175 sowjetische Kriegsgefangene in Zeven und Hepstedt beerdigt / Historiker hat 160 Namen ermittelt

Verachtet, verscharrt, vergessen

Hepstedt·Zeven. „Verachtet, verscharrt und vergessen“ – Ronald Sperling fand drastische Worte in seinem Vortrag über die sowjetischen Kriegsgefangenen, die auf Friedhöfen in der Region ruhen. „Auch die insgesamt 175 in Zeven und Hepstedt beerdigten Rotarmisten waren Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion“, so Sperling, der jetzt in der Gedenkstätte Lager Sandbostel über ein lange vergessenes und verdrängtes Kapitel der regionalen Zeitgeschichte sprach.
06.07.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Johannes Heeg

Hepstedt·Zeven. „Verachtet, verscharrt und vergessen“ – Ronald Sperling fand drastische Worte in seinem Vortrag über die sowjetischen Kriegsgefangenen, die auf Friedhöfen in der Region ruhen. „Auch die insgesamt 175 in Zeven und Hepstedt beerdigten Rotarmisten waren Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion“, so Sperling, der jetzt in der Gedenkstätte Lager Sandbostel über ein lange vergessenes und verdrängtes Kapitel der regionalen Zeitgeschichte sprach. Der aus Zeven stammende Historiker, der zur Zeit als wissenschaftlicher Dokumentar an der Gedenkstätte Lager Sandbostel tätig ist, konzentrierte sich in seinem Vortrag auf die Geschichte der Friedhöfe in Zeven und Hepstedt und das Schicksal der dort ruhenden Toten.

Die gefangenen Rotarmisten galten in der NS-Rassenideologie als „bolschewistische Untermenschen“, seien einer kalkulierten Hungerstrategie ausgesetzt worden und bekamen im Vergleich zu anderen Kriegsgefangenen nur die Hälfte der Nahrungsmittelration, so Sperling. Ihre Arbeitskraft sei rücksichtslos ausgebeutet worden, „und sie waren oft einer brutalen und schikanösen Behandlung durch die Wachleute der Wehrmacht ausgesetzt“. Lange Zeit verweigerte man ihnen auch die ärztliche Versorgung. In der Folge dieser Behandlung setzte im Winter 1941/1942 ein Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen ein.

Die nach anfänglichen Vorbehalten Hitlers ins Reichsgebiet transportierten sowjetischen Kriegsgefangenen wurden zunächst mehrheitlich in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Ab Spätherbst 1941 lockerte man die Einsatzbedingungen aufgrund des Arbeitskräftemangels in der deutschen Kriegswirtschaft, und nun konnten sie auch in anderen Bereichen eingesetzt werden, sagte Sperling. In der Heeresmunitionsanstalt (Muna) in Zeven-Aspe arbeiteten ab August 1941 mehrere Hundert – zunächst vom Stalag X D Wietzendorf aus verwaltete – sowjetische Kriegsgefangene bei der Fertigung von Artilleriewaffen. In Hepstedt wurden im November 1941 50 gefangene Rotarmisten in einem Forstkommando eingesetzt. Sie kamen aus dem Stalag X B in Sandbostel. Auch sie wurden nur in Kolonnen eingesetzt, isoliert von der deutschen Bevölkerung und von den Kriegsgefangenen anderer Nationalität. Sperling hat anhand von Personalkarten verstorbener sowjetischer Kriegsgefangener, deren Originale sich im Militärarchiv der Roten Armee in Podolsk bei Moskau befinden, 160 der insgesamt 175 auf den beiden Friedhöfen ruhenden Toten namentlich ermitteln können. Diese Personalkarten enthalten Angaben über die Herkunft der Gefangenen, die Stationen ihrer Gefangenschaft und ihres Arbeitseinsatzes und nennen die (angebliche) Sterbeursache und das Todesdatum. Weitere Informationen bezog Sperling aus Dokumenten der Archive der Gedenkstätte Lager Sandbostel und der Samtgemeinde Zeven, des Kreisarchivs Bremervörde und des Hauptstaatsarchivs Hannover sowie aus Zeitzeugenaussagen.

Zeitzeugen erinnerten sich nach dem Krieg an verhungerte und totgeprügelte sowjetische Kriegsgefangene der Muna Zeven. Der Forstmeister Lücke vom Forstamt in Harsefeld, der für das Arbeitskommando in Hepstedt verantwortlich war, korrespondierte mehrfach mit Wehrmachtsdienststellen. Er mahnte eine menschliche Behandlung der Hepstedter Kriegsgefangenen an als Voraussetzung für ihre bessere Leistungsfähigkeit. Unter anderem beschwerte er sich darüber, dass die Wachleute den Gefangenen Lebensmittel und Wolldecken stahlen oder sie nach der harten Arbeit im Forst zum Zwangsexerzieren antreten ließen. Die exakte Bestimmung der Zahl der Toten des sowjetischen Arbeitskommandos in der Muna Zeven ist schwierig, weil die Gesamtzahl der Gefangenen durch die Ankunft von mehreren Transporten schwankte. Sperling kommt auf einen Anteil von circa 65 Prozent – von 290 Angehörigen des Kommandos sind demnach 190 gestorben. Für Hepstedt errechnete er einen Anteil von 30 Prozent: 15 von 50 sind dort umgekommen, zehn von ihnen sind nach ihrer Verlegung von Hepstedt nach Zeven verstorben. Die Verlegung fand „wegen Nichterbringens der Arbeitsleistung statt“.

Die toten sowjetischen Soldaten aus der Muna Zeven wurden anfangs am Rande des Zevener Gemeindefriedhofs bestattet. Danach wurden sie vorübergehend auf dem neuen Lagerfriedhof in Sandbostel und zwischen Dezember 1941 und August 1942 auf einem wegen des hohen Grundwasserspiegels eigentlich ungeeigneten Areal nördlich der Muna verscharrt. Von dort sind die Gebeine erst 1952 auf ein Grundstück am nordwestlichen Stadtrand von Zeven in Kronshusen umgebettet worden. Von den 170 dort ruhenden Toten sind inzwischen die Namen von 156 bekannt. Die Pflege dieses Friedhofs sei lange Jahre hindurch von der Gemeinde vernachlässigt worden. In den vergangenen Jahren sei die Stadt Zeven zusammen mit dem Volksbund Deutsche Kriegsfürsorge aktiv geworden und habe mit der Renovierung und Neugestaltung des Friedhofs Kronshusen begonnen. Die Gauß-Oberschule habe die Patenschaft des Friedhofs übernommen und stelle in Kooperation mit der Kivinan-Berufsschule im Rahmen eines Projekts Namensziegel her. „Der Volksbund hat auf dem Friedhof eine Informationstafel aufgestellt, und auch ein Gedenkbuch mit allen sowjetischen Toten der Zevener Muna liegt dort aus“, so Sperling.

Fünf sowjetische Kriegsgefangene des Hepstedter Arbeitskommandos ruhen seit dem strengen Winter 1941/42 auf einem kleinen Friedhof im Waldgebiet Ummel. Um die Pflege dieses Friedhofs hat sich lange Jahre eine Einwohnerin des Dorfes, Marie Meyer, verdient gemacht, die selbst zwei Söhne im Krieg verloren hat. Nach 1990 wurde die Pflege von der Gemeinde Hepstedt übernommen. Der Gemeinderat hat beschlossen, dass so bald wie möglich eine Tafel mit den Namen der Toten – vier von fünf sind bekannt – auf dem Friedhof aufgestellt wird.

Eine Zuordnung der inzwischen bekannten Namen der Verstorbenen zu den Gräbern ist sowohl in Zeven als auch in Hepstedt nicht möglich. Das Protokoll der 1952 vorgenommenen Umbettung der in Zeven verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen ist verschollen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+