Lange Haftstrafen im Missbrauchsskandal von Rotherham / Rädelsführer soll 35 Jahre hinter Gitter Unvorstellbares Leid

London·Rotherham. In Rotherham nennt man sie Mad Ash, Bash and Bono. Die drei Brüder sollen die ehemalige Industriestadt in Nordengland „regiert“ haben mit Drogen- und Waffengeschäften.
27.02.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Teresa Dapp

In Rotherham nennt man sie Mad Ash, Bash and Bono. Die drei Brüder sollen die ehemalige Industriestadt in Nordengland „regiert“ haben mit Drogen- und Waffengeschäften. Ins Gefängnis müssen sie aber wegen anderer Verbrechen: Jahrelang haben sie, so befand ein Gericht, Mädchen vergewaltigt, misshandelt, eingesperrt oder zum Missbrauch an Bekannte weitergereicht. „Das Leid, dass Sie verursacht haben, ist von unvorstellbarem Ausmaß“, sagte Richterin Sarah Wright an die Gruppe gerichtet am Freitag. Den zwölf Frauen, die ausgesagt hatten, dankte sie für „unermesslichen Mut“.

Schon für sich genommen hätte der Prozess in Sheffield Aufsehen erregt. Eine Zwölfjährige war vor einem Kinderheim abgeholt und in einem Auto von mehreren Männern missbraucht worden. Einige der Mädchen sagten aus, sie hätten die Verbrechen für normal gehalten. Die Männer machten Geschenke, von Süßigkeiten bis Handys, und gaben ihnen Alkohol und Drogen. Die Brüder, ihr Onkel und zwei Komplizinnen bekamen Haftstrafen – von 35 Jahren für den Rädelsführer, den ältesten der drei Brüder, bis 18 Monate auf Bewährung für eine der Frauen.

Ganz Großbritannien schaute auch deswegen so genau nach Sheffield, weil es das erste Urteil gegen Sexualverbrecher aus Rotherham ist, seit ein Untersuchungsbericht über das Ausmaß des Missbrauchs das Land im August 2014 erschüttert hat. Etwa 1400 Kinder und Jugendliche in der Stadt mit 260 000 Einwohnern wurden zwischen 1997 und 2013 Jahre Opfer sexueller Gewalt. Polizei und Jugendämter schauten größtenteils tatenlos zu. Rotherham wurde schnell zu einem Inbegriff für den Missbrauch junger Mädchen und Frauen durch Gangs im Land. Schon 2010 hatte es einen ähnlichen Prozess um Rotherham gegeben, auch der hatte hohe Wellen geschlagen – der Bericht schockierte dennoch.

Seitdem hat sich einiges getan. Ein Polizeichef trat zurück. 194 Beschwerden gegen die Polizei von Rotherham werden der Aufsichtsbehörde zufolge geprüft. 26 Polizisten seien bereits darüber informiert worden, dass gegen sie ermittelt wird. Es dürften noch deutlich mehr werden. Warum hatten sie so lange nichts unternommen? Die Gründe sind vielfältig – eine Kultur des Wegschauens, die auch nicht weniger haarsträubende Sexskandale bei der BBC, im britischen Parlament, in der katholischen Kirche wenigstens in Teilen erklärt. Viele der Mädchen stammten aus schwierigen sozialen Verhältnissen, galten ohnehin als „Problemfälle“, man glaubte ihnen einfach nicht.

Ein Befund des Untersuchungsberichts von Professorin Alexis Jay führte jedoch zu einer besonders hitzigen Debatte: Menschen auf gehobenen Positionen in der Lokalpolitik und bei der Polizei hätten den Eindruck vermittelt, man solle „die ethnische Dimension des Kindesmissbrauchs herunterspielen“. Nicht öffentlich zu thematisieren, dass ein Großteil der bekannten Täter von Rotherham aus Pakistan stammten, sei ein Fehler gewesen, schrieb sie. Die Diskussion dreht sich um zwei Fragen: Hat Großbritannien ein Problem mit der Integration der teils sehr großen „asiatischen“ Communitys, womit jenseits des Ärmelkanals vor allem Pakistani, Bangladescher und Inder gemeint sind? Und: Wird dieses Problem verschwiegen aus Angst, Ressentiments zu schüren? So sehr wie zuletzt in Deutschland bewegen diese Fragen die Gemüter der Briten zwar derzeit nicht, doch sie bleiben auf dem Tisch. „Bis britische Pakistani akzeptieren, dass das ein Problem für unsere Gemeinschaft ist, werden wir dieses Übel nicht ausrotten können“, sagte erst diese Woche der Vorsitzende der muslimischen Ramadhan Foundation, Mohammed Shafiq. Es handele sich dabei nicht um „eine weiße Verschwörung, die sich Rechtsaußen ausgedacht hat“. Andere warnen vor Verallgemeinerungen, auch Jay schreibt, dass der Großteil der Sexualstraftäter im Land weiß und britischer Abstammung sei.

Einem Bericht des „Independent“ zufolge denkt das britische Innenministerium darüber nach, den verurteilten Brüdern von Rotherham die britische Staatsbürgerschaft zu entziehen und sie nach Pakistan abzuschieben. Die gesetzliche Grundlage dafür gibt es, sie richtete sich gegen Terroristen. Es wäre aber eine drastische Ausweitung ihrer Anwendung.

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