Nato-Manöver

Training für die Krise: Größte Übung nach Ende des Kalten Krieges

An diesem Donnerstag beginnt die Nato mit dem wohl größtem Manöver seit dem Ende des Kalten Krieges. Bis November wird in Norwegen für den sogenannten Bündnisfall trainiert.
24.10.2018, 22:18
Lesedauer: 4 Min
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Von Ansgar Haase
Training für die Krise: Größte Übung nach Ende des Kalten Krieges

Soldaten der 24th Marine Expeditionary Unit in Island auf dem Weg zu einem Feldlager für das „Trident Juncture“.

Collins/Marine Corps/DPA

Rund 50.000 Soldaten, 10.000 Fahrzeuge sowie mehr als 300 Kampfflugzeuge, Hubschrauber und Schiffe: Die Nato beginnt an diesem Donnerstag das größte Manöver seit Ende des Kalten Krieges.

In Norwegen wird bis in den November hinein erstmals seit langem wieder groß für den sogenannten Bündnisfall trainiert. Dieser könnte ausgerufen werden, wenn einer oder mehrere der 29 Mitgliedstaaten von einem Gegner angegriffen würden. In der Folge müssten dann die anderen Alliierten gemeinsam Beistand leisten.

„In den vergangenen Jahren hat sich das Sicherheitsumfeld in Europa deutlich verschlechtert“, erklärte Generalsekretär Jens Stoltenberg am Mittwoch in einer Pressekonferenz zum Manöver „Trident Juncture“. „Es ist wichtig zu zeigen, dass wir in der Lage sind, jeden Bündnispartner gegen jede Art von Gefahr zu verteidigen.“

Dass sich diese Botschaft vorrangig an Russland richtet, ist klar – auch wenn die politisch Verantwortlichen es selten explizit aussprechen. Für den sogenannten Bündnisfall war nach dem Ende des Kalten Krieges kaum intensiv geübt worden. Dann kam das Jahr 2014, in dem Russland sich die ukrainische Halbinsel Krim einverleibte und mit der Unterstützung prorussischer Separatisten begann.

Seitdem drängen vor allem östliche Bündnispartner darauf, sich wieder besser für den Bündnisfall zu wappnen. Nach den Ereignissen in der Ukraine könne nicht mehr ausgeschlossen werden, dass Russland auch in einem Nato-Land für Unfrieden oder sogar Krieg sorgen könnte, lautet die Argumentation. Russland sieht die Lage dagegen genau andersherum.

Das geplante Nato-Manöver trage zur Destabilisierung in der Region bei, erklärte jüngst Außenamtssprecherin Maria Sacharowa. Ohne Details zu nennen kündigte sie zudem an, dass Russland „die notwendigen Maßnahmen“ ergreifen werde, um die eigene Sicherheit zu gewährleisten.

"Statt Militärmanöver seien jetzt mutige Abrüstungsinitiativen nötig"

Unterstützung bekommt sie von der Linksfraktion im Bundestag. „Solches Säbelrasseln lässt die Situation in Europa weiter eskalieren“, kommentiert der verteidigungspolitische Sprecher Tobias Pflüger. Statt Militärmanövern seien jetzt „mutige Abrüstungsinitiativen“ nötig.

Bei der Nato und in der Bundeswehr wird darauf verwiesen, dass auch Russland zuletzt intensiv für großformatige Konflikte trainiert hatte. An dem jüngsten Großmanöver Wostok (Osten) sollen nach Angaben aus Moskau knapp 300 000 Soldaten teilgenommen haben.

Die Übung sei enorm groß gewesen, selbst wenn die Zahl vermutlich übertrieben sei, heißt es in Brüssel. In der Bundeswehr wird zudem auf das Vorsorgeprinzip verwiesen. „Wir schaffen ja auch nicht die Feuerwehr ab, nur weil es gerade nicht brennt“, heißt es.

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Die rund 90 Millionen Euro, die Deutschland in die Teilnahme an dem Manöver investiere, seien gut investiert. Für die Bundeswehr ist die Großübung zudem eine besondere Bewährungsprobe. Sie stellt neben schweren Kampfpanzern, Jagdflugzeugen und Hunderten anderen Fahrzeugen rund 10.000 Soldaten und ist nach den USA zweitstärkste Nation bei der Übung.

Im kommenden Jahr wird die Bundeswehr zudem die Führung der schnellen, im Zuge der Ukraine-Krise aufgestellten Nato-Eingreiftruppe VJTF übernehmen. In Norwegen soll sie unter Beweis stellen, dass sie für die Aufgabe gerüstet ist. Allgemein gehe es bei dem Manöver darum zu zeigen, dass man in der Lage sei, schnell Kräfte innerhalb des Bündnisgebiets zu verlegen, erklärt Brigadegeneral Ullrich Spannuth (54), der im kommenden Jahr die VJTF führen wird.

Zudem solle getestet werden, ob die Soldaten aus den unterschiedlichen Nationen in einer Gefechtssituation problemlos zusammenarbeiten können.

Deutsche Panzer mit dänischen Schiff in Norwegen angekommen

Im Vorfeld habe dies bereits gut funktioniert, erklärte Generalsekretär Stoltenberg am Mittwoch. So seien deutsche Panzer mit einem dänischen Schiff in Norwegen angekommen und dann nach der Betankung durch belgische Kräfte von niederländischen und polnischen Transportern ins Übungsgebiet gebracht worden.

Bulgarische Logistiker hätten dies alles unter Oberaufsicht eines US-Teams organisiert. Sorgen, dass die Bundeswehr wie mehrfach in der Vergangenheit Negativ-­Schlagzeilen durch schlechte Ausrüstung machen könnte, hat die Truppenführung nicht. „Wir haben alles, was wir brauchen“, sagt Spannuth.

Selbst für den Fall, dass die Temperaturen bei der Übung tief unter den Gefrierpunkt fallen sollten, seien die Soldaten gut ausgerüstet.

Vor den deutschen Soldaten liegt dennoch eine harte Zeit. Zur Unterbringung ihrer Kameraden haben die norwegischen Gastgeber in den zahlreichen Camps beheizte Zelte aufgebaut.

Wochenlang auf Privatsphäre zu verzichten ist aber dennoch kein Spaß. „Wir lernen hier enorm viel“, erzählt ein deutscher Soldat. „Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich froh sein werde, wenn ich vor Weihnachten wieder zu Hause bin.“

Info

Zur Sache

Zahlen zum Einsatz

Teilnehmer: Rund 50.000 Soldaten aus den 29 Bündnisstaaten sowie Finnland und Schweden

Ausrüstung: Rund 250 Luftfahrzeuge, 65 Schiffe und 10 000 Fahrzeuge

Deutsche Beteiligung: Rund 10.000 Soldaten, davon rund 8000 direkt in Norwegen; hinzu kommen etwa 4000 Fahrzeuge sowie Kampfjets der Typen Eurofighter und Tornado

Übungsgebiet: Norwegen, Teile des Atlantiks und der Ostsee sowie der Luftraum von Finnland und Schweden

Übungsdauer im Feld: 25. Oktober bis 7. November; zudem vom 14. bis 23. November noch eine sogenannte Stabsrahmenübung

Manöver-Chef: US-Admiral James G. Foggo

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