Spanien

Spanien fürchtet erneuten Stillstand

Die Zahl der täglichen Neuinfektionen liegt in Spanien inzwischen bei über 2000 Fällen. Mit mehr als 14 000 Infektionen in den letzten sieben Tagen hat das Land die meisten Neuerkrankungen in der EU.
02.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ralph Schulze, Madrid
Spanien fürchtet erneuten Stillstand

Besuch am Meer, mit Abstand: Der Strand „Platja Gran de Tor“ in der Bucht von Peguera auf Mallorca aus dem Flugzeug gesehen.

Hans Blossey

Madrid. Spanien versucht verzweifelt, seinen Ruf zu retten. „Wir sind ein sicheres Urlaubsland“, versichert Außenministerin Arancha González Laya. Doch die sich im Königreich ausbreitende Welle von neuen Infektionen macht zunehmend alle Bemühungen der Imagepflege zunichte. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen liegt inzwischen bei über 2000 Fällen. Das Königreich ist mittlerweile nach Angaben der spanischen Regierung mit mehr als 14 000 Infektionen in den letzten sieben Tagen das Land mit den meisten Neuerkrankungen in der gesamten Europäischen Union.

Jüngster Rückschlag ist die Ankündigung des deutschen Robert-Koch-Instituts (RKI), Nordspanien formell zum „Risikogebiet“ zu erklären. Wenig später sprach Deutschlands Außenministerium eine formelle Reisewarnung für die betroffenen nordspanischen Hotspot-Regionen Katalonien, Aragonien und Navarra aus. Andere spanische Urlaubsgebiete, wie Mallorca, die Kanaren, die Costa Blanca in der Region Valencia oder die Costa del Sol in Südspanien sind davon nicht betroffen.

Offizielle Reisewarnung

Mit dieser offiziellen Warnung sind nun kostenlose Stornierungen von Buchungen möglich, die im deutschen Rechtsgebiet vorgenommen wurde. Das hat Folgen für deutsche Rückkehrer aus der betroffenen Region: „Daraus resultiert eine Quarantäneverpflichtung in Deutschland, die man durch einen negativen Covid-19-Test vermeiden kann“, teilt das Auswärtige Amt in seinen Reisehinweisen für Spanien mit.

Im Laufe dieser Woche soll voraussichtlich in Deutschland eine Testpflicht für Rückkehrer aus Risikogebieten eingeführt werden, die derzeit noch in der Abstimmung mit den Bundesländern ist. Bis diese Verordnung formell in Kraft tritt, gilt: Wer aus einem Risikogebiet zurückkommt, muss für 14 Tage in häusliche Quarantäne oder dem Gesundheitsamt ein negatives Testergebnis vorlegen, das höchstens 48 Stunden alt ist.

Aragon ist besonders stark betroffen

In der Mittelmeerregion Katalonien, zu der die Urlaubshochburgen Costa Brava, Costa Dorada und Barcelona gehören, wurden in den letzten sieben Tagen 65,2 Fälle pro 100 000 Einwohner registriert. In den benachbarten Pyrenäenterritorien Aragonien und Navarra lagen die Risiko-Werte bei 218,6 und 64,6. Spanienweit kletterte die Fallzahl in den vergangenen 14 Tagen pro 100 000 Menschen mittlerweile auf 60,2 – Tendenz weiter steigend. Zum Vergleich: In Deutschland lag dieser Wert laut der Europäischen Gesundheitsbehörde ECDC zuletzt bei 10 (siehe Grafik).

Auch aus Mallorca, wo die Corona-Lage bisher unter Kontrolle schien, kommen besorgniserregende Nachrichten. Die Zahl der Infektionen erhöhte sich dort ebenfalls. Der Referenzwert kletterte auf Mallorca inzwischen auf 16,2 Fälle pro 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen– ebenfalls deutlich mehr als in den deutschen Bundesländern, wo derzeit Nordrhein-Westfalen mit 9,3 Fällen das höchste Ansteckungsrisiko hat.

Nur eine Infektion bei Mallorca-Touristen

Die mallorquinischen Behörden meldeten bisher nur einen Infektionsfall unter Mallorca-Touristen. Betroffen ist ein spanischer Urlauber, der den Angaben zufolge aber schon krank auf die Insel gereist war. Er und neun spanische Mitreisende befänden sich in einem Hotel im südwestlich gelegenen Ferienort Peguera in Quarantäne, hieß es. Zuvor war bereits eine vierköpfige deutsche Familie nach der Rückkehr aus dem Mallorca-Urlaub erkrankt. Allerdings blieb unklar, ob sich die beiden Erwachsenen und zwei Kinder wirklich auf der Insel ansteckten.

Zudem meldeten die Inselbehörden einen Virusausbruch unter Arbeitern eines Hotels in der Gemeinde Portopetro im Südosten der Insel. Sie sollen aber keinen Kontakt zu Urlaubern gehabt haben. Sicherheitshalber werde das gesamte Hotelpersonal getestet. Auch bei einigen afrikanischen Straßenverkäufern, die an der vor allem von Deutschen besuchten Playa de Palma in einer Armutsunterkunft lebten, wurde das Corona-Virus nachgewiesen. Sie mussten ebenfalls in Quarantäne.

Es hagelt Stornierungen

Die immer neuen Hiobsbotschaften sorgen währenddessen in der spanischen Tourismusbranche, die nach dem Stillstand im Frühjahr auf das Sommergeschäft gehofft hatten, für Untergangsstimmung. Die Hoteliers im ganzen Land beklagen eine „Kette von Urlaubsabsagen“. Vor allem britische Urlauber, deren Regierung vergangene Woche eine generelle Reisewarnung für Spanien aussprach, springen ab. Aber auch seitens deutscher Touristen hagele es neuerdings Stornierungen, berichtet ein Branchensprecher.

María Frontera, Chefin des mallorquinischen Hotelverbandes, wirft den spanischen Gesundheitsbehörden vor, nicht ausreichend rigoros gegen die Corona-Rückfälle im nördlichen Spanien vorzugehen. Das schade nun dem Image des ganzen Landes. Und erst recht der Ferieninsel Mallorca, wo die Urlauber zunehmend verunsichert seien. Hat Spanien aus der ersten verheerenden Virus-Attacke, die von März bis Mai im Land wütete, nichts gelernt? Damals war Spanien völlig unvorbereitet in die Katastrophe geschlittert und wurde zu einem der am schlimmsten betroffenen Länder Europas. Doch nun kritisieren Experten schon wieder, dass das spanische Gesundheitssystem nicht ausreichend für einen Rückfall gerüstet sei.

Kontakte können nicht nachvollzogen werden

Der Epidemie-Forscher Álex Arenas rechnet zum Beispiel in der Zeitung „El País“ vor, dass es nicht genug Spezialisten gebe, welche die Kontakte der Infizierten nachverfolgen und so die Corona-Ausbreitung bremsen könnten. Zudem ist die angekündigte Tracing-App noch immer nicht im Einsatz.

Doch Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez beruhigte die Bevölkerung, die schon wieder neue Ausgangsbeschränkungen fürchtet: „Wir sind besser vorbereitet als im März.“ Die nächsten Wochen wird man sehen, ob dies mehr als Wunschdenken ist.

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