Kommentar über die US-Gesellschaft

Die Bewährungsprobe für die amerikanische Demokratie

Es muss damit gerechnet werden, dass Donald Trump bei einem knappen Ausgang der Wahlen am 3. November nicht freiwillig geht, meint unser USA-Korrespondent Thomas Spang.
06.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Die Bewährungsprobe für die amerikanische Demokratie
Von Thomas Spang
Die Bewährungsprobe für die amerikanische Demokratie

Demonstranten nehmen in Kenosha an einem "Black Lives Matter"-Marsch teil.

MORRY GASH/DPA

Donald Trump und Joe Biden wissen, wie tief gespalten und zerbrechlich die amerikanische Gesellschaft ist. Die Nerven der Nation liegen blank. Es gehört nicht viel dazu, die beiden Amerikas, die seit dem Bürgerkrieg miteinander hadern, gegeneinander aufzubringen. Angesichts der Leidenschaft auf beiden Seiten, verbunden mit der massiven Verbreitung von Waffen, kann die Lage schnell eskalieren. Die Gewalt in Portland und Kenosha gibt einen Vorgeschmack auf das, was bei einem knappen Wahlausgang am 3. November passieren könnte.

Der Präsident und sein Herausforderer ziehen sehr unterschiedliche Schlüsse aus dieser explosiven Ausgangslage. Donald Trump entstaubt dafür in seinem Wahlkampf das Drehbuch Richard Nixons aus dem Protestjahr 1968. Er schürt die Angst vor brennenden Städten, linkem Mob und Randalierern und bietet sich als Beschützer der Hausfrauen in den Vororten an.

Amerikaner haben genug von Trumps Lügen

Doch die „schweigende Mehrheit“, die Trump mit seiner „Law and Order“-Strategie zu mobilisieren erhofft, existiert nicht da, wo er sie vermutet. Sie existiert eher bei den Amerikanern, die genug von den Lügen des Präsidenten haben, der wegen seines Versagens bei der Eindämmung der Pandemie Zehntausende Menschenleben auf dem Gewissen hat. Oder bei den Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken können, weil die Wirklichkeit des tödlichen Erregers anders aussieht als die rosarote Version Trumps. Und erst recht bei den Soldaten, die sich von ihrem obersten Befehlshaber nicht als „Verlierer“ denunzieren lassen wollen.

Während Trump vor einem zerstörten Geschäft in Kenosha so tat, als stünde das Land in Flammen, feierten ein paar Kilometer entfernt die Nachbarn ein Freundschaftsfest. Der Besitzer des betroffenen Ladens wollte nichts mit dem Präsidenten zu tun haben, weil dieser die Realität damit auf den Kopf stellte. Wie auf dem virtuellen Parteitag der Republikaner, auf dem sich Trump als Freund der Minderheiten, Beschützer der Frauen, Bekämpfer des Coronavirus und Garant für Recht und Ordnung neu erfand. Die aktuellen Umfragen belegen, dass die Amerikaner dem Amtsinhaber die „alternativen Fakten“ nicht abkaufen.

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Das Nixon-Drehbuch funktioniert auch nicht, weil diesmal kein Demokrat im Weißen Haus sitzt, sondern Trump. Und viele Vororte sind heute so multikulti wie die Städte. Die Hausfrauen seiner Fantasiewelt sind berufstätig und viele unterstützen die Bewegung „Black Lives Matter“. Wenn der Amtsinhaber im Wahlkampf davor warnt, dass es unter einem Präsidenten Biden so schlimm werden könnte, wie es jetzt unter ihm schon ist, dürfte das jenseits seiner Super-Fans nicht viele Amerikaner überzeugen. Die Strategie ist absurd. Es sind Trumps Unruhen und seine Virus-Toten.

Biden bietet sich im Wahlkampf als Kontrapunkt an. Ein Staatsmann, der Kompetenz, Normalität und Anstand verkörpert. Ein Versöhner, der die Amerikaner zusammenbringen will. In Kenosha distanzierte er sich von der Gewalt auf der Straße und verurteilte den strukturellen Rassismus. Der ehemalige Vizepräsident besuchte die Familie Jacob Blakes, telefonierte mit dem Schwarzen im Krankenhaus, dem sieben Mal in den Rücken geschossen worden war, und traf sich mit lokalen Vertretern der Zivilgesellschaft in einer lutherischen Kirche.

Probleme der US-Gesellschaft werden sichtbar

Die Pandemie und die anhaltenden Proteste haben die verdeckten Probleme der fragilen US-Gesellschaft wie unter einem Vergrößerungsglas hervorgehoben. Sichtbar werden der strukturelle Rassismus, die Defizite im Gesundheits- und Sozialsystem und die krassen Unterschiede bei der Wohlstandsverteilung. Trump hat kein Interesse, diese Probleme zu lösen. Aber er versteht, wie leicht er sie ausnutzen kann. Auch mit einer Minderheit kann er Chaos verbreiten.

Das scheint nach Lage der Dinge seine einzige Chance zu sein, an der Macht zu bleiben. Deshalb unterminiert er abermals mit russischer Schützenhilfe die Integrität der Wahlen, schürt Misstrauen, verbreitet Verschwörungstheorien und muntert seine Anhänger zu Gewalt auf. Es muss damit gerechnet werden, dass Trump bei einem knappen Ausgang der Wahlen am 3. November nicht freiwillig geht.

Oder er erklärt sich zum Sieger, bevor alle Briefwahlstimmen ausgezählt sind. Darauf müssen sich die Verteidiger der Demokratie in Amerika einstellen. Die beste Hoffnung bleibt daher ein klares Ergebnis, dass die Behauptung von Fälschung und Wahlbetrug genauso absurd erscheinen lässt wie die Strategie, mit der Trump auf die Zielgerade des Wahlkampfs einbiegt.

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