Prozessauftakt

Tochter als politischer Faustpfand

Vor dem Prozessauftakt gegen die deutsche Journalistin Mesale Tolu pendelt ihr Vater zwischen Ulm und Istanbul, um seine Tochter im Gefängnis zu besuchen. Ihr drohen laut ihrer Anwältin bis zu 20 Jahre Haft.
09.10.2017, 21:57
Lesedauer: 4 Min
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Von Can Merey und Linda Say
Tochter als politischer Faustpfand

Demonstration vor dem Kanzleramt in Berlin für die Freilassung der in der Türkei inhaftierten deutschen Journalistin Mesale Tolu.

dpa

Als Ali Riza Tolu seine Autowerkstatt in Ulm aufgab, hatte er sich seinen Ruhestand anders vorgestellt: Seit Monaten verbringt der 58-Jährige einen großen Teil seiner Zeit mit Gefängnisbesuchen. Immer montags ist er im Frauenknast im Istanbuler Stadtteil Bakirköy, wo seine Tochter Mesale Tolu mit dem zweijährigen Enkelsohn einsitzt.

Donnerstags steht eine Visite im Gefängnis in Silivri an, wo er seinen Schwiegersohn Suat Corlu besucht. Was Ali Riza Tolu an diesem Mittwoch machen wird, weiß er ebenfalls schon genau: Er wird dabei sein, wenn in Silivri der Prozess gegen seine deutsche Tochter beginnt – die er für eine „politische Geisel“ hält.

In der Krise um die Inhaftierung von Deutschen in der Türkei werden drei Namen immer wieder genannt: Der der Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu, der des „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel und der des Menschenrechtlers Peter Steudtner. Als erste aus dieser Dreierriege wird nun Mesale Tolu vor Gericht gestellt.

Anwältin Kader Tonc sagt, ihre Mandantin gehöre zu 18 Angeklagten, denen der Prozess wegen Propaganda und Mitgliedschaft in der linksextremen MLKP gemacht werde. Mesale Tolu – deren Familie ursprünglich aus dem ostanatolischen Malatya stammt, die aber nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt – drohten bis zu 20 Jahre Haft.

Die Anklage wirkt dafür allerdings dünn: Der 33-Jährigen wird darin vorgeworfen, an vier Veranstaltungen teilgenommen zu haben, bei denen Propaganda für die MLKP betrieben worden sei. Bei einer Veranstaltung soll Tolu selbst ein Banner einer MLKP-Splittergruppe getragen haben. Außerdem soll in ihrer Wohnung Propagandamaterial gefunden worden sein. Die MLKP wird in der Türkei als Terrororganisation geführt, ihre Anhänger in Deutschland werden vom Verfassungsschutz beobachtet.

Website der Agentur gesperrt

Tolu arbeitete für die kleine linke Nachrichtenagentur Etha. Sie wurde bislang – anders als zahlreiche andere regierungskritische Medien – nicht von den Behörden geschlossen. Allerdings ist die Webseite der Agentur in der Türkei gesperrt. Etha-Nachrichtenchefin Derya Okatan sagt, die Agentur sei sozialistisch, aber unabhängig.

Mesale Tolu sei zwischen Deutschland und Istanbul gependelt. Wenn sie in der Agentur gewesen sei, habe sie Nachrichten übersetzt und geschrieben. Als eine Anti-Terror-Einheit am 30. April Tolus Wohnung stürmte, waren die Deutsche und ihr Sohn gerade in Istanbul.

Ihr Ehemann – der in der sozialistischen Partei ESP und der pro-kurdischen HDP aktiv war – saß da bereits in Untersuchungshaft. Ali Riza Tolu kam daraufhin nach Istanbul, zunächst kümmerte er sich um seinen Enkelsohn. „Mit der Zeit haben wir bei dem Kind gesehen, dass es stottert“, erzählt er.

Sohn: "Warum hast du mich verlassen?"

„Ich wollte es zuerst nach Deutschland zu meinen anderen Enkelkindern bringen, damit es dort mit ihnen in den Kindergarten geht.“ Als es dem Jungen aber immer schlechter gegangen sei, habe die Familie beschlossen, ihn zur Mutter ins Gefängnis zu bringen. Beim ersten Wiedersehen sei er kurz „wie erstarrt“ gewesen. „Dann ist er plötzlich losgerannt und hat sie umarmt. Am zweiten Tag hat er seine Mutter gefragt: „Warum hast du mich verlassen?“.“

Seine Tochter sitze in einem Zellentrakt mit anderen „politischen Gefangenen“, sagt Ali Riza Tolu. Insgesamt seien dort 17 Frauen untergebracht, die sich alle um den kleinen Jungen kümmerten. Sein Enkelsohn schlafe in der Zelle der Mutter in seinem eigenen Bett. Ob das Kind auch Spielzeug habe? „Nur einen Fußball“, sagt der Großvater.

Er habe dem Jungen zwar Spielzeugautos mitgebracht, die habe die Gefängnisverwaltung aber nicht erlaubt. Zweimal habe er seinen Enkel für ein paar Tage aus dem Gefängnis in Bakirköy geholt – unter anderem, um den Vater im Gefängnis in Silivri zu besuchen.

Vater bezeichnet sich als Sozialist

Für Ali Riza Tolu ist es zum Lebensinhalt geworden, sich um jenen Teil seiner Familie zu kümmern, der hinter Gittern ist. „Ich bleibe hier, bis ich sie rausgeholt habe“, sagt er. Seine Ehefrau ist schon vor langer Zeit bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Die drei Kinder hat Ali Riza Tolu in Ulm mithilfe seiner Mutter großgezogen. Seine heute 80-jährige Mutter habe Mesale Tolu angefleht, nicht zu gehen, als sie vor drei Jahren mit ihrem Ehemann in die Türkei zog. „Sie hat ihr gesagt: ,Sie werden dich ins Gefängnis stecken‘.“

Ali Riza Tolu bezeichnet sich ebenfalls als Sozialisten. Er wirkt, als sei er stolz auf seine Tochter, auch wenn er diesen Begriff nicht verwenden will. „Stolz ist ein nationalistisches Wort“, erklärt er. „Ich freue mich, dass ich eine Tochter habe, die gegen Ungerechtigkeit kämpft und schreibt. Ich stehe hinter allem, was meine Tochter tut. Sie hat nichts Falsches gemacht.“

Mesale Tolu bereut nichts

Mesale Tolu gehe es gut, auch wenn sie im Gefängnis sitze. „Sie bereut nichts. Sie sagt: Wenn ich hier rauskomme, dann mache ich den gleichen Job weiter.“ Mehr Sorgen als um seine Tochter macht sich Ali Riza Tolu um seinen Enkelsohn. Als er den Jungen das letzte Mal bei sich draußen gehabt habe, habe er nicht ins Gefängnis in Bakirköy zurückkehren wollen, berichtet der Großvater.

Der Zweijährige male Bilder, auf denen er selber, die Mutter und der Vater im Gefängnis seien – nur der Opa sei in Freiheit. Was mit dem Jungen geschehe, wenn Mesale Tolu nicht bald aus der Untersuchungshaft entlassen werde? Der Großvater sagt: „Dann nehme ich ihn wahrscheinlich mit nach Deutschland.“

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