Gesundheit

Umstrittene Pläne zur Krebsvorsorge

Berlin. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr legt einen Gesetzesentwurf vor, der ein einheitliches Krebsregister und eine Ausweitung der Vorsorgeuntersuchungen vorsieht.
21.08.2012, 05:00
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Umstrittene Pläne zur Krebsvorsorge
Von Norbert Holst
Umstrittene Pläne zur Krebsvorsorge

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr. Foto: Bernd Wüstneck

dpa

Berlin. Am Mittwoch legt Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr einen Gesetzesentwurf vor, der ein einheitliches Krebsregister und eine Ausweitung der Vorsorgeuntersuchungen vorsieht. Die AOK und Verbraucherverbände kritisieren die Vorlage.

Berlin. Krebs wird jedes Jahr für mehr als 200000 Menschen in Deutschland zum Todesurteil. Vorsorge und Therapie sollen nun per Gesetz Fortschritte machen. "Bei einem so sensiblen Thema darf es keinen Zwang geben. Der Nationale Krebsplan sieht vor, dass die Krankenkassen frühestens ab dem Jahr 2016 Männer und Frauen zur kostenlosen Früherkennungsuntersuchung für Gebärmutterhalskrebs und Darmkrebs einladen. Früherkennung kann helfen", erklärte Bahr kürzlich in einem Interview. Morgen Vormittag will der FDP-Politiker im Bundeskabinett den Gesetzentwurf auf den Weg bringen.

Doch was die Pläne des Gesundheitsministers bringen, darüber gehen die Einschätzungen auseinander. So ist für den Vorstand des AOK-Bundesverbandes, Uwe Deh, nicht jede Aktion zur Früherkennung sinnvoll: "Bei Gebärmutterhalskrebs lassen sich, auf einen Dreijahres-Zeitraum bezogen, weit mehr als 80 Prozent der Frauen zwischen 20 und 30 Jahren durchchecken. Das ist auch durch Einladungen kaum noch zu toppen." Zudem vermisst der AOK-Bundesverband ein Gesamtkonzept. Anders als etwa bei der Brustkrebs-Früherkennung sei der Aufbau von Vorsorge-Zentren nicht vorgesehen, auch fehle es an einer Qualitätskontrolle etwa hinsichtlich Labor- und Falschbefunden.

Auch bei den Vorsorgeuntersuchungen auf Darmkrebs gibt es in Fachkreisen durchaus Skeptiker. Sie sagen: Bei der Früherkennung kann etwas entdeckt werden, was gar nicht schlimm sein muss, aber Folgeuntersuchungen oder sogar einen Eingriff nach sich zieht. Der Referentenentwurf des Gesetzes lässt hingegen keinen Zweifel am Sinn aufkommen: "Durch eine rechtzeitige Entdeckung und Beseitigung von Darmkrebs-Vorstufen ließe sich ein großer Teil der jährlich circa 65000 Darmkrebs-Neuerkrankungen verhindern."

Allein die Kosten für die zusätzlichen Einladungen werden sich laut Schätzungen auf mehr als 60 Millionen Euro belaufen. Die Untersuchungen auf Darm- oder Gebärmutterhalskrebs sollen für gesetzlich versicherte Patienten kostenlos sein, sie gehören also nicht zu den Vorsorgeuntersuchungen im Rahmen der individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL).

Der Verbraucherzentrale Bundesverband begrüßt die Ausweitung der Vorsorge, reibt sich aber an dem geplanten Krebsregister. Es fehle vor allem eine Verpflichtung zur Teilnahme. Unterm Strich, so der Bundesverband, wird der Plan "keinen Einfluss auf die Qualität der onkologischen Versorgung" haben.

Doch der Minister erhofft sich von der flächendeckenden Einrichtung klinischer Krebsregister einen Qualitätssprung. Es sollen künftig nach einheitlichen Standards alle Daten erfasst werden, die im Laufe einer Krebserkrankung, der Behandlung und der Nachsorge anfallen. Doch Experten sehen eine "logistische Herausforderung". Denn momentan gibt es bundesweit rund 50 zumeist sehr unterschiedliche Krebsregister. Die Bundesärztekammer etwa warnt in einer Stellungnahme, dass das Register in der "beschriebenen Form nur bedingt umsetzbar" sei. Einfacher gesagt: Schon bei der unterschiedlichen Computer-Software fangen die Probleme an.

Für den AOK-Bundesverband gehen die Pläne der Bundesregierung nicht weit genug. "Der jetzige Flickenteppich muss abgelöst werden durch aussagefähige, übergreifende und transparente Daten", fordert Vorstand Deh. Er nennt ein Beispiel: "In einem regionalen Register mit 1,2 Millionen Menschen werden nur 85 Neuerkrankungen an Gebärmutterhalskrebs pro Jahr erfasst. Ein bundesweites Register würde 4900 Frauen erfassen. Das sind Zahlen für belastbare Aussagen."

So werden in Niedersachsen bei einigen Krebsarten rund zehn Prozent der Fälle überhaupt nicht gemeldet. Deswegen plant Gesundheitsministerin Aygül Ozkan (CDU) eine Meldepflicht. Ein weiteres Problem: 38 Prozent der Meldungen sind unvollständig. In Bremen erkranken jedes Jahr rund 4000 Menschen an Krebs. Die Zahl stammt aus der aktuellen Statistik des Bremer Krebsregisters.

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