USA

Faktencheck für Trumps Botschaften

Donald Trump wird ein freimütiger Umgang mit der Wahrheit nachgesagt. Nun wird er in seinem Lieblingsmedium Twitter zum ersten Mal mit einem Faktencheck konfrontiert.
27.05.2020, 19:57
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Faktencheck für Trumps Botschaften
Von Thomas Spang

Washington. Timothy J. Klausutis kann nicht glauben, wie Twitter auf seine eindringliche Bitte reagiert, Donald Trumps Lügen über den tragischen Tod seiner Frau Lori zu löschen. Statt seinem Wunsch nachzukommen, entschuldigte sich der Kurznachrichtendienst „für die Schmerzen, die diese Behauptungen … für ihre Familie mit sich bringen“. Man arbeite an Regeln und Verfahren, „mit solchen Dingen in Zukunft besser umgehen zu können“, heißt es.

In dem konkreten Fall schlägt Twitter den Wunsch des Witwers aus, den dieser in einem herzzerreißenden Brief an Konzernchef Jack Dorsey formuliert hatte. Der US-Präsident versuche, den tragischen Tod seiner Frau für eine Verschwörungstheorie zu missbrauchen, schreibt Klausutis. Er eigne sich dabei etwas an, das ihm nicht gehöre und pervertiere „die Erinnerung an meine verstorbene Frau“ für politische Zwecke. „Meine Frau verdient es, besser behandelt zu werden.“

Hintergrund des Schreibens sind Tweets des Präsidenten, in denen dieser ohne jegliche Faktenbasis darüber spekuliert, die ehemalige Mitarbeiterin des republikanischen Abgeordneten Joe Scarborough sei ermordet worden. Scarborough ist heute ein beliebter Morgenmagazin-Moderator auf MSNBC und gehört zu den schärfsten konservativen Kritikern Trumps.

Seine damals 29-jährige Mitarbeiterin war 2001 im örtlichen Wahlkreisbüro von Fort Walton Beach kollabiert und mit dem Kopf auf eine Tischkante geschlagen. Lori hatte Freunden vorher gesagt, sie fühle sich nicht wohl. Die Obduktion ergab, dass Herzversagen zu der Ohnmacht führte. Scarborough kannte die junge Frau kaum und hielt sich 1500 Kilometer entfernt auf.

Kritiker wie die Kolumnistin Karen Tumulty wundern sich, warum Twitter die Verbreitung solcher unhaltbaren Lügen unter Trumps mehr als 80 Millionen Followern erlaubt, „während es andere Nutzer wegen vergleichsweise geringerer Vergehen von seiner Plattform verbannt“. Das Entfernen dieser Tweets wäre „ein kleiner Schritt in Richtung Anstand“.

Als Hoffnungsschimmer werteten Analysten wie Joshua Pasek von der University of Michigan die Entscheidung Twitters, bei einer anderen Kampagne des Präsidenten erstmals aktiv zu werden. Unter zwei Tweets, in denen Trump ohne jeden Beleg behauptet, Briefwahl sei nichts anderes als eine Einladung zum Wahlbetrug, stehen nun Links zu einem Faktencheck. Diese Aktion deute darauf hin, so Passet, dass es für Twitter einen Punkt gibt, „an dem die Perversion der Demokratie so groß ist“, dass der Dienst nicht mehr tatenlos zusehen wolle.

Hinter einem eingekreisten Ausrufezeichen werden die Leser aufgefordert: „Holen Sie sich hier die Fakten über Briefwahlen.“ Ein Klick bringt die Nutzer auf eine Webseite mit der Überschrift „Trump behauptet unbelegt, dass Briefwahlzettel zu Wahlbetrug führen werden.“ Darunter hat der Dienst Quellen zusammengetragen, die Trumps Verschwörungstheorie zerpflücken. Der Aufschrei des „Twitterers-in-Chief“ ließ nicht lange auf sich warten. Silicon Valley mische sich nun in die Präsidentschaftswahlen 2020 ein, beklagte sich Trump. „Twitter würgt die freie Meinungsäußerung komplett ab“, schrieb er – verbreitet über jenen gescholtenen Kanal. „Als Präsident werde ich das nicht erlauben.“

Nach Ansicht von Analysten braucht sich Trump nicht zu viele Sorgen zu machen, die Plattformen in den Netzwerk-Medien zu verlieren, über die er einen großen Teil der mehr als 16 000 nachgewiesenen Falschaussagen, Halbwahrheiten und Lügen seiner Präsidentschaft verbreitet hat. Twitter traute sich bisher nicht, Kurznachrichten zu entfernen. Das mit 2,6 Milliarden Nutzern sehr viel größere Facebook liefert nicht einmal Kontext zu den Aussagen Trumps.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+