Varosha auf Zypern Die Geisterstadt

Varosha ist seit dem Zypern-Krieg von 1974 eine Geisterstadt: Damals besetzte die türkische Armee die Stadt. Die griechisch-zyprischen Bewohner und Hotel-Besitzer flüchteten.
02.01.2021, 22:03
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Von Frank Nordhausen

Am Zugang zur Geisterstadt im Niemandsland der geteilten Mittelmeerinsel Zypern stehen Absperrgitter, ein Container, Polizeiwagen. Drei uniformierte Zyperntürken lassen sich die Ausweise der Besucher zeigen und winken sie dann durch. Nach fünfzig Metern kommt ein Kiosk, dahinter parken 300 nagelneue Fahrräder. Die Türkei hat sie gespendet, für umgerechnet einen Euro kann man eines mieten und auf neuem Asphalt über die Boulevards gleiten, durch die verlassene Zone. Als wäre dies eine Touristenattraktion.

Tatsächlich ist Varosha einzigartig auf der Welt. Ein Seebad, eingefroren in einer Zeitkapsel. Fast 50 Jahre lang nur von fern zu bestaunen, unerreichbar, geheimnisumflort. Dann plötzlich ins Jetzt katapultiert, als das türkische Nordzypern einen Strandabschnitt und mehrere Straßen am 6. Oktober für Besucher öffnete.

Der einst überwiegend von griechischen Zyprioten bewohnte Ort ist auch eine Zeitkapsel für Leid und Verzweiflung, seit seine rund 39 000 Bewohner im August 1974 vor den anrückenden türkischen Invasionstruppen flüchteten. Seit damals ist die Insel zwischen der griechischen und türkischen Volksgruppe geteilt, und das leere Varosha wurde zum Mahnmal an der UN-Demarkationslinie.

Chrysanthos Zanettos und Halil Onbasim laufen langsam wie Schlafwandler durch die Straßen, die beiderseits mit Tauen abgesperrt sind – wie in einem Museum. Palmen, Dornenbüsche und Unkraut wuchern um Villen und Hotels. An einigen Gebäuden warnen rote Tafeln vor Einsturzgefahr. Überall Geschäftsschilder, Firmennamen, verblasste Reklame, aber alle Häuser und Läden sind leer: keine Bilder an den Wänden, die Ladengitter aufgebrochen, die Böden voller Staub, Schutt, Scherben. „Geplündert, absolut alles“, sagt Zanettos emotionslos.

Kleine Besuchergruppen sind zu sehen. Die Männer passieren das sechsstöckige Hotel „Golden Mariana“ mit seinen leeren Fensterhöhlen. „Es war berühmt“, ruft Zanettos. In einem Garten entdecken sie blauen Jasmin. „Das ist Zypern“, sagt Onbasim und streicht mit den Fingern sanft über die Blütenblätter. Dann lassen sie ihre Blicke schweifen. Auf das frühere „Fashion House“, das „Hadjichambi Cinema“, den „Pavlos Kyriakos Bookstore“. Zanettos fotografiert ein Ladenschild aus rosa Plastik, auf dem auf Deutsch steht: „EUROPA PE ZE“. Der Buchstabe „L“ ist abgefallen.

Halil Onbasim wohnt nicht weit entfernt in Gazimagusa, griechisch Famagusta, wohin seine Familie im Krieg flüchtete. Der knorrige 70-jährige Zyperntürke stammt aus Paphos im Südwesten der Insel und würde gern in seine alte Heimat zurückkehren. Aber er müsste allein gehen, denn sein Sohn und seine Tochter würden wohl im Norden bleiben. „Sie haben hier Familie, Arbeit, ein Leben“, sagt der alte Mann.

Onbasim fürchtet, dass der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan und dessen zyperntürkische Statt-­halter daran festhalten, die Teilung zu zementieren. Als Erdogan im November demonstrativ Varosha besuchte, unterstrich er seine Vision von zwei souveränen Staaten auf Zypern, um die „diplomatischen Spiele“ zu beenden. Der südzyprische Präsident ­Nikos Anastasiades nannte das eine „nie dagewesene Provokation“. Onbasim macht es traurig.

Zanettos ist in der Hafenstadt Larnaka aufgewachsen, auf der anderen Seite der „Green Line“ genannten Demarkationslinie. Der stämmige, energische Mann ist Provinzchef der einflussreichen kommunistischen Akel-Partei Südzyperns. Seine Eltern lebten vor der Invasion in Varosha. „Ich würde nicht hierherziehen, mir fehlt die innere Beziehung“, sagt er. „Aber meine Eltern würden es sich vielleicht überlegen.“

In Varosha ist es still. Man hört Wind, Wellen, sogar Vögel. Onbasim und Zanettos haben gewartet, bis sie die Geisterstadt besuchen. „Ich wollte mir das Elend nicht anschauen, ich bin ja selbst Flüchtling“, sagt Onbasim. Für Zanettos ist das Zögern pandemiebedingt, denn für den Besuch des Nordens benötigte er einen Corona-Test. Der griechische und der türkische Zypriote sind bei politischen Treffen zu Freunden geworden. Sie sprechen miteinander Englisch, die Lingua Franca Zyperns, das bis 1960 eine britische Kolonie war.

Dann stehen die Männer am einstigen „Goldstrand“. Links verläuft der Sperrzaun, davor ragt die kantige leere Betonbettenburg „Aspelia“ empor. Weiter rechts nagen die Wellen an den großen Hotels an der Kennedy Avenue. Die Straße wurde kürzlich umbenannt nach ­Semih Sancar, dem Kommandeur der türkischen Invasionstruppen von 1974.

An Kreuzungen und am Strand haben Türken bunte Buden aufgestellt, deren grelle Farben extrem mit den verblassten Fassaden kontrastieren. Diese Kioske vertiefen nach Ansicht von Völkerrechtlern den durch die Öffnung Varoshas erfolgten Bruch des Völkerrechtes. Und seit 2004 ist Gesamtzypern zwar ein EU-Mitglied, doch ist das Gemeinschaftsrecht im Norden ausgesetzt. Jede Statusänderung kann unabsehbare politische Folgen haben.

Vor einem halben Jahrhundert war ­Varosha ein legendärer Badeort, den Hollywoodstars wie Elizabeth Taylor und Richard Burton besuchten. „Varosha war die reichste Stadt Zyperns“, sagt Zanettos. „Tausende zogen dem Geld und der Arbeit hinterher, auch meine Eltern.“ Nach der Unabhängigkeit Zyperns 1960 erlebte das einstige Dorf einen Boom. Bald reihten sich die ersten Hochhäuser der Insel auf zu einer modernen Skyline am Meer mit teuren Boutiquen, schicken Bars und lauten Diskotheken.

Doch die Region um Famagusta war auch ein Zentrum der eskalierenden Spannungen zwischen griechischen und türkischen Zyprioten. Im Juli 1974 putschten nationalistische Zyperngriechen mit Unterstützung der Athener Militärjunta gegen den demokratischen Präsidenten Erzbischof Makarios. Die Türkei nutzte die Situation, griff zugunsten der türkischen Zyprioten ein und besetzte den Norden der Insel. Zunächst planten sie nicht, Varosha anzutasten, wo die Touristen damals noch weiterfeierten.

Die Einnahme Varoshas ist ein nationales Trauma der Zyperngriechen, über das sie noch immer nur sehr vorsichtig sprechen. Lia Mousoupetrou, eine lebensfrohe Zyperngriechin, war damals 20 Jahre alt und lebte mit ihren Eltern und Geschwistern in einer Villa nahe dem „Aspelia“-Hotel. „Varosha war eine aufregende kosmopolitische Stadt. Modern, voller Cafés, Theater, Galerien. Nachts tanzten wir in den Diskotheken“, schwärmt die Architektin von ihrer Jugend.

Heute wohnt die zweifache Mutter und vierfache Großmutter im südzyprischen Larnaka, in einem kleinen Haus am Meer. An den Wohnzimmerwänden hängen Fotos ihrer verstorbenen Eltern sowie ihrer Geschwister, Kinder und Enkel, die in den USA leben. „In Varosha habe ich Paul Newman, Raquel Welsh und andere Berühmtheiten gesehen. Aber am stärksten hat mich der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin beeindruckt“, erzählt sie. „Ich war eine stolze Kommunistin.“

Die temperamentvolle Frau erinnert sich genau an den Tag, als ihre Familie ihr Haus und ihr altes Leben verlor. Es war der 14. August 1974. „Es kamen nicht die Türken“, sagt sie. „Sondern unser eigenes Militär.“ Um fünf Uhr morgens wurden sie geweckt: „Ihr müsst sofort weg! Türkische Kampfjets kommen!“ Abends könnten sie wieder zurückkehren, hieß es. „Wir stiegen ins Auto und rasten davon.“ Praktisch alle Einwohner und Urlauber flohen in Panik zur nahegelegenen britischen Militärbasis.

Die türkische Armee marschierte in die leere Stadt Varosha ein. Als 200 Geflüchtete heimkehren wollten, gerieten sie unter türkischen Beschuss, viele wurden getötet. Danach traute sich niemand mehr zurück. Die mehr als 100 Hotels und etwa 6000 Häuser wurden geplündert. Die Touristenhochburg wurde militärisches Sperrgebiet.

Fortan nutzte der türkische Norden die Sehnsucht des Südens nach seiner „goldenen Stadt“ in den Vereinigungsverhandlungen: die Rückgabe Varoshas gegen Souveränitätsrechte für die türkischen Zyprioten. Seit 1984 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat drei Resolutionen, die verbindlich festlegten, dass Varosha nur seinen ursprünglichen Bewohnern zugänglich gemacht werden dürfe. Die Zyperngriechen lehnten den UN-Plan zur Wiedervereinigung der Insel mit Rückgabe Varoshas im Referendum 2004 jedoch ab, während die türkischen Zyprioten ihm zustimmten.

Nordzypern und die Türkei bringen jetzt wieder Bewegung in die „Akte Varosha“ – mit der Öffnung der Geisterstadt, über die der türkische Präsident Erdogan sagte: „Es ist eine Tatsache, dass ­Varosha ein Territorium der Türkischen Republik Nordzypern ist.“ Um den Völkerrechtsbruch zu beschönigen, fügte er hinzu, dass die Immobilien natürlich ihren zyperngriechischen Eigentümern zurückgegeben würden; diese müssten nur die entsprechenden Anträge stellen.

Eine Woche nach der Öffnung von Varosha ist Lia Mousoupetrou hingefahren und hat sich das Haus ihrer Familie angeschaut. Ein Handyfoto zeigt eine weiße Villa mit eingeschlagenen Fenstern. „Ich war so wütend, voller Schmerz und Trauer“, schildert sie ihre Gefühle. Was sie jetzt tun soll, weiß sie nicht. „Wenn Varosha unter UN-Verwaltung kommt, dann würde ich wohl zurückgehen.“ Doch den Türken traut sie nicht. Sie weiß aber, dass rund 350 Alteigentümer die Warnungen der südzyprischen Regierung in den Wind geschlagen und die Rückgabe ihrer Häuser im Norden beantragt haben. In den sozialen Medien werden sie deshalb als Verräter beschimpft.

Einer der bekannteste Vertreter der Alteigentümer ist ein entfernter Verwandter von ihr: Andreas Lordos aus der Hauptstadt Nikosia, Architekt, politischer Querkopf. Der Vater von vier Kindern mit Fünftagebart und Cargo-Look entstammt einer reichen Familie, der zahlreiche Hotels und Firmen gehören. Er war sechs Jahre alt, als seine Eltern aus Varosha flohen, wo sie drei großen Strandhotels besaßen.

Lordos ist einer der wenigen Zyperngriechen, die gemeinsam mit Zyperntürken Projekte im Norden durchführen. Die südzyprische Regierung setze den Verrat des damaligen Militärs an Varosha fort, sagt er mit seiner sanften Stimme. „Unsere Politiker haben die Wiedervereinigung insgeheim aufgegeben, weil sie Angst haben, ihre Macht mit den türkischen Zyprioten zu teilen. Aber sie haben nicht damit gerechnet, dass uns jetzt ausgerechnet die Türken einladen, zu ihnen zu kommen.“

Lordos und fast alle größeren Landeigentümer haben beschlossen, sich darauf einzulassen. „Wir fordern die Rückgabe unserer Immobilien und gehen nach Varosha zurück, egal unter welcher Verwaltung“, sagt der 52-jährige. Damit bringt seine Gruppe die Politik auf beiden Seiten in Verlegenheit. Denn auch der türkische Norden wolle in Wahrheit keine Zyperngriechen. „Doch wir 350 Antragsteller vertreten rund die Hälfte der Grundfläche Varoshas. Wenn wir jetzt nichts tun, haben wir schon verloren.“

Bisher untersagt die Rechtslage im Norden griechischen Zyprioten, Firmen zu gründen. Keine ausländische Bank finanziert dort Bauvorhaben. Doch die Varosha-­Öffnung erhöhe den Handlungsdruck auf die Politiker beider Seiten, das Zypern-Problem endlich zu lösen, glaubt Lordos. Seine Vision ist Varosha als „Modellstadt der Wiedervereinigung, in der Süd und Nord unter der Kontrolle der UN und der EU zusammenarbeiten.“

Der Zyperngrieche Chrysanthos Zanettos sagt in Varosha am Schluss des Rundgangs, seine Familie habe noch nicht darüber entschieden, wie sie mit ihrem Haus in der Geisterstadt verfahren wolle. „Solange es noch eine Chance zur Wiedervereinigung gibt, warten wir ab. Aber die Zeit läuft.“ Sein zyperntürkischer Freund Halil Onbasim stimmt ihm zu. „Varosha kann der ökonomische Motor der Wiedervereinigung Zyperns werden“, sagt er, „oder der endgültige Abschluss der Teilung.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+