Jüdische Gemeinschaft kritisiert Verlegung von Panzerbataillon nach Bergen-Belsen stößt auf Kritik

Die Pläne zur Verlegung eines deutschen Panzerbataillons in die vor der Räumung durch die Briten stehende Kaserne in Bergen-Belsen stößt auf Kritik der jüdischen Gemeinschaft.
23.04.2015, 07:11
Lesedauer: 3 Min
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In einem "Displaced Persons Camp" in Bergen-Belsen bereiteten sich Holocaust-Überlebende auf ein neues Leben in Israel vor. In einigen der Militärgebäude soll künftig an ihre Geschichte erinnert werden. Aber muss der Rest des Geländes von Bundeswehrpanzern genutzt werden?

Wenn an diesem Sonntag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen vor 70 Jahren gedacht wird, gibt es neben den Gedenksteinen kaum Relikte mehr, die an das zur Eindämmung von Seuchen niedergebrannte Lager erinnern. Unweit der unter einer Grünfläche liegenden Massengräber aber befindet sich eine ehemalige Wehrmachtskaserne, die in der Endphase der Nazi-Herrschaft zum KZ gehörte und bis 1950 als sogenanntes "Displaced Persons Camp" für bis zu 20 000 Holocaust-Überlebende zum Startpunkt eines neuen Lebens in Israel wurde. Auch die Gründung des neuen Staates wurde hier vorbereitet.

Seither hatte die britische Rheinarmee in dem in Bergen-Hohne umgetauften geschichtsträchtigen Standort eine Panzerbrigade stationiert. Mit deren Abzug im Sommer gibt es Aussicht, dass der langgehegte Wunsch der jüdischen Gemeinschaft umgesetzt wird, zumindest in einigen Gebäuden neben der in der KZ-Gedenkstätte dokumentierten Barbarei auch des Einsatzes der Überlebenden für eine neue Zukunft zu gedenken. Als problematisch wird aber von manchen gesehen, dass in Teile gerade dieser Kaserne in Bergen-Belsen nach Ankündigung von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) die Bundeswehr mit einem Panzerbataillon einrücken soll.

"Es ist wichtig, nicht zu vergessen, dass die Gebäude Teil des Konzentrationslagers waren, sie sind Bestandteil des Holocaust", sagte der juristische Berater des Jüdischen Weltkongresses, Menachem Rosensaft, der Deutschen Presse-Agentur. Auch wenn das heutige Deutschland und die heutige deutsche Armee sicher nicht die von vor 1945 seien, hätte er es vorgezogen, wenn die Kaserne in ein Museum verwandelt würde. Auf jeden Fall sollten mehr als zwei Gebäude, nämlich auch das zentrale Roundhouse, das als Krankenstation genutzte ehemalige Wehrmachtskasino, künftig an das DP Camp erinnern. Dieses machte Bergen-Belsen für Juden weltweit auch zu einem Symbol der Wiedergeburt.

Um der historischen Bedeutung gerecht zu werden, könne die Bundeswehr in der Kaserne besser ein historisches Schulungszentrum einrichten, schlug Rosensaft vor. Wenn jeder deutsche Soldat dort künftig ein bis zwei Wochen Schulung in Genozidfragen und Geschichte erhalte, könne dies gewährleisten, dass die Präsenz der Bundeswehr in Bergen-Belsen nicht als problematisch betrachtet werden könne. Rosensaft wurde in dem "Displaced Persons Camp" geboren, in dem sich unter Leitung seines Vaters, Josef Rosensaft, eine der damals größten jüdischen Gemeinden weltweit befand.

"Die Kaserne ist nahezu unverändert erhalten bis hin zur Blockbeschriftung", sagte der Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner. Der Wunsch sei, die Blöcke 88 und 89 vom nächsten Jahr an in die pädagogische Arbeit der Gedenkstätte einzubeziehen. "Die Bundeswehr wird nur den nördlichen Teil nutzen können, sie hat ein Interesse, im Südteil eine ihren Zwecken nicht zuwiderlaufende Nutzung zu haben."

"Wir setzten uns dafür ein, die beiden Gebäude zugänglich zu machen", sagte der zuständige Kommandeur der Bundeswehr, Oberst Jörg Wiederhold. "Wir haben als Institution Bundeswehr eine Verantwortung." An einem falschen Platz sieht er die Bundeswehr in Bergen künftig nicht. "Ich denke nicht, dass wir in der Rechtsnachfolge des Unrechtsregimes stehen."

"Displaced Persons Camp"

Eine von den Nationalsozialisten 1936 in Bergen-Belsen geschaffene Kasernenanlage wurde in der Schlussphase für das später eingerichtete Konzentrationslager genutzt. Nach der Befreiung diente die in Bergen-Hohne umbenannte Kaserne bis 1950 als sogenanntes "Displaced Persons Camp" und wurde zum größten Lager für heimatlos gewordene Juden in Deutschland. Für bis zu 20 000 Holocaust-Überlebende diente es als Startpunkt eines neuen Lebens in Israel.

In den fast 100 weiß getünchten Häuserblocks lebten über Jahre hinweg Menschen in einer funktionierenden Gemeinschaft mit Schule und Kindergarten, Theatergruppen, Zeitungen, Parteien, Polizei und religiösen Einrichtungen. Dazu gehörten auch ein Theater für 800 Menschen, ein großes Lazarett und Pferdeställe. Mehr als 1000 Paare gaben sich im ersten Jahr des Nachkriegs-Camps dort das Ja-Wort, 2000 Kinder wurden bis 1950 im Camp geboren. Später übernahm die britische Armee das Gelände.

(dpa)

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