Gastbeitrag von Stefan Luft Viele Türken definieren sich über ihre Herkunft

Migranten sind oft konservativer als ihre nicht ausgewanderten Landsleute. Das erklärt zum Teil das Abstimmungsverhalten beim türkischen Referendum, schreibt der Bremer Politologe Stefan Luft.
21.04.2017, 00:00
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Von Stefan Luft

Migranten sind oft konservativer als ihre nicht ausgewanderten Landsleute. Das erklärt zum Teil das Abstimmungsverhalten beim türkischen Referendum, schreibt der Bremer Politologe Stefan Luft.

Mit 51,4 Prozent Zustimmung hat der türkische Präsident Erdogan das Referendum knapp für sich entschieden. Wesentlich dazu beigetragen haben die deutschen Erdogan-Hochburgen wie Essen (75,9 Prozent), Düsseldorf (69,9 Prozent) oder Stuttgart (66,3 Prozent).

Die türkischen Regierenden ließen sich im Wahlkampf nicht nur von der Vision eines wiedererstandenen Osmanischen Reiches leiten, sie verbanden dies mit hasserfüllten Attacken auf die deutsche Politik, mit Verleumdungen und unverhüllten Drohungen. Dass sich Teile zugewanderter Gruppen in diesem Land für eine antiliberale Politik, ein autoritäres System und die antideutsche Schmähkritik begeistern, verstört viele.

Identifikation mit Deutschland

Die Identifikation mit dem Aufnahmeland ist bei einem Teil der Türkeistämmigen bislang offensichtlich nicht erfolgt (von den Wahlberechtigten haben 30 Prozent mit „Ja“ gestimmt). Zu sehr hohen Anteilen definieren sich Türken in Deutschland über ihre nationale Herkunft, die Zughörigkeit zur ethnischen Gruppe (Kurde, Türke) und über den Islam – auch in der zweiten und dritten Generation und unabhängig vom sozialen Status.

Dies als Resultat von Diskriminierung zu verstehen, ist naheliegend: Wer sich nicht angenommen fühlt, wendet sich ab. Das Argument wirkt entlastend für die Betroffenen, und die Schuldfrage ist auch gleich mit geklärt.

So einfach ist es nicht. Mehrere Gründe spielen eine Rolle: Migranten bringen auch Konflikte, Werte und Traditionen mit. In den ethnischen Gemeinden können sie über Generationen konserviert werden, sodass die im Ausland lebenden Landsleute häufig wesentlich konservativer sind als jene, die nicht ausgewandert sind.

„Präsidium für Auslandstürken“

Hinzu kommt: Die türkische Politik gibt sich seit Jahrzehnten als Schutzmacht und Anwalt der Auslandstürken. Das 2010 gegründete „Präsidium für Auslandstürken“ will aus den versprengten Landsleuten eine organisierte Diasporakraft formen, die die Politik des Aufnahmelands beeinflusst. Die zentrale Botschaft lautet: einmal Türke – immer Türke.

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Identifikation kann nicht verlangt werden – aber eine emotionale Zuwendung zu den Verfassungsgrundsätzen („Verfassungspatriotismus“) und zu dem Gemeinwesen, in dem man aus freier Entscheidung lebt, ist andererseits erforderlich, wenn die Demokratie nicht irgendwann ohne Demokraten dastehen soll.

Die Schattenseiten von Migration scheinen hierzulande vielfach aus dem Blick verloren zu sein. „Vielfalt“, „Diversity“ werden als Errungenschaften gefeiert. Das ist einseitig und naiv: Zu viel „Vielfalt“ führt auch zu gesellschaftlichen Spannungen, Konflikten und schwindendem Vertrauen. Es gibt genügend Gründe, neu darüber nachzudenken.

Zur Person

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Zur Person

Stefan Luft ist Privatdozent am Institut für Politikwissenschaft der Bremer Universität. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Themen Migration und Integration. Im März erschien sein Buch „Die Flüchtlingskrise“ in aktualisierter Neuauflage.
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