US-Wahl Beide Präsidentschaftskandidaten zeigen sich siegessicher

Nach der Wahlnacht ist das Rennen um das Weiße Haus noch offen. Sowohl Trump als auch Biden zeigen sich im Präsidentschaftswahlkampf jedoch siegessicher.
05.11.2020, 05:00
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Beide Präsidentschaftskandidaten zeigen sich siegessicher
Von Thomas Spang

Donald Trump begann den Morgen nach der Wahl so, wie er sich in der Nacht verabschiedet hatte. Mit einem Frontalangriff auf die Integrität der Wahlen. Es sei „MERKWÜRDIG“ twitterte der Präsident in Großbuchstaben. „Vergangene Nacht habe ich in vielen Staaten oft deutlich geführt.“ Dann sei „einer nach dem anderen, auf magische Weise verschwunden.“ Seine Erklärung: Diese Staaten würden „auf fast allen Ebenen von Demokraten“ kontrolliert.

Tatsächlich handelt es sich nach Ansicht von Experten nicht um Magie, sondern das Ergebnis der Auszählung rechtmäßig abgegebener Stimmen. Zumal der „blaue Ruck“ bereits vor dem Wahltag wegen der hohen Zahl an abgegebenen Brief- und Frühwahlstimmen erwartet worden war. Mit rund 100 Millionen der insgesamt rund 160 Millionen abgegebenen Stimmen bei den Präsidentschaftswahlen sorgte die Auszählung in Staaten für Verzögerungen, die erst am Wahltag damit beginnen dürfen.

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Da Trump seine Anhänger aufgefordert hatte, die Briefwahlen zu vermeiden, und die Demokraten traditionell eher auf diese Art wählen, hat sein demokratischer Herausforderer Joe Biden bei Briefwahlstimmen einen Vorsprung von rund zwei zu eins. Das erklärt, warum das rote Trump-Wunder von Michigan, Wisconsin und Pennsylvania aus der Wahlnacht mit dem Aufgang der Sonne am Mittwoch verschwand. Erst in Wisconsin, dann in Michigan und wie der Zahlenguru der „New York Times“, Nate Cohn, vorrechnete, bald auch in Pennsylvania.

Trump gab bei einem Auftritt nach zwei Uhr in der Nacht vor Unterstützern im East Room des Weißen Hauses zu erkennen, dass er diesen „blauen Ruck“ in den drei „Great Lakes“-Staaten verhindern will, von denen er nach Stand der Dinge mindestens Pennsylvania gewinnen muss. Der republikanische Wahlrechtsexperte Benjamin L. Ginsberg kritisierte die Äußerungen Trumps als Angriff auf die Wahlen selbst. „Wenn ein Präsident sagt, wir werden diese legal abgegebenen Stimmzettel ungültig erklären lassen, ist das wirklich außergewöhnlich.“

Keine Basis für eine Klage

Im Zusammenhang mit der Auszählung von Stimmen von Betrug zu sprechen sei „grundfalsch“. Selbst Verbündete des Präsidenten wie der ehemalige Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, der Trump auf die erste TV-Debatte vorbereitet hatte, nannte den Auftritt des Präsidenten im Weißen Haus bedenklich. Es gebe keine Basis für eine Klage. „Alle diese Stimmen müssen ausgezählt werden“, meinte Christie. „Ich bin nicht einverstanden damit, was er heute Nacht gemacht hat.“

Das ist auch Herausforderer Biden nicht, der am Mittwoch ein Treffen zum Schutz der Integrität der Wahlen in den USA leitete. In Erwartung dieses vor den Wahlen oft durchgespielten Szenarios, in dem Trump das „rote Wunder“ nutzt, um sich vor Auszählung von Millionen an Stimmen als Sieger auszurufen, kam der Demokrat dem Präsidenten in der Wahlnacht zuvor. Kurz vor ein Uhr in der Nacht trat Joe Biden in Wilmington im US-Bundesstaat Delaware vor seine jubelnden Anhänger. „Wir fühlen uns gut, wo wir sind“, erklärte er zum Stand des Kopf-an-Kopf-­Rennens, an dem sich so viele Amerikaner wie seit 120 Jahren nicht beteiligt hatten (66,9 Prozent der Wahlberechtigten). „Ich glaube wirklich, dass wir die Wahlen gewinnen“, sagte Biden. „Wir müssen geduldig sein. Und es wird nicht vorüber sein, bevor alle Stimmen ausgezählt sind.“

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Trump legte laut Nachwahlumfragen bei Latinos und Schwarzen leicht zu, während er bei weißen Männern und Akademikern deutlich an Stimmen einbüßte. In Florida sorgte er mit dem starken Abschneiden bei den kubanisch-stämmigen Wählern in dem demokratisch dominierten „Miami-Dade“-County für eine faustdicke Überraschung. Trump konnte den Abstand auf den Demokraten gegenüber 2016 um fast zwei Drittel verringern. Thematisch dominierten laut Nachwahl-Umfragen bei den Trump-Wählern die Wirtschaft und im Biden-Lager der Umgang mit der Pandemie sowie der strukturelle Rassismus die Entscheidung der Wähler. Insgesamt benannten 40 Prozent aller Wähler Covid-19 als wichtigstes Thema.

Über den Umfragen

Einmal mehr erwischte Trump die Demoskopen auf falschem Fuß, die Biden national im Schnitt um acht bis zehn Punkte vorn gesehen hatten. In mehreren „Swing States“, die der Präsident verteidigte, lag sein Wahlergebnis ebenfalls um mehrere Punkte über den Umfragen. Eine Erklärung von Experten für das abermalige Desaster der Branche sind die Verzerrungen, die sich bei der Bildung der Samples durch die Rekordbeteiligung an den Wahlen ergeben.

Der ehemalige Wahlkampfmanager Barack Obamas, David Plouffe sieht nach den unverhohlenen Drohungen Trumps, mit seinen Anwälten die Auszählung von Millionen ausstehender Stimmen zu unterbinden, „düstere und Furcht einflößende Tage vor uns“. Selbst wenn Trump mit seinem Angriff auf die Wahlen keinen Erfolg habe, „werden wir 40 bis 45 Prozent der Menschen im Land haben, die ihm glauben“. Damit sind die Voraussetzungen für Chaos in den nächsten Tage geschaffen. Nicht wenige Beobachter fürchten, dies könnte sich in Gewalt entladen. „Dass Trump einen Sieg behauptet, den er niemals errungen hat“, sagt Historiker Michael Beschloss, sei außerordentlich. „Das ist etwas, das Diktatoren tun.“

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