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Unerwünschte Wanderarbeiter

Mit bloßen Händen schiebt Jue Hao einen dicken Betonbrocken zur Seite. Staub wirbelt auf.
18.12.2017, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Unerwünschte Wanderarbeiter
Von Felix Lee
Unerwünschte Wanderarbeiter

Die vertriebenen Wanderarbeiter können nur das Nötigste mitnehmen.

JASON LEE, REUTERS

Mit bloßen Händen schiebt Jue Hao einen dicken Betonbrocken zur Seite. Staub wirbelt auf. Er hält sich den Ärmel seiner Daunenjacke vor den Mund. Gemeinsam mit seiner Mutter versucht er, eine Holzplatte aus dem Schutt zu ziehen. Doch dann winkt die Mutter ab. „Zu kaputt“, sagt sie und sucht an anderer Stelle weiter. „Wir brauchen einen Tisch“, sagt der 25-Jährige. Den eigenen könne er nicht mitnehmen. Er zeigt auf einen Wohnblock. Die Fassade des Hauses ist abgerissen. Im dritten Stock sind noch die Umrisse der Wohnung zu erkennen, in der Jue Hao, sein jüngerer Bruder und seine Eltern bis vor Kurzem lebten. Zwischen Glassplittern und Gerümpel ist in einer Ecke der Kühlschrank zu sehen, an anderer Stelle steht das Gestell eines Metallbettes. Alles andere versinkt im Schutt. Die Treppe ist eingestürzt, verbogene Stahlträger liegen frei. Der Beton bröckelt. „Zu gefährlich“, sagt Jue Hao. „An unsere Sachen kommen wir nicht mehr heran.“

So wie Jue Hao und seine Mutter sind an diesem sonnigen, aber eisigen Winternachmittag zahlreiche Menschen auf dem Trümmerfeld und wühlen im Schutt nach brauchbaren Gegenständen. Vor zehn Tagen haben sie noch in den Häusern gewohnt. Nun ist alles zerstört. Sie sind Wanderarbeiter. Hunderttausende von ihnen mussten in den vergangenen Tagen miterleben, wie Bagger quasi über Nacht ihre Wohnungen und Arbeitsplätze dem Erdboden gleichmachten. Und ihre Existenz.

Mehr als 20 Jahre lang hat es diese Siedlung in Daxing am südlichen Stadtrand von Peking gegeben. Die meisten vier- bis sechsstöckigen Wohnhäuser waren zwar heruntergekommen, boten den Wanderarbeitern im teuren Peking aber noch bezahlbaren Wohnraum. Im Süden stehen noch nicht so viele moderne Bauten aus Stahl und Glas wie im Zentrum, Norden oder Westen der Hauptstadt. Neben den Unterkünften der Wanderarbeiter ist Daxing auch bekannt für seine vielen Textilfabriken, Lagerhallen und Handwerksbetriebe. Das meiste davon ist nun auch nicht mehr da.

Für Altes kein Platz

Abrissarbeiten gehören in Peking zum Alltag. In einer Stadt, deren Verwaltung unter einer modernen Hauptstadt den Bau von immer mehr farblosen Hochhäusern versteht, ist für Altes kein Platz. Doch was sich in diesen Wochen abspielt, hat es noch nicht gegeben. Wie Jue Hao und seiner Familie ergeht es derzeit Hunderttausenden. An mehr als 100 Orten der 23-Millionen-Metropole sind in diesen Tagen Bagger, Planierraupen und Abrisskolonnen unterwegs, wie die chinesischsprachige Ausgabe der „Financial Times“ berichtet. Offiziell heißt es, die Aktion sei Teil einer 40-tägigen „Sicherheitskampagne“. Doch das Signal, das die Pekinger Stadtführung mit dem Massenabriss aussendet, ist eindeutig: Wanderarbeiter, ihr seid hier nicht mehr erwünscht.

„Wir hatten nicht einmal drei Tage Zeit für den Auszug“, klagt Jue Hao. Nur das Nötigste hätten er und seine Familie mitnehmen können – das, was sie tragen konnten. Er ist mit seinen Eltern vorläufig bei Bekannten untergekommen. Sein Bruder hat Peking verlassen, er sucht im Süden des Landes nach Arbeit. Der Familie fehlt nun alles: Töpfe, Decken, Möbel – vor allem aber eine Perspektive. Jue Hao ist in Peking geboren, die Heimat seiner Eltern auf dem Land kennt er nur von Besuchen. Er hat noch nie in seinem Leben einen Acker bestellt. Er repariert Computer und Kleinelektronik. Eine neue Unterkunft kann er sich angesichts Pekings horrender Mieten mit einem Monatslohn von gerade einmal 5000 Yuan (640 Euro) nicht leisten.

Auslöser für die Abrisswelle war ein Feuer am 18. November in einem Wohnblock für Wanderarbeiter im Stadtteil Daxing. 19 Menschen kamen dabei ums Leben, für chinesische Verhältnisse keine Seltenheit. Immer wieder kommt es in den dicht bebauten Wohnsiedlungen zu schweren Bränden oder Unfällen, oft mit Dutzenden Toten. Viele dieser Unterkünfte erfüllen die Bauvorschriften nicht, sind illegal errichtet und überfüllt, die Feuergefahr ist groß. Verständlich, dass die Regierung dagegen vorgeht.

„Doch warum ausgerechnet jetzt?“, fragt Liu Jintao. „Im tiefen Winter. Und warum so rabiat?“ Der 28-Jährige trägt ein Kapuzenshirt, eine grüne Bomberjacke und raucht dünne Zigaretten. Er sitzt im Keller eines gepflegten Backsteinhauses im wohlhabenden Westteil der Stadt nicht weit von den großen Universitäten der Stadt. Liu war bis vor Kurzem noch Kunststudent an der nahe gelegenen Nationalitäten-Universität. Sein Professor hatte den Raum angemietet, um von dort aus Projekte mit Wanderarbeitern zu initiieren. Mit anderen Studenten hatte Liu die Wanderarbeiter interviewt, sie nach ihren Lebensverhältnissen befragt und einen Dokumentarfilm gedreht. Sie kennen ­einige Vertriebene. Den Keller haben die Studenten für sie zu einer Notunterkunft hergerichtet. Gegenüber von Sofa und Wohnzimmertisch steht ein frisch bezogenes Bett.

Das Problem mit dem unzureichenden Brandschutz sei seit Langem bekannt, sagt Liu. Gestört hatte das die Behörden nie. Vielmehr seien die billigen Unterkünfte lange Zeit erwünscht gewesen. „Schließlich sollte auch die Wanderarbeit billig bleiben.“ Liu redet sich in Rage. „Sie schuften auf Pekings Baustellen, putzen die Klos der Parteibonzen und ihrer Familien und kehren auf den Straßen den Dreck weg. Sie sind es, die Räder und Autos reparieren und beim Onlineeinkauf binnen weniger Stunden die Pakete liefern.“

In Peking ist jeder dritte Beschäftigte Wanderarbeiter. Landesweit sind es mehr als 280 Millionen, die ihre Dörfer verlassen haben und auf der Suche nach Arbeit in die boomenden Metropolen gezogen sind. Rechte haben sie in den Städten keine. Offiziell sind sie weiter in ihrer Heimat auf dem Land registriert – selbst wenn sie zum Teil seit 20 oder 30 Jahren nicht mehr dort leben.

Chinas Führung ist bis heute stolz darauf, dass es trotz vorhandener Armut in den Großstädten keine Slums gibt wie in Indien oder in vielen afrikanischen Ländern. Zu einem guten Teil lag liegt das am Hukou, Chinas rigidem Wohnortregistrierungs-­system. Es bindet soziale Leistungen wie Krankenversorgung, Rente oder den Schulbesuch der Kinder an den Geburtsort. Eine Ummeldung ist nur schwer möglich. In den Städten sind Wanderarbeiter quasi illegal. Sie können jederzeit zurück in ihre Heimat aufs Land geschickt werden. Darum ­scherte sich lange Zeit auch niemand um ihre Unterkünfte. Nur zu teuer sollten sie nicht sein. Sonst wären sie womöglich weggeblieben.

Einwohnerzahl hat sich verdreifacht

Nun findet die Regierung, dass Peking zu voll ist. Rund 23 Millionen Einwohner zählt die Hauptstadt, eine Verdreifachung in den vergangenen 25 Jahren. Auf 20 Millionen will die Stadtregierung die Zahl bis 2020 drücken. „Die Einwohnerzahl übersteigt die Kapazität“, sagt Cai Qi, KP-Parteichef von Peking, der in der Stadt das Sagen hat. Und wer soll die Stadt verlassen? Die Wanderarbeiter. „Einwohner niedriger Qualität“ nennt die Stadt Peking mittellose Menschen. Parteichef Cai zufolge bringen die Vertreibungen für die Betroffenen sogar eine Besserung ihrer Lebensverhältnisse. In den Provinzen, aus denen die Wanderarbeiter kommen, sei das Wachstum weiterhin hoch, es gebe Jobs. Dort seien sie auch offiziell registriert. Damit stünden ihnen Wohnungen zu und Sozialleistungen.

„Das ist zynisch“, sagt Aktivist Liu. Die Arbeitskräfte würden nun in Peking fehlen. Lieferdienste bleiben auf einem Berg von nicht zugestellten Paketen sitzen, weil Fahrer fehlen. An vielen Restaurants kleben Zettel: „Kellner dringend gesucht!“ Nachtwächter, Reinigungspersonal, Bauarbeiter, Nudelköche – überall melden die Arbeitgeber Notstand. Im Stadtgebiet verschwinden zudem die Garküchen und kleinen Geschäfte, die Pekings Straßenbild lange Zeit so menschlich gemacht haben. Die Obstverkäufer mit ihren Karren sind ebenso wenig zu sehen wie die Fahrradmechaniker, die einst an jeder größeren Kreuzung standen. Die Buden müssen Grünanlagen oder erweiterten Straßen weichen.

„Eine harmonische Stadt“, steht auf roten Bannern geschrieben, die an den Bauzäunen hängen. Auf Plakaten in U-Bahnhöfen sind luxuriöse Apartmenthäuser und glückliche Familien der Mittelklasse abgebildet. Wanderarbeiter passen nicht ins Bild. „So funktioniert der Kommunismus in China heute“, sagt Liu. „Glitzernde Hochhäuser, sterile Plätze, saubere Straßen – alles auf Kosten der sozial Schwachen.“

Wanderarbeiter Jue Hao berichtet: Zuerst hätten die Behörden ohne Vorwarnung die Wasserversorgung, Strom und Gas gekappt. Zwei Nächte mussten sie frieren. Am dritten Tag gab es einen Aushang. Für den Auszug hatten sie drei Tage Zeit. Dann kamen die Bagger. Ein Nachbar habe sich aus Verzweiflung vom Dach gestürzt, so Jue Hao. „Die Wanderarbeiter sollten sich nicht organisieren können“, vermutet Liu.

Das rabiate Vorgehen der Behörden sorgt jedoch nicht nur bei Liu und seinen Mitstreitern für Empörung. Landesweit hagelt es Kritik. Auch das hat eine neue Qualität. Mehr als 100 Intellektuelle haben einen Protestbrief gegen die „rücksichtslose“ Kampagne geschrieben. Sie verstoße gegen die Menschenrechte. In einigen der betroffenen Siedlungen hat es Demonstrationen gegeben. In sozialen Medien gibt es Aufrufe, Zimmer für vertriebene Wanderarbeiter bereitzustellen. Und sogar einige der staatlich kontrollierten Zeitungen werfen die Frage auf, ob Pekings Stadtverwaltung angesichts der eisigen Kälte nicht zu brutal vorgegangen ist. Selbst Premierminister Li Keqiang hat „mehr Menschlichkeit“ angemahnt.

Für Wanderarbeiter Jue Hao und seine Familie kommen diese mahnenden Worte zu spät. „Alles weg“, sagt er. Bis zum chinesischen Neujahrsfest Anfang Februar wolle er versuchen, mit seinem geringen Einkommen eine neue Bleibe für sich und seine Eltern zu finden. Viel Hoffnung hat er nicht. Bleibt er erfolglos, müsse er weiterziehen, sagt er. „Das Schicksal eines Wanderarbeiters eben.“

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