Verräterische Sprache

Nur beim Gaza-Krieg ist klar, wer der Böse und wer „unschuldiges Opfer“ ist. Das gilt vor allem für die Überschriften in deutschsprachigen Medien.
10.08.2014, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Ulrich W. Sahm

Nur beim Gaza-Krieg ist klar, wer der Böse und wer „unschuldiges Opfer“ ist. Das gilt vor allem für die Überschriften in deutschsprachigen Medien. Da ist es fast immer Israel, das angreift und den Waffenstillstand bricht. Dass „zuvor“ namenlose „Militante“ Raketen auf Israel abgeschossen haben, erfährt der aufmerksame Leser nur bei intensiver Lektüre meist verwirrender Texte über ein undurchsichtiges Kriegsgeschehen im „dichtest besiedelten, größten Freiluftgefängnis“ der Welt. Integraler Teil solcher Berichte sind die Totenzahlen, „über 1800“ bei den Palästinensern. Der Zusatz „überwiegend Frauen und Kinder“ fehlt selten. Bemerkenswert ist auch, dass es im Gazastreifen zwar „Aktivisten“ und „Militante“ gibt, was immer das sein mag, aber nicht einen einzigen Kämpfer oder Militär. Auch die beigefügten Fotos sollen beweisen, dass es im Gazastreifen nur Zivilisten zwischen Trümmern, zerfetzte Leichen von Kindern und keinerlei bewaffnete Männer gibt.

Auf der israelischen Seite sind es dann 67 tote Soldaten und drei Zivilisten, also überwiegend Kämpfer und nicht normale Menschen. Die hohe Politik verstärkt diesen Eindruck. Mehrmals gab es weltweiten Protest auf höchster Ebene. Israelische Granaten hätten UNO-Einrichtungen getroffen und Kinder getötet. Die Bestürzung war groß. US-Präsident Obama äußerte heftige Kritik an Israel. Die UNO berief eine Sondersitzung ein. Spanien und Großbritannien stoppten gar Waffenlieferungen an Israel. Dass die UNO in Schulen beschlagnahmte Hamas-Waffendepots an die Terrororganisation zurückgab, fand keine Erwähnung.

„Iron Dome“ – ein Glück für Hamas

Überhaupt wird nur selten erwähnt, dass die Wahrheit woanders liegt. So „begann“ der Krieg vermeintlich am 8. Juli, als Israels Truppen in den Gazastreifen eindrangen, und nicht drei Wochen zuvor, als die Hamas-Organisation mit massivem Raketenbeschuss den israelischen Einmarsch bewusst provozierte. Nicht zu Unrecht glaubte die Hamas, bei Häuserkampf zwischen verminten Gebäuden und mit Sprengfallen ausgestatteten Tunnels den Israelis mehr Schaden und Tote beifügen zu können, als nur mit Raketenbeschuss.

Was die Hamas und die Menschen im Gazastreifen freilich rettete, war der überraschende Erfolg des israelischen Abwehrsystems „Eisenkuppel“. So konnten alle gezielt auf Städte wie Beer Schewa, Aschdod, Aschkelon, Tel Aviv, Jerusalem und Haifa im Norden abgeschossenen Raketen abgefangen werden. Zudem sind die Israelis diszipliniert bei jedem Raketenalarm in die Schutzräume in der eigenen Wohnung oder in öffentliche Luftschutzkeller gerannt. Deshalb gab es unter israelischen Zivilisten erstaunlich wenige Opfer. Unausdenkbar hart wäre die israelische Reaktion gewesen, wenn es dieses relativ neue und sündhaft teure Abwehrsystem nicht gegeben hätte. Ein paar Volltreffer auf Kindergärten, Wohnhäuser in Tel Aviv oder Gemüsemärkte und entsprechend viele Todesopfer hätten zweifellos zu einem massiven Einmarsch in Gaza und entsprechend vielen Toten unter den Palästinensern geführt.

Inzwischen haben große ausländische Medienunternehmen wie die BBC und die New York Times die vom palästinensischen Gesundheitsministerium verbreiteten Angaben zu Todesopfern im Gazastreifen genauer unter die Lupe genommen. Da stellt sich heraus, dass mehr als die Hälfte der vermeintlich „zivilen“ Opfer Männer im besten Kampfesalter sind, darunter auch Buben und Teenager ab zwölf Jahren. Frauen stellen im Gazastreifen die halbe Bevölkerung und Kinder die absolute Mehrheit. Gleichwohl bilden sie unter den Opfern nur eine Minderheit. Das allein beweist, dass Israel kein rücksichtsloses Massaker an der Zivilbevölkerung verübt, wie von den Palästinensern und anderen behauptet.

Andere Untersuchungen haben ergeben, dass Todesopfer mit gleichem Namen und gleichem Herkunftsort mehrfach angeführt werden, mal als Kind und mal als alter Mann. Das israelische Meir Amit Forschungsinstitut hat bei der Hälfte der veröffentlichten Namen herausgefunden, welcher Kampfgruppe wie Isadin Elkassam Brigaden oder Islamischer Dschihad sie angehörten.

Erstaunlich emotionslos

Während beim Krieg um den Gazastreifen das Leid der Menschen im Vordergrund steht und entsprechende Emotionen auslöst, präsentieren die Medien andere Krisen und Kriege in der Welt erstaunlich emotionslos. Die Süddeutsche Zeitung erwähnt am gestrigen Sonnabend ein paar tote Kämpfer und eine getötete kurdische Journalistin im Irak. Ansonsten berichtet die Zeitung Positives wie: „Auch die Versorgung der Zivilbevölkerung mit Hilfsgütern wurde fortgesetzt: Das Pentagon erklärte, drei Transportflugzeuge hätten Wassercontainer und fast 30 000 Mahlzeiten im Sindjar-Gebirge abgeworfen. Die Hilfsgüter seien für Tausende irakische Bürger bestimmt, die von der ISIS bedroht würden.“ Das klingt wie eine Lieferung von McDonald’s oder Bratwürste. Diffus bleibt, was da gemeint ist mit: „von der ISIS bedroht“. Schreckensberichte über Massaker, Hinrichtungen, Vergewaltigungen und andere Grausamkeiten bleiben dem Leser erspart.

Im Gegensatz dazu erfährt der Leser aus Berichten über Gaza regelmäßig von einer „humanitären Katastrophe“ wegen der israelischen „Blockade“. Dass Israel Strom und Trinkwasser liefert und täglich Hunderte Lastwagen mit Medikamenten, Windeln, frischem Obst und anderen „humanitären Gütern“ in den Gazastreifen rollen, bleibt unerwähnt.

Leid der Menschen unterschlagen

Auch bei anderen Zeitungen wie der Schweizer NZZ oder der FAZ wird erstaunlich emotionslos über die Kriege in Irak, Libyen oder Zentralafrika berichtet. Tote oder anderes Leid der Menschen wird unterschlagen, wenn da über „eingenommene Städte“, Kämpfe zwischen Milizen oder die Eroberung eines „strategischen Staudammes“ berichtet wird. Da „könnte eine riesige Flutwelle Städte, Dörfer und Felder hinwegspülen“. Genauso könnten Äcker ausgetrocknet und der Strom abgeschaltet werden. Das klingt beinahe, als ginge es um landwirtschaftliche Bewässerung. Solange verschwiegen wird, dass mit einer Sprengung des Staudammes Millionenstädte wie Mossul und Bagdad getroffen und mindestens eine halbe Million Menschen getötet könnten, kann der Leser nicht einmal erahnen, was sich da zusammenbraut.

Und wer noch nie von einem Krieg in Zentralafrika gehört hat, darf sich über die Meldung freuen: „Seleka-Rebellen willigen in Waffenstillstand ein“. Absurd ist dazu die Information, dass ausländische Interventionstruppen bereit stehen, um „Massaker“ zu verhindern. Da weder frühere Massaker noch Tote vorkommen oder gar ein Hinweis folgt, wer da wen umbringen könnte, klingt die Bereitstellung dieser Truppen wie das Projekt einer pazifistischen Menschenrechtsorganisation, die sich friedliche Aufgaben für Militärs ausgedacht hat.

Die FAZ hat einen Agentur-Bericht zu „heftigen Kämpfen verfeindeter Milizen in Libyen“ übernommen. Deswegen würden sogar Ausländer evakuiert. Wiederum wird kein Toter oder Verletzter erwähnt. Man könnte meinen, dass die verfeindeten Milizen in Libyen sich im sportlichen Wettstreit geübt hätten. Sprache kann verräterisch sein.

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