Viele Türkeistämmige fühlen sich von Parteien nicht verstanden

Nazi-Vergleiche, Verhaftungen, Armenier-Resolution, Auftrittsverbote für Politiker – um das deutsch-türkische Verhältnis ist es so schlecht bestellt wie nie. Meinungsforscher erwarten, dass der Dauerknatsch zwischen Berlin und Ankara auch Einfluss auf den Ausgang der Bundestagswahl haben wird.
09.08.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Anne-Béatrice Clasmann

Nazi-Vergleiche, Verhaftungen, Armenier-Resolution, Auftrittsverbote für Politiker – um das deutsch-türkische Verhältnis ist es so schlecht bestellt wie nie. Meinungsforscher erwarten, dass der Dauerknatsch zwischen Berlin und Ankara auch Einfluss auf den Ausgang der Bundestagswahl haben wird. Viele Wahlberechtigte mit türkischen Wurzeln dürften der Wahl am 24. September fernbleiben. Der Grund: Sie fühlen sich von den deutschen Parteien nicht mehr verstanden und an den Rand gedrängt. Das hat auch damit zu tun, dass die meisten von ihnen ihre Informationen über deutsche Politik aus türkischen Medien beziehen. Und die sind, was deutsche Parteien angeht, zur Zeit auf Krawall gebürstet.

Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, sagt: „Das ist natürlich problematisch, da die politischen Debatten in Deutschland nur durch einen Filter der türkischen Presse wahrgenommen werden. Wenn diese dann tendenziös berichten oder eine bestimmte politische Agenda verfolgen, ist das nicht immer positiv.“

Dass sich die Türkeistämmigen zunehmend abwenden, ist vor allem für die SPD und für die Grünen eine schlechte Nachricht. Sie waren bislang die bevorzugten Parteien der rund eine Million Deutschtürken, die in Deutschland wahlberechtigt sind. Das liegt vor allem daran, dass beide Parteien die Vorteile der Migration herausstreichen und immer wieder Maßnahmen gegen Diskriminierung einfordern. Allerdings: Den Flüchtlingszustrom seit 2015 sehen auch einige Einwanderer aus der Türkei kritisch. „Wir rechnen diesmal mit einer deutlich geringeren Wahlbeteiligung der Türkeistämmigen“, erklärt Joachim Schulte von Data 4U, einem Institut, das sich auf Meinungsforschung in ethnischen Zielgruppen spezialisiert hat. Bei einer Untersuchung zur politischen Beteiligung von in Bayern lebenden Menschen mit Migrationsgeschichte stellte der Experte im vergangenen Februar fest, dass diese Gruppe zur Zeit „mit allen Parteien besonders wenig“ übereinstimmt.

Ähnliche Ergebnisse lieferte unlängst eine bundesweite repräsentative Befragung durch die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die der türkischen Regierungspartei AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nahesteht. Dabei gaben 15 Prozent der Befragten an, sie wollten bei der nächsten Bundestagswahl gar nicht wählen. 41 Prozent wussten noch nicht, ob sie zur Wahl gehen oder machten keine Angaben. Beim Rest kam die Linke auf vier Prozent. Sechs Prozent der 1000 Befragten wollten die Grünen wählen, sieben Prozent die CDU. Die SPD kam auf 22 Prozent. Der Wert für die AfD tendiert gegen Null. Zum Vergleich: Bei der zurückliegenden Europawahl hatten 54 Prozent der Befragten ihr Kreuz bei der SPD gemacht, 19 Prozent bei den Grünen.

Dass die Türkeistämmigen in Deutschland Mitte-Links-Parteien bevorzugen, obwohl ein großer Teil von ihnen in der Türkei die islamisch-konservative AKP unterstützt, erklären die Forscher so: In Deutschland wählten die Migranten und ihre Nachfahren Parteien, von denen sie glaubten, dass diese ihren Interessen dienten. Die Vorliebe für bestimmte Parteien in der Türkei habe dagegen mehr mit Herkunft und Emotionen zu tun.

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