Interview zum Klimawandel

„Verzicht ist kein Exportschlager“

Der Klimaforscher Hans von Storch äußert sich im Interview über das deutsche Klimapaket, Anpassung an den Wandel und den milden Winter.
07.02.2020, 21:30
Lesedauer: 4 Min
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„Verzicht ist kein Exportschlager“
Von Norbert Holst
„Verzicht ist kein Exportschlager“

Klimawandel auf Grönland: Das Eis schmilzt und führt zum Anstieg des Meeresspiegels.

Wolfgang Heumer

Herr von Storch, in diesem Winter hatten wir Schneechaos in Griechenland, extrem milde Wochen in Russland und in weiten Teilen Deutschlands ist zumindest gefühlt der Winter bisher ausgeblieben. Sind das schon Anzeichen für den Klimawandel?

Hans von Storch : Das muss man schon im Einzelfall prüfen. Wenn wir in den vergangenen vielen Jahren ein x-beliebiges Jahr nehmen und schauen, welche Merkwürdigkeiten es gab, dann werden sie immer ein paar Wetteranomalien finden. Das Wetter spielt eben verrückt. Wenn es das nicht mehr tut, ist es kein Wetter mehr. Es ist aber eine Tatsache, dass es tatsächlich eine systematische Entwicklung hin zu höheren Temperaturen gibt. Damit einhergehend: Es gibt weniger häufig Schneefall und es bildet sich seltener Meereis, insbesondere in der Ostsee. Keine Frage, der Grund für diese Entwicklung ist der menschgemachte Treibhauseffekt. Und diese Entwicklung wird sich leider fortsetzen.

Ist das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens überhaupt noch erreichbar?

Ja, dieses Ziel ist grundsätzlich erreichbar, so sagt es zumindest der UN-Klimarat IPCC. Voraussetzung ist aber, dass es der Menschheit gelingt, alle Emissionen an Treibhausgasen auf der Welt bis zum Jahr 2050 auf Null zu bringen. Und nach 2050 müsste es einen Kurs mit sogenannten negativen Emissionen geben. Das heißt, man müsste dann Kohlendioxid aus der Atmosphäre herausnehmen. Das könnte nur zum Teil durch zusätzliche Wälder gelingen und würde die Nutzung moderner Technologien erfordern.

Das klingt aber wenig wahrscheinlich, wenn man sich die heutige Situation der Erde anschaut.

Ich persönlich halte dies auch für sehr unwahrscheinlich. Es wurde kürzlich eine Liste von Ländern veröffentlicht, die aktiv an einer CO2-Verminderung im Sinne des Pariser Abkommens arbeiten. Die Liste war nicht sehr lang.

Kommen wir auf Deutschland zu sprechen. Die Bundesregierung setzt in ihrem Klimaschutzpaket auf eine Reihe von Einzelmaßnahmen, wie die Förderung der E-Mobilität oder das Verbot von Ölheizungen. Ist das ein erfolgversprechender Ansatz?

Das könnte ein erfolgversprechender Ansatz sein, wenn diese Maßnahmen dazu führen, dass ähnliche Dinge im Rest der Welt passieren. Nehmen wir das Beispiel Indien: Die würden modernen Ansätzen nicht nacheifern, wenn es primär nur um den Klimawandel geht. Aber sie wären empfänglich für jene, die sich wirtschaftlich lohnen. Die gegenwärtige Verzichtsideologie hier in Deutschland, wie etwa die Flugscham, ist gewiss kein Exportschlager. Aber wenn wir mit Innovationen beim Klimaschutz die Welt wirtschaftlich beeindrucken könnten, dann gäbe es vielleicht tatsächlich eine Multiplikation der Erfolge in der Minderung der Emissionen. Wir bräuchten eine Art modernen John F. Kennedy. Der hatte ja bei seiner Amtsführung das sehr ambitionierte Ziel ausgegeben: „In zehn Jahren bringen wir Menschen auf den Mond.“ Und das gelang.

Was müsste dieser moderne John F. Kennedy machen?

Man könnte zum Beispiel in Europa sagen: Wir führen einen Solidaritätszuschlag für Gutverdienende ein. Und mit diesem Soli finanzieren wir die Entwicklung klimafreundlicher Technologien. Zum Beispiel: Es gibt in zehn Jahren keine Öl-Heizungen mehr, oder keine Benziner. Wenn beispielsweise das Fahren mit dem Elektroauto irgendwann billiger wäre als das Fahren mit dem Benzin-Auto, dann würde sich diese Technik sicher auch international durchsetzen.

Wechseln wir von den großen Ansätzen zu den kleineren. Was könnte denn das viel diskutierte Tempolimit auf Autobahnen zum Klimaschutz beitragen?

Das mag gut sein aus anderen Gründen, etwa für mehr Verkehrssicherheit und für weniger Unfälle. Doch für den Klimaschutz würde ein Tempolimit nicht viel bringen. Man muss sich doch einmal fragen: Wieviel des weltweiten Kohlendioxids-Ausstoßes kommt aus Deutschland? Welchen Anteil daran hat der Verkehr? Und wie viele Verkehrsteilnehmer fahren wie lange schneller als Tempo 130?. Das ist wenig. Wir sollten ehrlich sein: Das wirkliche Hauptargument für ein Tempolimit ist nicht das Klima.

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Sehen Sie auch Chancen im sogenannten Geo-Engineering, also beispielsweise gigantische Reflexionsspiegel im Weltall oder die Verpressung von Kohlendioxid?

Beim Strahlungsmanagement zum Beispiel mit Spiegeln ist es so, dass man vermutlich die globale Mitteltemperatur tatsächlich steuern könnte. Das Problem: Man kann mit dieser Methode nicht sicherstellen, dass sich die regionale Temperatur nicht ändert, also zum Beispiel hier in Bremen. Ziel beim Geo-Engineering ist nicht, die abstrakte Zahl der globalen Mitteltemperatur zu „retten“, sondern das regionale Klima überall auf der Welt. Anders verhält es sich mit der CCS-Technologie. Die wäre eine Option. Aber es stellt sich die Frage, wo man das CO2 lagern könnte. Und da haben wir ja die bittere Erfahrung in Deutschland gemacht, auch in Niedersachen, dass sich viele Menschen möglichen Lagerstätten widersetzt haben. Da greift dann wieder das Sankt-Florians-Prinzip.

Ein anderer Weg ist die aktive Klimaanpassung, zum Beispiel durch schnellere Altbau-Sanierungen.

Eine Klimaanpassung muss in jedem Fall passieren. Wir haben bereits eine globale Temperaturzunahme von mehr als einem Grad. Diese Zunahme hat Folgen, das sieht man an den verheerenden Waldbränden in Australien oder auch am Meeresspiegelanstieg. Wenn sich der Klimawandel auch in Zukunft entfaltet, wird der Bedarf an Klimaanpassung immer größer werden. Doch leider spielt das Thema in der öffentlichen Diskussion keine Rolle. Dabei sind sehr sinnvolle Maßnahmen denkbar: etwa die Berücksichtigung von Frischluft-Schneisen in der Stadtplanung oder moderne, einfach zu erhöhende Deiche.

Und ganz banal die Frage: Was tun wir dagegen, wenn bei häufigerem Starkregen immer öfter die Keller volllaufen? Da stellen sich unendlich viele Fragen. Doch in der aktuellen Debatte geht es immer nur um die Minderung des Kohlendioxid-Ausstoßes und um neue Verzichtsvorstöße. Es spricht doch Bände: Wenn man etwa über die Klimaanpassung redet, dann heißt es von Kritikern schnell, man bereite doch nur die „Akzeptanz des Bösen“ vor. Diese Denkweise ist sehr kurzsichtig. Es läuft auf beides hinaus: Wir sollten so viele Emissionen wie möglich vermindern; der Rest muss mit der Klimaanpassung aufgefangen werden.

Das Gespräch führte Norbert Holst.

Info

Zur Person

Hans von Storch (70) ist Klimaforscher und war Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht. Auf Einladung der Konrad-Adenauer hielt er in Bremen einen Vortrag.

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