Zeugen beschreiben mutmaßlichen Jungen-Mörder Silvio S. als Menschen mit einem guten Zugang zu Kindern

Verstörende Aussagen

Potsdam. Silvio S. sitzt mit gesenktem Blick auf der Anklagebank im Saal 8 des Landgerichts Potsdam.
22.06.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Wiebke Ramm

Potsdam. Silvio S. sitzt mit gesenktem Blick auf der Anklagebank im Saal 8 des Landgerichts Potsdam. Sein Gesicht ist gerötet. Immer wieder wischt er sich über die Augen. Es wirkt, als weine der 33-Jährige lautlos, als Richter Theodor Horstkötter am Dienstag eine Trauerkarte verliest, die Silvio S. im Juli 2015 der Mutter des sechsjährigen Elias geschrieben hat. „In tiefer Trauer um den verstorbenen Elias“, ist dort handschriftlich zu lesen. Und: „Todeszeitraum: In der Nacht vom 11.7. auf den 12.7. zwischen 22 Uhr und 6 Uhr. Todesursache: Ersticken.“ Es folgt noch ein Wort: „Sorry.“

Ein Handschriften- und ein DNA-Gutachten haben ergeben, dass es kaum Zweifel gibt, dass Silvio S. die Karte geschrieben hat. Auf dem Poststempel ist der 19. Juli 2015 vermerkt. Elias war am 8. Juli von einem Spielplatz in Potsdam verschwunden. Erst im Oktober wurde seine Leiche gefunden. Laut Anklage starb Elias gleich am 8. Juli, laut Silvio S. erst drei Tage später. Silvio S. ist angeklagt, weil er nicht nur Elias ermordet, sondern im Oktober auch den vierjährigen Mohamed aus Berlin entführt, missbraucht und getötet haben soll.

Als Absender schrieb der Angeklagte die Adresse eines Bestattungsinstituts auf die Trauerkarte. Da Silvio S. den Nachnamen von Elias’ Mutter offenbar nicht kannte, kürzte er ihn ab und adressierte die Karte an „Anita S.“. Sie konnte nicht zugestellt werden, ging an den Absender und landete Anfang August bei dem Bestattungsinstitut.

Er sei „sehr erschrocken und ein wenig fassungslos“ gewesen, als er die Karte erhalten habe, sagt Bestatter Andreas D. vor Gericht. „Das war für mich kein Lausbubenstreich“, sagt der 46-Jährige. Ihm sei sofort klar gewesen, dass auf der Karte „Täterwissen“ zu lesen sei. Er habe sofort einen Zusammenhang mit dem vermissten Elias gesehen und die Karte zur Polizei gebracht. Doch zum Täter führte die Polizei die Karte nicht. Silvio S. war in keiner Datei vermerkt. Silvio S. sitzt während der Schilderungen des Zeugen nur wenige Meter neben dem Zeugen und schaut auf die Tischplatte vor sich.

Manuela B. kennt Silvio S. schon lange. Die 39-Jährige hatte über Jahre ein vertrautes, freundschaftliches Verhältnis zu dem mutmaßlichen Kindermörder. So sagt sie es an diesem Tag vor Gericht. Sie berichtet von schwierigen familiären Verhältnissen. „Ich weiß, dass Silvio S. es nicht leicht hatte zu Hause.“ Die Zeugin wohnte eine zeitlang über der Wohnung der Familie S.

Sie habe gehört, wie der Vater seinen Sohn häufig angebrüllt habe. „Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war nicht gut“, sagt sie. Der Exmann der Schwester von Silvio S. wird vor Gericht an diesem Tag deutlicher. „Der Vater war ein Tyrann“, sagt Knut M. Er habe Silvio S. eingeschüchtert. Als sie ihn einmal gefragt habe, was da los sei, sei Silvio S. in Tränen ausgebrochen, sagt Manuela B.

Dann berichtet die Zeugin von einer Begebenheit mit einem damals etwa neunjährigen Mädchen. Das Kind war die Spielgefährtin ihrer eigenen Tochter. Silvio S. habe mit dem Kind „rumgeschäkert“ und Händchen gehalten. Das Mädchen habe auch gesagt, Silvio S. hätte es geküsst. Die Zeugin hielt es für ein Hirngespinst. Erst vor Gericht scheint Manuela B. an der Harmlosigkeit dieser Begebenheit zu zweifeln.

Staatsanwalt Peter Petersen fragt eindringlich: „Ist es nicht ein bisschen komisch, wenn ein erwachsener Mann ein Kind küsst, ohne dass es eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen den beiden gibt?“ „Ja“, sagt Manuela B. leise. Ihr Gesicht ist gerötet, sie scheint gegen die Tränen anzukämpfen. Auch Silvio S. scheint leise zu weinen.

„Kinder lieben ihn“, berichtet ein anderer Zeuge. Sebastian B. war viele Jahre mit der Schwester von Silvio S. liiert. Silvio S. sei ein zurückhaltender, schweigsamer, auch ängstlicher Typ, sagt der 36-Jährige. Zu Kindern aber habe er immer einen guten Draht gehabt. „Er kann gut mit Kindern umgehen“, sagt B. „Und Kinder haben auch den Kontakt zu ihm gesucht. Sie sind zu ihm hin, wollten mit ihm spielen. Sie hatten keine Angst vor ihm.“

Am Ende des Verhandlungstages verliest der Richter einen Brief von Silvio S. an seine Familie. S. hat ihn im November im Untersuchungsgefängnis geschrieben. „Hallo Familie“, steht dort: „Ich vermisse euch sehr.“ Und weiter: „Ich weiß, was ich euch und auch anderen mit meinen Taten angetan habe. Ich würde mich aber über einen Brief oder Besuch sehr freuen, euer euch liebender Sohn, Bruder und Onkel“. Für die Staatsanwaltschaft sind diese Zeilen ein Geständnis.

„Er kann gut mit Kindern umgehen. Sie hatten keine Angst vor ihm.“ Zeuge Sebastian B.
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+