Kommentar über Risikoverhalten

Unausrottbar

Egal ob Selfie am Berghang, rasen auf der Autobahn oder das verweigern von Impfungen: Einige Menschen lieben das Risiko. Warum machen die das, fragt sich Dietrich Eickmeier.
16.02.2019, 18:46
Lesedauer: 2 Min
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Von Dietrich Eickmeier
Unausrottbar

Im vergangenen Winter forderte eine Grippewelle 1665 Todesopfer. Dennoch verzichten immer noch Menschen aus Risikogruppen auf eine vorbeugende Impfung.

Owen Humphreys /dpa

Das ist mal eine gute Nachricht. Gab es vor vier Jahren allein in Berlin noch eine Masern-Epidemie mit rund 1400 Fällen und einem 18 Monate alten Todesopfer, sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO die Zahlen rückläufig: Nach 929 Masernfällen 2017 wurden letztes Jahr in Deutschland nur gut 500 Fälle gemeldet. Kein Grund aber für eine Entwarnung, denn um neue Ausbrüche zu verhindern, müssten 95 Prozent der Bevölkerung gegen die extrem ansteckende Kinderkrankheit geimpft sein, deren Folge eine Entzündung der Nervenzellen des Gehirns und des Rückenmarks sein kann. Sie führt zum Ausfall von Gehirnfunktionen und zum Tod. Doch auch in Deutschland wird diese Quote nicht erreicht, weil immer noch eine kleine radikale Minderheit das Gesundheitssystem sabotiert.

Impfgegner sind längst nicht mehr Links-Alternative oder Anthroposophen, die der „bösen Chemie“ misstrauen und so die gefährliche Krankheit sowohl bei eigenen als auch die Ansteckung anderer Kinder in Kauf nehmen. Das Magazin „Economist“ spricht gar von einem rasanten Aufstieg der „Bio-Populisten“, die für den menschlichen Körper offenbar dasselbe wollen wie für die Nation – Reinheit und Selbstbestimmung.

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Kein Wunder, dass neben US-Präsident Donald Trump Rechtspopulisten wie Marine Le Pen aus Frankreich, Vizekanzler Heinz-Christian Strache aus Wien (wo sich gerade die Masern ausbreiten) oder Italiens Innenminister Matteo Salvini auf der Seite der Impfgegner-Ideologen stehen. Kein Wunder auch, dass 2018 in der Europa-Region der WHO so viele Menschen an Masern erkrankten wie seit zehn Jahren nicht mehr. In der EU gab es fast 13 000 Masernfälle mit 35 Toten. Für die WHO sind Impfgegner daher eine globale Bedrohung.

Unvernunft ist offenbar unausrottbar. Auf allen Ebenen.

Gerade hat bei uns die Grippewelle begonnen, die letzten Winter 1665 Todesopfer forderte. Dennoch verzichten immer noch Menschen aus Risikogruppen, also Ältere über 60 oder mit chronischen Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf eine Impfung. Selbst Ärzte. Oder warum suchen auch erfahrene Skifahrer trotz Lawinengefahr immer wieder das Tiefschnee-Erlebnis abseits gesicherter Pisten? Allein in Österreich sind in diesem Winter bisher elf Menschen in Lawinen zu Tode gekommen.

Ein anderes Beispiel: Warum riskieren Menschen ihr Leben bei dem Versuch, Selfies vor möglichst spektakulären Kulissen zu machen? Zwischen 2011 und 2017 sind so weltweit 259 Menschen Opfer ihrer Eitelkeit geworden. Das ist aber noch nichts im Vergleich zum Risikoverhalten von Autofahrern: 2017 starben 1077 Menschen auf deutschen Straßen, ein Drittel von ihnen, weil ein Fahrer zu schnell unterwegs war. Auch das hat wohl viel mit Selbstüberschätzung zu tun.

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