Interview mit dem ehemaligen israelischen Botschafter in Deutschland, Avi Primor „Viele Kritiker sind unsere besten Freunde“

50 Jahre israelisch-deutsche Beziehungen. Kann man angesichts der Vergangenheit von einem Wunder sprechen?Avi Primor: Ein Wunder ist etwas Unnatürliches, aber es war eine Entwicklung, die unerwartet und unverhofft war – beziehungsweise unerwünscht. Heute lässt sich sagen: Deutschland ist für Israel nach den Vereinigten Staaten der wichtigste Partner weltweit geworden.
23.05.2015, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Ina Friebel

50 Jahre israelisch-deutsche Beziehungen. Kann man angesichts der Vergangenheit von einem Wunder sprechen?

Avi Primor: Ein Wunder ist etwas Unnatürliches, aber es war eine Entwicklung, die unerwartet und unverhofft war – beziehungsweise unerwünscht. Heute lässt sich sagen: Deutschland ist für Israel nach den Vereinigten Staaten der wichtigste Partner weltweit geworden. Das hätte sich vor 50 Jahren keiner vorstellen können.

Wie würden Sie das heutige Verhältnis beider Länder beurteilen?

In Bezug auf die Zusammenarbeit so gut wie nur möglich. Deutschland ist unser Motor in der Europäischen Union geworden. Aber ich bin nicht völlig überzeugt davon, dass wir dieses Verhältnis auch so halten können, weil es eine wachsende Kluft gibt, wenn es um politische Angelegenheiten und den Nahen Osten geht. Ich fürchte, dass wir die Unterstützung der deutschen Bevölkerung allmählich verlieren. In Israel wird das nicht so richtig wahrgenommen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Botschafter in Deutschland gemacht?

Ich kannte Deutschland bis dahin nur aus Büchern, Geschichten, Medien und von Zeitzeugen. Ich habe Deutschland nie besucht, bis ich als Botschafter hierhergekommen bin. Also hatte das eine große Bedeutung für mich. Man kann ein Land erst kennenlernen, wenn man einen unmittelbaren Kontakt zu den Menschen hat. Ich glaube, nichts beeinflusst einen Menschen mehr als zwischenmenschliche Beziehungen. Ich habe begriffen, wie wenig ich von Deutschland wusste, und dass die Beziehungen auch in den 1990er-Jahren noch belastet waren, obwohl ich gedacht hätte, dass es eigentlich anders sein müsste – so lange nach dem Krieg.

Sie haben einen kritischen Blick auf die israelische Politik. War es für Sie mitunter schwierig, die verschiedenen Regierungen zu vertreten?

Wenn die Regierung nicht versteht, dass ein Botschafter Spielraum braucht, um glaubwürdig zu sein; wenn die Regierung von einem Botschafter verlangt, dass er wie ein Papagei die offizielle Propaganda wiederholt, dann war es für mich immer schwierig. Das war auch mit gemäßigten Regierungen in Israel so. Ich wurde im Laufe meiner Karriere mehrfach gerügt – nicht nur von rechten Politikern. Damit ein Botschafter wirksam, effizient und einflussreich sein kann, muss er glaubwürdig sein. Dafür muss er die Wahrheit sagen. Er muss auch Dinge, die nicht angenehm sind, äußern. Es gibt Politiker, die das verstehen. Die meisten wollen aber nur gehorsame Beamte oder Diplomaten. So einer war ich nie, und deshalb habe ich immer Schwierigkeiten gehabt. Das hat aber meine Karriere nie beeinträchtigt, was heißt, dass wir doch eine liberale Gesellschaft sind. Man muss nur den Mut haben, sich etwas zu trauen.

Netanjahus neue Regierung steht politisch weit rechts. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Negativ. Die neue Netanjahu-Regierung unterscheidet sich nicht wirklich von der scheidenden, obwohl sie rein rechts, national-rechts und national-religiös ist, was sie vorher als größere Koalition nicht war. Aber Tatsache ist, dass auch in der scheidenden Regierung nur die Rechten – um nicht zu sagen die Rechtsextremisten – die Politik bestimmt haben. Der Unterschied zwischen der alten und der neuen Regierung liegt darin, dass die neue Regierung kein Feigenblatt hat. Sie muss die Wahrheit sagen und sich zeigen, wie sie ist. Aber die Politik wird sich dadurch nicht ändern. Diese Politik habe ich vorher kritisiert und werde sie auch jetzt kritisieren. Vielleicht wird mir das sogar leichter fallen, weil die Regierung keine Maske tragen kann.

Glauben Sie, dass mit Netanjahu eine Zwei-Staaten-Lösung möglich ist?

Nein. Als Netanjahu die Zwei-Staaten-Lösung als Politik ausgerufen hat, habe ich offen gesagt, dass das nur ein Lippenbekenntnis ist, um dem amerikanischen Druck nachzugeben. Jetzt muss ich es nicht mehr sagen. Vor den Wahlen hat er selber geäußert, dass er nicht daran glaubt. Danach hat er versucht, es irgendwie zu vertuschen. Aber in Wirklichkeit ist klar: Er will es nicht, seine Partei will es nicht, seine Koalition und seine Koalitionspartner wollen es nicht. Und deshalb waren auch die Verhandlungen mit den Palästinensern, die der amerikanische Außenminister Kerry geführt hat, völlig nutzlos. Das war eine Show. Ich glaube, er wird heute wieder verhandeln wollen. Aber Verhandlungen, die ein Ziel haben und auch dorthin kommen wollen – die wird er nicht führen. Nicht ohne Druck aus dem Ausland.

Israels Sicherheit ist für Deutschland Verpflichtung. Wie weit darf oder muss Deutschland trotzdem Kritik üben?

Muss. Die guten Beziehungen, die wir heute zu Deutschland haben, sind unerwartet und unverhofft entstanden. Diese zwischenmenschlichen Beziehungen sind die Grundlage der äußerst guten und wichtigen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Und deswegen ist es wichtig für uns, dass diese Freundschaften aufrechterhalten werden, damit wir die Zusammenarbeit vorantreiben können. Nun beruht eine Freundschaft auf Offenheit und Ehrlichkeit. Wenn man nicht offen sagt, was man denkt, wenn man nicht auch offen seine Kritik äußert, dann sind die Beziehungen falsch. Das wird sie, langfristig oder mittelfristig, gefährden. Das fürchte ich. Ich wünsche mir immer und in jeder Beziehung Offenheit und Ehrlichkeit. Aber in diesem Fall ist es für die Existenz der Beziehungen unentbehrlich.

Wo hört in Deutschland berechtigte Kritik an der israelischen Regierung auf und wo fängt Antisemitismus an?

Natürlich gibt es Antisemiten, die die Kritik, die heute gegen die israelische Politik geäußert wird, für ihre Thesen nutzen. Das ist eine gute Deckung. Viele Kritiker in Deutschland und auch anderswo sind aber die besten Freunde Israels. Doch natürlich ist es sehr bequem für diejenigen, die die Kritik nicht hören wollen, zu sagen: Das ist alles antisemitisch. Denn wenn man das sagt, meint man, dass die Kritik nicht rational ist – man muss sie nicht ernst nehmen und sich nicht damit auseinandersetzen. Man kritisiert uns nicht, weil wir etwas Falsches tun, sondern weil wir so geboren sind. Dazu kann man nichts sagen – sehr bequem. Natürlich ist das langfristig gesehen verheerend. Einmal habe ich in einer Kneipe ein Gespräch gehört, in dem gesagt wurde: Die Juden haben wieder Dreck am Stecken. Das ist keine sachliche Kritik, sondern antisemitisch. Aber ich finde, das ist die Meinung der Minderheit.

Eine Studie zeigt, dass knapp 30 Prozent der Deutschen eine negative Haltung gegenüber Juden haben. Wie kann man dem entgegenwirken?

Es gibt so viele zum Teil widersprüchliche Studien. Vor ein paar Jahren habe ich ein Buch mit dem Titel „An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld“ veröffentlicht. Ich habe nachgeforscht, ob der Antisemitismus in Deutschland und im Westen wieder zunimmt. Dabei bin ich zu dem Schluss gekommen, dass der Antisemitismus schrittweise abnimmt. Ich habe bei meinen Recherchen keine 30 Prozent Antisemiten in Deutschland gefunden, sondern viel weniger. Und selbst wenn es 30 Prozent sein sollten? Wie viele waren es vor 50 Jahren? 80 Prozent? Wenn man es also mit der Vergangenheit vergleicht, lebt ein Jude in Deutschland ganz normal und hat keine Begrenzungen. Wenn manche Menschen Vorurteile haben, haben sie eben Vorurteile. Aber weil man die israelische Politik kritisiert – und die kritisiert man zunehmend und vehement – interpretieren das viele Leute als Antisemitismus.

Also kein Grund zur Sorge?

Es gibt ein Problem mit Antisemitismus und auch einen neuen Antisemitismus. Aber das ist der Antisemitismus der neuen Europäer oder der Nordamerikaner. Meist sind das die Muslime, die wegen des Nahostkonfliktes aufgewühlt sind. Die lassen sich oft an Juden aus. Das kann gefährlich werden. Sie stecken Synagogen in Brand und solche Dinge. Es schafft eine gewisse Stimmung und deswegen sind die Leute so empfindlich geworden. Aber das ist nicht die traditionelle europäische Bevölkerung. Der neue Antisemitismus schafft eine Atmosphäre und überzeugt die Leute davon, dass der Antisemitismus zunimmt.

Wo sehen Sie die deutsch-israelischen Beziehungen in 50 Jahren?

Ich hoffe, dass wir dann nicht mehr von deutscher, sondern von europäischer Außenpolitik sprechen. Ich glaube, dass es immer noch eine Besonderheit in den Beziehungen geben wird, die nicht unbedingt negativ ist. Zwei Drittel der Israelis – die vor 50 Jahren überhaupt keinen Kontakt zu Deutschland haben wollten – finden heute, dass Deutschland das freundlichste Land ist und die Deutschen die sympathischsten Menschen. Die Vergangenheit ist zwar eine Kluft, aber auch eine Verbindung, weil wir eine gemeinsame Verantwortung gegenüber der Vergangenheit haben.

Zur Person: Avi Primor (80) wurde in Tel Aviv geboren. Von 1952 bis 1955 studierte er Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an der Hebräischen Universität Jerusalem. Seinen Master in Internationale Beziehungen schloss er 1959 in New York ab. Von 1993 bis 1999 war er israelischer Botschafter in Deutschland. 2004 gründete er das trilaterale Zentrum für Europäische Studien an der Privatuniversität Interdisciplinary Center Herzliya.

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