Kommentar über umstrittene Denkmäler Symbole für die Ursünde Amerikas

In den USA fallen seit dem Tod George Floyds Denkmäler, die Demonstranten als Symbole des strukturellen Rassismus verstehen. Das Argument, sie seien Andenken, hält Thomas Spang für falsch.
22.06.2020, 08:58
Lesedauer: 3 Min
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Symbole für die Ursünde Amerikas
Von Thomas Spang

Etwas mehr als 155 Jahre nach der militärischen Kapitulation der Konföderierten im Bürgerkrieg erleben die USA in diesen Tagen vielleicht die letzte politische Schlacht um das gesellschaftliche Erbe der Sklaverei. Das Fanal dazu gab der qualvolle Tod des Schwarzen George Floyds unter dem Knie eines weißen Polizisten. Seitdem gingen Millionen Amerikaner in allen Bundesstaaten auf die Straße, um für ein Ende des strukturellen Rassismus und der Polizeigewalt zu demonstrieren. Unterstützt werden sie von einem breiten Bündnis gesellschaftlicher Kräfte, das weit über die üblichen Verdächtigen hinausgeht. Gemeinsam kämpft die Nation endlich gegen die bösen Geister der Vergangenheit, die bis heute im Alltag von 46 Millionen Afroamerikanern herumspuken.

Symbolisch für diese Ursünde stehen jene Statuen und Monumente, die meist Jahrzehnte nach der Niederlage der Südstaaten-Truppen bei Appomattox von Revanchisten errichtet worden waren. Verbrämt als „historisches Erbe“ sind sie eine anhaltende Provokation, wie die „Stars-and-Bars“ genannte Flagge der Konföderierten, die bis zum Jahr 2015 über dem Staatshaus von South Carolina flatterte. Der Südstaat holte sie erst vom Mast, nachdem ein weißer Rassist in einer historischen Schwarzen-Kirche von Charleston neun Afro-Amerikaner bei einer Bibelstunde ermordete.

Rassisten verteidigen die Denkmäler und Fahnen deshalb so leidenschaftlich, weil sie wissen, dass diese Symbole tatsächlich für etwas anderes stehen. Die Behauptung, es ginge darum, das historische Andenken zu wahren, ist so durchsichtig wie falsch. Andenken woran? Wohl kaum an die brutale Unterjochung einer Minderheit, die als einzige nicht freiwillig in die USA kam. Statt eine bessere Zukunft erwartete die Afrikaner nach Ankunft in der neuen Welt die Sklaverei.

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Wie die Menschen mit der Demontage von Lenin- und Sowjetdenkmälern ein Ausrufezeichen hinter das Ende des real existierenden Sozialismus setzten, stürzen jetzt Schwarze und Weiße die Schandmale des rassistischen Erbes in den USA. Symbolisch holten sie kürzlich die Statue des letzten Präsidenten der Südstaaten, Jefferson Davis, in deren einstiger Hauptstadt Richmond im US-Bundesstaat Virginia vom Sockel. Demnächst soll auch das Denkmal für den Befehlshaber der Südstaaten-Truppen fallen, General Robert E. Lee.

Anders als bei den Unruhen Ende der 1960er-Jahre kommt der Veränderungsdruck aus der Mitte der Gesellschaft. Dass der New Yorker Yankee Donald Trump sich dabei wie der letzte Führer der Konföderation positioniert, entbehrt nicht der Ironie. Er zitiert bei seinen wilden Rundumschlägen notorische Südstaaten-Rassisten, verhöhnt einen 75-jährigen Rentner, den die Polizei brutal zu Boden gestoßen hatte als Antifa-Aktivisten und wollte am Gedenktag zum Ende der Sklaverei seine Anhänger am Schauplatz eines der schlimmsten Massaker an Afroamerikanern zusammentrommeln.

Der Aufschrei über die in Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma geplante Kundgebung war so laut, dass Trump die Veranstaltung um einen Tag verschieben musste. Den Bogen hatte der Präsident schon vorher überspannt, als er damit drohte, in der Verfassung garantierte Grundrechte mit dem Einsatz des Militärs unterdrücken zu lassen. Dass sich der oberste militärische Befehlshaber der Joint Chiefs of Staff, Mark Milley, dafür entschuldigte, sich für Trumps martialische Bibel-Show auf dem Lafayette-Platz vor dem Weißen Haus hergegeben zu haben, zeigt, wie sehr der Präsident auf verlorenem Posten kämpft.

Im Jahr 2020 finden sich nicht mehr genügend Kulturkrieger, die mit Trump ins Gefecht ziehen wollen. Was nicht heißt, dass er kampflos aufgeben wird. Er und seine Anhänger bleiben gefährlich. Aber er sieht mehr und mehr wie jemand aus, über den die Zeit hinweggegangen ist. Die Ära Trump lässt sich als das letzte Aufbäumen in einem Bürgerkrieg verstehen, der zwar militärisch aufhörte, aber nie politisch. Mit seiner Abwahl im November würde mehr als eine Präsidentschaft zu Ende gehen.

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