China

Totale Überwachung

China befindet sich im Rausch der künstlichen Intelligenz: Wie der Staat seine Bürger kontrolliert und sich vor inneren Unruhen schützen will.
28.12.2017, 22:37
Lesedauer: 4 Min
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Totale Überwachung
Von Felix Lee
Totale Überwachung

Intelligente Kameras, die jeden Passanten analysieren und speichern, sind nur ein weiterer Höhepunkt der totalen Kontrolle, die Chinas Führung für ihre Bürger anstrebt.

Getty Images

Die Kamerasoftware erkennt: ein Mann. Beim Alter ist sie sich erst noch etwas unschlüssig. Auf dem Bildschirm schwankt die Angabe zwischen 35 und 42. Doch dann pendelt sich die Zahl bei 38 ein – Volltreffer. Die Software vermisst zudem das Gesicht, erstellt ein Bewegungsprofil und merkt sich spezielle Merkmale wie Leberflecken, die Form der Ohrmuschel und die Augenfarbe. Erfasst die Kamera einen ein paar Minuten später das zweite Mal, spuckt die Software alle Daten sofort aus – dieses Mal alles korrekt. Schließlich ist das System lernfähig.

„Jedes Gesicht hat seine speziellen Merkmale“, erläutert Ai Jiandan beim Besuch der Firma, für die sie arbeitet. „Wenn du vor einer unserer Kameras stehst, wissen wir sofort, wer du bist.“ Ai ist Mitarbeiterin bei Megvii, ein von Pekinger Studenten im Jahr 2012 gegründetes Start-up im Nordwesten von Peking, Chinas Sillicon Valley.

Was in Berlin am Bahnhof Südkreuz derzeit noch in der Testphase steckt, ist in Peking bereits Alltag. In ­U-Bahnhöfen, Einkaufszentren, auf belebten Straßen – zu Hunderten hängen die intelligenten Kameras bereits an Pfeilern oder Straßenlaternen der chinesischen Hauptstadt und erfassen alles, was an ihnen vorbei läuft oder fährt.

Die Kamera sendet die aufgezeichneten Daten an Rechenzentren, die die Daten analysieren und quasi in Echtzeit ausführliche Profile erstellen. Sie sind dann gespeichert und für Behörden oder private Sicherheitsfirmen jederzeit abrufbar. Die Firma Megvii hat sich auf Software zur Gesichtserkennung spezialisiert. Ein lukratives Geschäft.

Die Firma mit inzwischen 400 Mitarbeitern zählt private Sicherheitsfirmen zu ihren Kunden, Betreibern von Einkaufszentren und Luxuswohnanlagen, vor allem aber den chinesischen Staat. Und der rüstet sicherheitstechnisch derzeit massiv auf – nicht zuletzt auch zur Kontrolle der eigenen Bürger. Wer schon mal negativ aufgefallen ist, kann mit der Megvii-Technik beim Betreten einer U-Bahnstation sofort aufgehalten werden, wird erläutert. „Die anderen Bürger müssen dann keine Angst mehr haben.“

„China befindet sich im Rausch der künstlichen Intelligenz“, stellt die China-Beratungsagentur Bürger Sino Consulting mit Sitz in Berlin fest. Seitdem die chinesische Führung ihren „Entwicklungsplan für künstliche Intelligenz“ vorgestellt hat, boome diese Technik in der Volksrepublik, schreiben die Experten. „China ist in diesem Bereich schon jetzt ein wichtiger Innovationstreiber und dabei größter Wettbewerber der USA.“ Europa und Deutschland hingegen seien im Vergleich dazu „unbedeutend geworden“.

Benotung nach Surfverhalten im Internet

Intelligente Kameras, die jeden Passanten analysieren und speichern, sind dabei nur ein weiterer Höhepunkt der totalen Kontrolle, die Chinas Führung für ihre Bürger anstrebt. Sie arbeitet derzeit an einem System, das vorsieht, so gut wie alle Belange des öffentlichen Lebens zu erfassen und in einer Bürgerbewertung einfließen zu lassen.

Von „Social Credit System“ oder „Citizen Scoring“ ist die Rede. Dieses System wird bereits in einer Reihe von Versuchsregionen ausprobiert. Bislang versucht sich der Staat vor allem über das Surfverhalten im Internet ein Bild über seine Bürger zu machen und sie entsprechend zu benoten. Wer zum Beispiel über das Internet gesunde Babynahrung bestellt, erhält Pluspunkte.

Wer sich hingegen Pornos ansieht oder zu viel Zeit mit Computerspielen verbringt, muss mit Abzügen rechnen. Vorgesehen ist, dass Nutzer mit mindestens 1300 Punkten die höchste Bewertung AAA erhalten. Können sie diesen Stand einige Zeit lang halten, sollen sie zur Belohnung vergünstigte Kredite erhalten oder eine bessere Krankenversicherung.

Gesichtsdatenbanken sind längst vorhanden

Auch bei der Vergabe von Studienplätzen an die eigenen Kinder könnte sich eine hohe Punktzahl positiv auswirken. Wer hingegen unter einen Wert von 600 fällt, landet in der schlechtesten Kategorie D. Betroffene müssen sogar befürchten, ihre Jobs zu verlieren. Das war die ursprüngliche Idee.

Doch nun, da sich die Gesichtserkennungstechnologie zu bewähren scheint, ist vorgesehen, auch das Verhalten der Bürger im Straßenverkehr, in Bahnhöfen, auf Flughäfen und in Einkaufszentren mit in die Bewertung aufzunehmen. Verstöße im Straßenverkehr oder Vordrängeln beim Anstehen vor der Kasse im Supermarkt – all das soll künftig negativ in die Bewertung einfließen.

Gesichtsdatenbanken zum Abgleich hat der Staat längst, denn jeder chinesische Bürger hat einen Personalausweis mit einem biometrischen Foto. Doch auch die Konsumindustrie ist begeistert von den neuen technischen Möglichkeiten. Alibaba etwa, der chinesische Internet-Gigant, der mit seinen Online-Handelsplattformen Taobao und Tmall inzwischen mehr Umsatz macht als Amazon, hat bereits angekündigt, die Gesichtserkennungssoftware auch für seine Geschäftsfelder einzusetzen.

Datenschutz scheint kein Problem darzustellen

Alibaba hat bereits die Daten von fast 800 Millionen Nutzern gesammelt. Nun plant der chinesische Internet-Gigant, Online-Verkauf und reale Geschäfte miteinander zu kombinieren. Wer künftig Geschäfte betritt, die mit Alibaba-Technik arbeiten, wird von den Kameras sogleich erfasst.

Die Software merkt sich, vor welchen Kleidungsstücken die Kunden stehen bleiben oder was sie anprobieren. All das fließt dann in ihr Benutzerprofil ein. Online können ihnen dann noch mehr Produkte angeboten werden, die aufgrund der Auswertung dieser Daten speziell auf ihre Vorlieben ausgerichtet sind.

Datenschutz scheint für den Konzern kein Problem darzustellen. Als Alibaba-Marketing-Chef Chris Tung diese Pläne Mitte November in Schanghai vorstellte, wollte eine Journalistin wissen, wie es Alibaba mit der Privatsphäre hält – er verstand ihre Frage nicht.

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