Bremer Kleingartenvereine verärgert

Vergessene Kaisenhäuser

Mehr als 500 Kaisenhäuser stehen leer. Hinter ihren Türen verbirgt sich gelegentlich noch nahezu das gesamte Leben ihrer einstigen Eigentümer. Für die Kleingartenvereine sind die Gebäude ein Ärgernis.
15.10.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Daniel Chatard (Fotos) und Kristin Hermann (Text)
Vergessene Kaisenhäuser

So verwittert wie dieses Gebäude sehen viele der alten Kaisenhäuser im Bremer Westen aus. Für die Kleingartenvereine sind die langsam verrottenden Häuser meist ein Schandfleck in ihren sonst so gepflegten Anlagen.

Daniel Chatard

Die Betten sind noch immer mit geblümter Wäsche bezogen, in den Wandschränken hängen karierte und gestreifte Hemden nebeneinander. Auf dem Boden liegt eine alte Postkarte: Urlaubsgrüße von einem Freund aus London. Daneben ein Foto aus Kindertagen. In dem alten Kaisenhaus im Milanweg ist noch alles so wie einst. Nach dem Tod des Eigentümers vor acht Jahren hat einfach jemand die Tür abgeschlossen. Doch die Dinge, die den verstorbenen Mann während seines Lebens begleitet haben, liegen noch überall im Haus verteilt.

Die etlichen Kassetten, die auf den breiten Musikgeschmack des Eigentümers schließen lassen, die Bücher, die große Werkstatt mit den vielen Fahrrädern im unteren Flur. Sogar der Reisepass liegt noch in einer Ecke des Obergeschosses.

Die Zeit hat ihre Spuren an und in dem Gebäude hinterlassen: Die Spinnen, die von der Decke hängen, sind vom Schimmel mittlerweile weiß gefärbt, die Playmobil-Ritter auf der Fensterbank in der Küche stehen kniehoch in Staub und Spinnweben. Auch die Grundmauern geben der Witterung langsam nach. Das Dach hat dem letzten Sturm nicht standgehalten. Langsam tröpfelt im Flur das Wasser hinunter und weicht nach und nach den Boden auf. Es riecht vermodert.

Bevor der Verfall in dem Kaisenhaus einsetzte, wohnten dort drei Generationen – seit 1928. Für den dazugehörenden Kleingartenverein Union in Walle sei das Gebäude jedoch nur noch ein Schandfleck, sagt die Vorsitzende Willa Drust. Nachdem die Kinder kurz nach dem Tod des Vaters das Erbe ausgeschlagen hatten, ging das verfallende Haus an den Verein über. „Wir haben 2009 den Antrag auf Abriss gestellt. Seitdem ist nichts passiert“, sagt die Vorsitzende.

1100 Kaisenhäuser gibt es nach Angaben der Baubehörde noch in Bremen. Etwa die Hälfte davon sei bewohnt, die andere Hälfte stehe leer, der Großteil davon in Walle, Findorff und Gröpelingen. „Die Stadt hat in den vergangenen Jahren bereits 350 Häuser abgerissen“, sagt Jens Tittmann, Sprecher der Baubehörde. Die Stadt hat sich vor Jahren dazu verpflichtet, die Gebäude auf Kosten der Steuerzahler abzureißen oder zurückzubauen, um einen Weiterverkauf und eine erneute Wohnnutzung zu verhindern. Doch aktuell sei das Verfahren aufgrund der schwierigen Haushaltslage Bremens auf unbestimmte Zeit gestoppt.

Ganz zum Ärgernis einiger Kleingartenvereine. „Es wird ja von keinem gepflegt. Wir versuchen das einmal im Jahr mithilfe unserer Mitglieder, aber diese Häuser sind uns ein Dorn im Auge“, sagt Fritz Sudmann, ebenfalls im Vorstand des Vereins. Einige der Grundstücke seien mittlerweile so verwildert, dass man sie von den Wegen aus kaum noch sehe – zum Leidwesen derjenigen, die ihre Parzelle in unmittelbarer Nachbarschaft haben. Einige von ihnen haben bereits einen Sichtschutz angebracht, weil die Grundstücke die Optik stören.

Aber nicht nur die Optik kritisiert der Verein. Auch finanziell belasteten die Häuser die Parzellisten. Stirbt der Besitzer eines Kaisenhauses und die Begünstigten lehnen das Erbe ab, müsse der Verein weitere zwei Jahre die Pacht an die Stadt zahlen. „Und wenn die Kaisenhäuser auf Bauernland stehen, finanzieren wir die Pacht dauerhaft. Dadurch verlieren wir jedes Jahr etwa 1000 Euro“, sagt Drust. Ändere sich an den Leerständen nicht bald etwas und fassten die Mitglieder nicht mehr mit an, sieht die Vorsitzende für die Zukunft des Vereins schwarz. „Wir mussten gerade schon die Beiträge erhöhen. Das sorgt bei den Mitgliedern natürlich für Frust, weil niemand einen Nutzen in den Kaisenhäusern sieht.“

Acht solcher Häuser stehen noch im Kleingartenverein Union. Eines davon liegt hinter dichten Sträuchern im Rotkehlchenweg. Wer dort eintritt, muss aufpassen, dass er nirgends einbricht oder ihm Schutt auf den Kopf fällt. Anders als im Milanweg sind die Spuren der früheren Besitzer nicht mehr so deutlich zu sehen. Dafür sind dort offenbar bereits Fremde eingedrungen, die die freie Fläche für ihre Graffiti genutzt haben. Das, was von der Inneneinrichtung übrig geblieben ist, versprüht den Charme der 1970er-Jahre: die blau-rot geblümten Vorhänge, die gemusterte Tapete oder das rosa geflieste Badezimmer.

Wie die anderen seiner Art, ist das Haus im Rotkehlchenweg nach Bremens einstigem Bürgermeister Wilhelm Kaisen (SPD) benannt. Er hatte es in der Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubt, in Lauben zu leben. Es wurde ein „Auswohnrecht“ zugestanden, bis die Bewohner wegziehen oder sterben.

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