kritiker in der EU hatten den türkischen Behörden bisher vorgeworfen, zu wenig gegen die illegale Migration in der Ägäis zu unternehmen.

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