Gastbeitrag über eine Chance für den ÖPNV

Verkehrspolitik mit dem Einwohner-Ticket

Es wäre eine Chance, die Verkehrspolitik massiv in Richtung öffentlichen Nahverkehr zu steuern: Ein Einwohner-Ticket ist machbar, meint Gastautor Andreas Bovenschulte.
17.09.2017, 22:01
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Von Andreas Bovenschulte
Verkehrspolitik mit dem Einwohner-Ticket

Ein Einwohner-Ticket für Städte und Gemeinden im VBN-Gebiet wäre verkehrspolitisch sinnvoll, meint unser Gastautor Andreas Bovenschulte.

Christina Kuhaupt

Wer in einem großen Unternehmen oder in einer großen Behörde arbeitet, zum Beispiel bei Daimler oder in der bremischen Verwaltung, der kann Busse und Bahnen häufig günstiger nutzen. Möglich macht dies das Job-Ticket: Der Arbeitgeber kauft beim Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (VBN) ein festes Kontingent an Jahres-Abos für den ÖPNV. Je größer das Kontingent ist, umso mehr Rabatt räumt ihm der VBN ein. Die verbilligten Tickets gibt der Arbeitgeber dann an interessierte Beschäftigte weiter. Diese können dadurch je nach Rabatt- und Tarifstufe zwischen 60 und 600 Euro im Jahr sparen.

Eine gute Sache, die allerdings einen Haken hat: Die Voraussetzungen für die Einführung des Job-Tickets sind für kleine und mittlere Unternehmen in aller Regel nicht zu erfüllen. Die große Mehrheit der Arbeitnehmer in Bremen und im übrigen VBN-Gebiet geht deshalb bislang leer aus – von Menschen, die keinen Job haben, ganz zu schweigen. Gerecht geht anders.

Andreas Bovenschulte

Andreas Bovenschulte (SPD) ist Bürgermeister der Gemeinde Weyhe und Vorsitzender des Kommunalverbunds Niedersachsen/Bremen.

Foto: Udo Meissner

An diesem Punkt setzt die Idee des Einwohner-Tickets an. Schon jetzt haben die Städte und Gemeinden im VBN-Gebiet die Möglichkeit, für ihre Beschäftigten das Job-Ticket einzuführen. Wie wäre es, wenn ihnen künftig die Möglichkeit eingeräumt würde, verbilligte Tickets auch an ihre Einwohner weiterzugeben?

Das Prinzip wäre das gleiche wie beim Job-Ticket: Die Kommune kauft ein festes Kontingent von Jahres-Abos beim VBN, erhält dafür einen Rabatt und gibt die verbilligten Tickets an interessierte Einwohner weiter. Das wäre nicht nur sozial gerecht, sondern auch verkehrspolitisch sinnvoll. Die Verkehrsbetriebe würden mit den Städten und Gemeinden starke Vertriebspartner gewinnen, die überall vor Ort offensiv für das Einwohner-Ticket werben und damit zugleich den ÖPNV und den Umweltverbund stärken.

Zwar könnte das Einwohner-Ticket in der Anfangszeit zu Einnahmeausfällen führen, wenn die derzeitigen Normalpreis-Kunden umsteigen und möglicherweise nicht sofort genug zusätzliche Kunden gewonnen werden, um die Lücke zu schließen. Allerdings übernehmen die Städte und Gemeinden beim Einwohner-Ticket den Vertriebsaufwand und das Inkassorisiko, sodass die Kosten für die Verkehrsbetriebe sinken. Außerdem wird die Vertriebspartnerschaft von VBN und Kommunen in Verbindung mit dem vergünstigten Preis des Einwohner-Tickets mittelfristig zu höheren Nutzerzahlen im ÖPNV führen. Das finanzielle Risiko ist also insgesamt sehr überschaubar. Wenn sich das Job-Ticket rechnet, dann rechnet sich das Einwohner-Ticket erst recht – sozial, ökologisch und wirtschaftlich.

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