Truppen ziehen sich aus der Region Mossul zurück / Saudi-Arabien gründet neues Anti-Terror-Bündnis Türkei lenkt nach Protesten ein

Basra. Kommando zurück: Soldaten, Panzer und schweres militärisches Gerät ziehen wieder aus Bashiqa ab. Der Aufmarsch der Türken vor gut einer Woche in der Nähe von Mossul hatte für eine Eskalation der ohnehin getrübten Beziehungen zwischen Bagdad und Ankara gesorgt.
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Türkei lenkt nach Protesten ein
Von Birgit Svensson

Kommando zurück: Soldaten, Panzer und schweres militärisches Gerät ziehen wieder aus Bashiqa ab. Der Aufmarsch der Türken vor gut einer Woche in der Nähe von Mossul hatte für eine Eskalation der ohnehin getrübten Beziehungen zwischen Bagdad und Ankara gesorgt. Um die Lage nicht noch weiter anzuheizen, soll jetzt alles wieder rückgängig gemacht werden. Ob die Soldaten jedoch anderswo im Nordirak stationiert werden, ist noch nicht ganz klar. Jedenfalls in Bashiqa werden sie nicht bleiben.

Tausende Iraker hatten am Wochenende gegen die Stationierung türkischer Truppen protestiert. Mindestens 4000 Menschen versammelten sich im Zentrum Bagdads, mehrere Tausend im Süden des Landes. Einige Demonstranten verbrannten türkische Flaggen und drohten mit Gewaltakten gegen türkische Soldaten. Angehörige einer schiitischen Miliz trugen Banner mit der Aufschrift „Tod der Türkei, den Tod für Erdogan“.

In Iraks zweitgrößter Stadt Basra wurden die türkischen Geschäfte aus Angst vor Übergriffen geschlossen. Auf der gerade zu Ende gegangen Messe für Bau und Elektrizität blieben die von türkischen Firmen gebuchten Stände unbesetzt, was fast ein Drittel der Messestände bedeutete. Die Türkei ist nach dem Iran der größte Geschäftspartner Iraks. Im Norden des Landes ist fast alles in türkischer Hand. Im Südirak engagieren sich die Türken vor allem in der Baubranche. So ist zu vermuten, dass die türkischen Wirtschaftsverbände Druck auf die Regierung in Ankara ausgeübt haben, die Lage nicht noch weiter eskalieren zu lassen.

Offiziell heißt es aus türkischen Regierungskreisen, man habe mit dem Aufmarsch der zusätzlichen Truppen lediglich den Schutz der ohnehin schon seit Monaten in Bashiqa tätigen Militärausbilder verbessern wollen. Diese sollen Mitglieder der kurdischen Peschmerga in die Lage versetzen, die von der Extremisten-Miliz Daesch eingenommene Metropole Mossul zurückzuerobern. Auf Nachfrage dieser Zeitung teilte die türkische Botschaft in Bagdad mit, sie hätten Drohungen erhalten, die gegen die Experten dort gerichtet waren. Allerdings räumte man ein, die Regierung in Bagdad nicht von der Aufstockung der Truppen unterrichtet zu haben.

Immer wieder werden türkische Staatsbürger im Irak entführt. Zuletzt Anfang September, als 18 Bauarbeiter aus dem Bagdader Stadtteil Sadr City entführt und später in Basra frei gelassen wurden. Der spektakulärste Übergriff allerdings war die Erstürmung des türkischen Generalkonsulats in Mossul durch Mitglieder der Terrormiliz, nachdem sie im Juni 2014 die Stadt eingenommen hatten. 101 Tage lang waren 49 Diplomaten Gefangene der Daesch-Miliz.

Die irakische Führung reagierte empört. Ministerpräsident Haider al-Abadi steht seit einiger Zeit ohnehin unter innenpolitischem Druck, keine weitreichende ausländische Truppenpräsenz mehr zuzulassen. Nach den Amerikanern, den Russen, den Franzosen und den Iranern, sind es nun also noch die Türken, die ihre Soldaten in den Irak schicken. Ein weiteres Beispiel für das Chaos, das in dieser Region ohnehin herrscht.

Allerdings hat der Streit um die türkischen Truppen auch eine ethnisch-religiöse Komponente: Vor allem schiitische Politiker und Milizen verlangen den Abzug der türkischen Soldaten, die vorwiegend sunnitisch sind. Sie machen die Türkei mitverantwortlich für das Erstarken des Daesch. Beobachter im schiitisch geprägten Basra gehen davon aus, dass die Eskalation mit der Türkei deren Wirtschaftskraft im Süden des Iraks schwächen soll. Profitieren davon wird der Iran, dessen Einflussbereich dadurch zementiert werde.

Unterdessen hat Saudi-Arabien ein neues Militärbündnis gegründet, mit dem das islamisch-konservative Königreich den Terror bekämpfen will. An der „Islamischen Koalition“ mit Sitz in Riad beteiligten sich 34 Länder, erklärte Vize-Kronprinz Mohammed Bin Salman. Das Bündnis wolle alle „terroristischen Organisationen“ bekämpfen, nicht nur den Daesch.

An der Allianz beteiligen sich unter anderem Ägypten, Libyen, der Sudan, Jordanien und Pakistan. Wichtige islamische Staaten wie der Iran, der Irak und Afghanistan sind jedoch kein Mitglied. Das sunnitische Saudi-Arabien betrachtet den schiitischen Iran als größten Rivalen in der Region. Dem Iran kommt in den Wiener Syrien- Gesprächen eine wichtige Rolle zu.

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