Vom Angriff auf das Leben

Fünf Jahre nach der Terrornacht von Paris

Männer schießen auf Konzertbesucher. Sie scheitern dabei, auch noch in ein Stadion einzudringen - doch die Bilanz der Nacht vor fünf Jahren in Paris ist schrecklich. Heute ist das Land wieder alarmiert.
12.11.2020, 11:05
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Von Julia Naue
Fünf Jahre nach der Terrornacht von Paris

Am Eingang des Bataclan-Konzertsaals wurden anlässlich einer Gedenkveranstaltung zum dritten Jahrestag der Pariser Angriffe vom November 2015, bei denen 130 Menschen getötet wurden, eine Gedenktafel und Blumen aufgestellt (Archivbild).

BENOIT TESSIER

Auch in diesem Jahr ist es wieder ein Freitag, der 13. Vor fünf Jahren ermordeten an diesem Tag Extremisten 130 Menschen in Paris. Sie richteten ein Massaker im Konzertsaal Bataclan an, beschossen Bars und Restaurants, Selbstmordattentäter sprengten sich am Stade de France in die Luft. Der islamistische Anschlag war eine Zäsur - für Frankreich und Europa. Das fünfte Jubiläum fällt nun in eine Zeit, in der Frankreich wieder vom Terror heimgesucht wird. Drei Anschläge innerhalb weniger Wochen - es gilt die höchste Terrorwarnstufe. Was unterscheidet die mörderischen Attacken von damals und heute?

Der Anschlag im November 2015 traf Paris mitten ins Herz. Nicht umsonst war immer wieder die Rede von einem Angriff auf die Art, wie wir leben. Es war ein lauer Herbstabend damals, viele Menschen saßen auf den berühmten Pariser Terrassen, als die Terrorkommandos das Feuer eröffneten. Die Ziele waren keine Touristenattraktionen, es waren Kneipen im Pariser Osten. Dort, wo man sich am Freitagabend nach der Arbeit auf ein Bier trifft. Die Detonationen am Stade de France während des Fußball-Freundschaftsspiels zwischen Deutschland und Frankreich waren live im Fernsehen zu hören.

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Heute sieht man den attackierten Bars nicht mehr an, was sich dort einst für ein Horror abgespielt hat. Getreu dem Motto „Wir müssen weiter leben“ ist das Leben auch im „Le Carillon“ oder „Café Bonne Bière“ weitergegangen. Wer genau hinschaut, entdeckt hier und da kleine Gedenktäfelchen - aber man kann sie übersehen, man kann den Terror vergessen. Fast.

In den vergangenen Wochen nach den neuerlichen Anschlägen trank man seinen Wein an diesen Orten gut bewacht. Sicherheitskräfte mit Maschinengewehren patrouillierten zwischen Bier, Zigarettenrauch und Leichtigkeit. Ein surreales Gefühl. Ist man hier nun besonders sicher - oder besonders gefährdet? Die Pariserinnen und Pariser ließen sich auch dieses Mal nicht beirren.

Schwerbewaffnete stehen trotz Corona Wache

Und selbst jetzt, wo wegen Corona sowieso alles geschlossen hat, stehen Schwerbewaffnete vor den menschenleeren Läden, vor dem Bataclan. Denn die Bilanz der letzten Wochen wiegt schwer: Ein Angriff auf das ehemalige Redaktionsgebäude des Satireblatts „Charlie Hebdo“ Ende September. Zwei Schwerverletzte. Die brutale Ermordung des Lehrers Samuel Paty Mitte Oktober. Der Anschlag in einer Kirche in Nizza Ende Oktober. Drei Tote. Tatwaffen in allen Fällen: Messer. Motiv in allen Fällen: mutmaßlich islamistisch.

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Allein seit 2017 sind offiziellen Angaben nach 32 Terroranschläge in Frankreich verhindert worden. Nach den jüngsten Attacken halten einer aktuellen Umfrage zufolge 96 Prozent der Menschen in Frankreich die Bedrohung für hoch - das sind fast so viele wie nach den Anschlägen 2015. Dennoch ist etwas anders als damals. Im November 2015 zogen mehrere islamistische Terrorkommandos durch die Seine-Metropole, die Attacke war koordiniert, von langer Hand geplant. Automatische Schusswaffen und Sprengsätze kamen zum Einsatz.

Messerattacken seien meist individuelle Angriffe, sagt der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy der Zeitung „L'Obs“ mit Blick auf die aktuellen Angriffe. „Entweder haben (die Terroristen) also keinen Zugang zu Schusswaffen, weil kein logistisches Netzwerk mehr dahinter steht, oder ihr Ziel ist es nicht, möglichst viele Tote zu verursachen, sondern ihren Hass zum Ausdruck zu bringen“, sagt der Experte.

Aktuelle Angreifer weniger professionell?

Er resümiert, dass die aktuellen Attentäter weniger professionell seien als etwa die Angreifer von 2015. Sie gehörten in die Kategorie „Wut auf Gotteslästerung“ und nicht in die Kategorie „Verteidigung des Kalifats“. Zudem hätten sich die Profile der Täter geändert. Von Mitte der 1990er bis einschließlich 2015 seien die Attentäter mehrheitlich aus der zweiten Generation nordafrikanischer Einwanderer gekommen. Sie seien als Kleinkriminelle gestartet. Die Kontakte, die sie im Gefängnis geknüpft hätten, seien zentral.

„Seit 2016 hat sich das geändert. Die Profile sind viel heterogener, der Akt ist individueller“, so Roy. Der Angreifer auf die ehemaligen „Charlie-Hebdo“-Redaktionsräume diesen Herbst kam aus Pakistan, der Mörder von Samuel Paty hatte tschetschenische Wurzeln. Der Angreifer von Nizza kam aus Tunesien, er war gerade erst nach Europa gekommen.

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Hinzu kommt: Sie waren den Geheimdiensten zuvor nicht bekannt. Ermittlungen zeigten, dass die Täter sich in kurzer Zeit sehr schnell radikalisiert hätten, sagte der Leiter des Nationalen Anti-Terrorzentrums, Laurent Nuñez, nach dem Mord an Paty über Attacken aus der jüngsten Vergangenheit. In der Regel hätten viele Angreifer keinen Kontakt zu Personen in Syrien, im Irak, oder zu der Terrororganisation Islamischen Staat. Das mache es praktisch unmöglich, sie zu entdecken.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat es sich nun zum Ziel gesetzt, das Problem bei der Wurzel zu packen - und den radikalen Islamismus dort zu bekämpfen, wo junge Menschen in seine Fänge geraten - in radikalen Moscheen, außerhalb der Schule oder im Internet. Mit seiner Politik und Haltung zog Macron die Wut von Muslimen in einigen Ländern auf sich, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan heizte den Konflikt noch an.

Die Stimmung in Frankreich ist angespannt. Die aktuelle Terrorserie hat alte Wunden aufgerissen. Und noch eine andere Krise hat Frankreich fest im Griff: Das Coronavirus. Und so fällt das Gedenken an die Anschläge vor fünf Jahren in diesem Jahr viel kleiner aus - für viele Angehörige ein harter Schlag.

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