Konjunktur des Kruden

Verschwörungstheorien: Von Aluhut bis Zwangsimpfung

Verschwörungstheorien haben im Umfeld von Demonstrationen gegen Corona-Beschränkungen Konjunktur. Oft liegt ihnen antisemitische Hetze zugrunde. Einige der bekanntesten Theorien im Überblick.
25.05.2020, 05:00
Lesedauer: 9 Min
Zur Merkliste
Von Claudia von Salzen
Verschwörungstheorien: Von Aluhut bis Zwangsimpfung

Beliebtes Ziel: Microsoft-Gründer Bill Gates ist zum Feindbild Nummer eins der Verschwörungsgläubigen geworden – sein Engagement im Gesundheitsbereich wird mit einem „Impfangriff“ auf die Weltbevölkerung gleichgesetzt.

Arne Dedert /dpa

Aluhut

Auf Demonstrationen gegen Einschränkungen in der Corona-Krise tragen Teilnehmer häufig eine Kugel aus Alufolie an einem Band um den Hals oder am Revers. Dieses Erkennungszeichen erinnert an den sogenannten Aluhut, der, so glauben manche Verschwörungstheoretiker, den Kopf des Trägers vor schädlicher Strahlung oder einer Kontrolle der Gedanken durch finstere Mächte schütze. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist der Aluhut längst eine abwertende Bezeichnung für Verschwörungsgläubige geworden.

Bundesrepublik Deutschland GmbH

Unter die Demonstranten haben sich in den vergangenen Wochen auch Reichsbürger gemischt, die die Bundesrepublik nicht als Staat anerkennen. Sie glauben, das Deutsche Reich bestehe weiter. Die Bundesrepublik Deutschland sei eine Firma, eine GmbH – und die Kanzlerin nur deren Geschäftsführerin.

Lesen Sie auch

Wie so oft bei Verschwörungsmythen versuchen deren Anhänger, Fakten heranzuziehen, die ihre Theorien scheinbar belegen: Die Reichsbürger weisen auf ein tatsächlich im Handelsregister eingetragenes Unternehmen hin, die „Bundesrepublik Deutschland – Finanzagentur GmbH“. Doch dabei handelt es sich um ein Unternehmen des Bundes, das als zentraler Dienstleister für die Kreditaufnahme zuständig ist.

Deep State

Wer in den USA oder einem europäischen Land einen „Deep State“ (Tiefer Staat) am Werk sieht, der glaubt, dass sich Geheimdienstler, Militärs und Be­amte heimlich verbündet haben, um die Macht im jeweiligen Land zu übernehmen. Wie viele Verschwörungstheorien hat auch diese Anknüpfungspunkte in der realen Welt: In der jüngeren Geschichte der Türkei etwa hat das Militär mehrfach geputscht, in diesem Zusammenhang ist tatsächlich vom „tiefen Staat“ die Rede.

In den USA ist der „Deep State“ seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump zum verschwörungstheoretisch konnotierten Kampfbegriff geworden. Trumps Unterstützer behaupten, die Geheimdienste und Sicherheitsbehörden arbeiteten gegen ihn und wollten ihn stürzen. Bis zum Amtsantritt Trumps vertrat ein ganz anderes politisches Lager die These vom „Deep State“: Der US-Whistleblower Edward Snowden hatte den Begriff bei der amerikanischen und europäischen Linken populär gemacht.

Gates, Bill

Während der Corona-Krise ist der Microsoft-Gründer Bill Gates zum Feindbild Nummer eins der Verschwörungsgläubigen geworden. In Anlehnung an einen bekannten Slogan des Kampfes gegen Aids gehen in Deutschland Demonstranten mit Schildern auf die Straße, auf denen zu lesen ist: „Gib Gates keine Chance“.

Gates’ Stiftung, die Bill und Melinda Gates Foundation, ist der wichtigste private Geldgeber der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und unterstützt außerdem die Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung (Gavi) sowie Unternehmen, die Impfstoffe entwickeln, beispielsweise die deutsche Firma Curevac.

Lesen Sie auch

Verschwörungstheoretiker machen aus Gates’ Engagement im Gesundheitsbereich Geschichten zum Beispiel darüber, Gates wolle die Weltbevölkerung impfen und ihnen dabei Mikrochips einsetzen lassen, um sie zu kontrollieren. Andere behaupten, der Milliardär wolle die Impfungen nutzen, um die Weltbevölkerung zu dezimieren. Im Feindbild Gates findet sich auch die klassische verschwörungstheoretische Erzählung von der kleinen globalisierten Elite wieder, die heimlich die Weltherrschaft übernehmen wolle.

Geheimorganisationen

Der Geheimbund gehört zum klassischen Repertoire der Verschwörungstheoretiker. Geschichten über solche Gruppierungen üben von jeher eine große Faszination auf viele Menschen aus. Genau daran knüpfen die Verschwörungsmythen an. Sie lassen rund um Organisationen wie die Freimaurer oder den tatsächlich historisch belegten Illuminatenorden die Erzählung einer großen, bösen Macht ranken, die bis heute im Hintergrund die Fäden ziehe und nach der Weltherrschaft strebe. Diese Erzählung wird zudem meist noch antisemitisch aufgeladen.

So absurd derartige Geschichten auf den ersten Blick wirken mögen – die Empfänglichkeit für diese Art von Verschwörungsmythen ist grundsätzlich in Deutschland groß. In der „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung im Jahr 2019 gaben 46 Prozent der Befragten an, es gebe geheime Organisationen, die politische Ereignisse beeinflussen.

Kinderblut

Die Geschichte klingt wie aus einem richtig schlechten Film: Kinder würden unter der Erde gefangen gehalten, gefoltert und am Ende getötet, nur um aus ihrem Blut den Stoff Adrenochrom zu gewinnen, das einer kleinen Elite als Verjüngungsmittel dienen soll. Diese Horrorstory wird in Deutschland beispielsweise von dem Sänger Xavier Naidoo verbreitet, der Rapper Sido verteidigte die seltsamen Äußerungen.

Lesen Sie auch

Tatsächlich handelt es sich um einen Verschwörungsmythos, der vor allem in den USA von QAnon-Fans weitergetragen wird. Doch diese Geschichte hat uralte Wurzeln – und deutliche antisemitische Anklänge. Schon im 13. Jahrhundert wurde Juden vorgeworfen, das Blut von christlichen Kindern für religiöse Zwecke oder als Heilmittel zu benutzen. Diese bizarre Geschichte ist eine Variante der uralten judenfeindlichen Ritualmordlegende.

QAnon

der Begriff QAnon (aus Q und Anonymous) gründet auf einen Beitrag, der 2017 in dem bevorzugt von Rechtsextremen genutzten Internetforum 4chan erschien und von einem „Patrioten“ mit „Sicherheitsfreigabe Q“ unterzeichnet war. Diese Formulierung wird im US-Energieministerium verwendet – der anonyme Verfasser erweckte damit den Eindruck, er sei ein Insider und habe Zugang zu geheimen Informationen. Wer dahinter steckt, ist bis heute unklar.

Unter QAnon versteht man einen breit aufgefächerten Verschwörungsmythos, nach dem eine globale Elite Regierungen und Banken kontrolliere und den geheimen Plan verfolge, US-Präsident Trump zu stürzen. Die Drahtzieher sollen zugleich einen internationalen Ring von Pädophilen und Kinderhändlern kontrollieren. Damit wird Trump zum Kämpfer gegen das absolute Böse stilisiert.

Lesen Sie auch

Auch dieser Verschwörungsmythos trägt antisemitische Züge, erkennbar an uralten Stereotypen wie der Weltverschwörung, in deren Mittelpunkt George Soros stehe, oder dem Opfern von Kindern. QAnon soll in den USA Zehntausende Anhänger haben, bei Auftritten von Präsident Trump waren im Publikum Schilder mit der Aufschrift „Q“ zu sehen.

Mobilfunkmasten (5G)

Anfang April sah sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu einer ungewöhnlichen Aussage genötigt: „5G-Mobilfunknetze verbreiten nicht Covid-19.“ Viren könnten auf diesem Weg gar nicht übertragen werden. Doch zu dem Zeitpunkt hatte sich der entsprechende Verschwörungsmythos schon in zahlreichen Ländern festgesetzt: Demnach breite sich das Coronavirus in den Regionen aus, in denen es bereits den neuen Mobilfunkstandard gebe.

In einer anderen Spielart wird gar behauptet, die Pandemie gebe es überhaupt nicht – sie diene nur dazu, ein „5G-Syndrom“ zu vertuschen. Dass das Coronavirus sich auch in Ländern ausbreitete, in denen es 5G gar nicht gibt, ignorieren die Anhänger geflissentlich.

Dieser Verschwörungsmythos kann an weit verbreitete Vorbehalte gegen diese Technologie anknüpfen: Fast jeder Zweite in Deutschland fürchtet Funkmasten als Quelle elektromagnetischer Strahlung, wie aus einer Studie des Branchenverbands Bitkom hervorgeht.

Neue Weltordnung (NWO)

Noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff der neuen Weltordnung vor allem von denjenigen benutzt, die in Politik, Medien und Wissenschaft über die Lehren aus den beiden Weltkriegen, das künftige Kräfteverhältnis der Großmächte und den Nutzen internationaler ­Kooperation nachdachten. Doch im Jahr 1991 erschien in den USA ein Buch mit dem Titel „Die neue Weltordnung“.

Der Verfasser, der einflussreiche evangelikale Prediger Pat Robinson, behauptete darin, es gebe eine geheime internationale Verschwörung – getragen von Banken, Freimaurern, Illuminaten und anderen Gruppierungen – mit dem Ziel, eine Weltregierung zu errichten, die dann vom Antichrist geführt werden würde. Das Buch wurde in den USA ein Bestseller und trug zur Verbreitung dieses Verschwörungsmythos bei, der starke antisemitische Züge hat.

Lesen Sie auch

In der Corona-Krise ist nun wieder die Rede von der „Neuen Weltordnung“, der angeblich bevorstehenden Machtübernahme durch eine globale Elite. Unter Verschwörungsgläubigen kursierte sogar schon ein konkretes Datum, an dem die NWO beginnen sollte, der 15. Mai. Passiert ist erwartungsgemäß nichts.

Stern, gelber

Auf mehreren Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen haben Teilnehmer einen gelben Stern mit der Aufschrift „nicht geimpft“ getragen. Damit setzen die Impfgegner sich selbst mit den im nationalsozialistischen Deutschland verfolgten Juden gleich, die gezwungen wurden, einen gelben Stern zu tragen. Sie stilisieren sich also zu einer von einem verbrecherischen Staat bedrohten Minderheit – und damit indirekt zu Opfern einer Verschwörung.

Durch das Tragen des gelben Sterns verharmlosen die Demonstranten die Judenverfolgung und letztlich auch den Holocaust. Dies ist keineswegs ein zufälliger Fauxpas bei der Wahl eines eingängigen Demo-Symbols: Denn auf denselben Demonstrationen werden Verschwörungsmythen geäußert, die im Kern antisemitisch sind.

Vergiftetes Wasser

Attila Hildmann, ehemals Koch veganer Gerichte und heute einer der selbsternannten Wortführer der Verschwörungstheoretiker in der Corona-Krise, äußerte in einer seiner üblichen Tiraden den Verdacht, das Trinkwasser in Berlin sei vergiftet, um die Bevölkerung ruhigzustellen.

Lesen Sie auch

Auch diese Geschichte weckt Erinnerungen an uralte Verschwörungsmythen: Als im Mittelalter die Pest ausbrach, wurden Juden beschuldigt, die Brunnen vergiftet zu haben. Pogrome in zahlreichen Städten waren die Folge. Wer diesen historischen Bezug im Hinterkopf hat, für den lassen sich scheinbar zusammenhanglose Sätze wie der vom vermeintlich vergifteten Berliner Trinkwasser in einen größeren Zusammenhang einordnen. Überhaupt ist es typisch für den heutigen Antisemitismus, dass er nicht offen zur Sprache kommt, sondern weitgehend über Codes und Chiffren funktioniert.

Weltregierung

Einem gängigen Verschwörungsmythos zufolge wollen finstere Mächte eine Weltregierung etablieren, eine Art weltweite Diktatur. Dieser Mythos bedient das Feindbild der „globalen Eliten“.

In der Corona-Krise hat sich allerdings gezeigt, dass ein solcher Verschwörungsmythos keineswegs nur am ganz rechten Rand der westlichen Gesellschaften Anklang findet: Die Corona-Maßnahmen seien „ein beunruhigendes Vorspiel zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht“, hieß es in einem Aufruf mehrerer katholischer Bischöfe. Erzbischof Carlo Maria Viganò, der Initiator des Appells, verteidigte diese Äußerung später gegen die massive Kritik, und betonte, das „Projekt einer Neuen Weltordnung“ müsse „entlarvt“ werden.

Weltverschwörung

Verschwörungsmythen teilen die Welt in Gut und Böse, sie liefern scheinbar einfache Erklärungen für krisenhafte Ereignisse, die den Alltag der Menschen erschüttern. Kein Wunder also, dass diejenigen, die für diese Art von Weltdeutung anfällig sind, auch hinter der Corona-Pandemie und den Maßnahmen zu ihrer Eindämmung einen groß angelegten finsteren Plan vermuten. An welchem der Verschwörungsmythen man auch kratzt, fast immer kommt in einer tieferen Schicht Antisemitismus zum Vorschein.

Lesen Sie auch

Wenn in der Vergangenheit von einer weltweiten Verschwörung die Rede war, so waren als Täter – direkt oder hinter anderen Begriffen verborgen – meist die Juden gemeint. Ein Buch, das 1903 im zaristischen Russland erschien, hat diese vermeintliche jüdische Weltverschwörung zum Thema und gibt vor, sie mithilfe von allerdings fiktiven Dokumenten zu beweisen, den „Protokollen der Weisen von Zion“. Später griffen die Nationalsozialisten die antisemitische Hetzschrift und den darin propagierten Mythos der von Juden geplanten Verschwörung auf, um in der Bevölkerung Judenhass zu schüren.

Zwangsimpfung

Zumindest einen Teil der Menschen, die gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren, treibt die Angst vor einer vermeintlich drohenden Zwangsimpfung auf die Straße. Dahinter steht die Behauptung, die Regierung wolle die Coronakrise nutzen, um die gesamte Bevölkerung impfen zu lassen, auch gegen den Willen der Betroffenen. Impfgegner und Verschwörungsgläubige kommen auf den Demonstrationen zusammen, wobei es zwischen den beiden Gruppen ohnehin Überschneidungen gibt.

Wissenschaftler der Universität Mainz kamen zu dem Ergebnis, dass Personen mit einer ausgeprägten Verschwörungsmentalität alternative Heilmethoden bevorzugen und Verfahren der klassischen Medizin – wie Impfungen – ablehnen. Dass die Bundesregierung jetzt öffentlich betont, eine Corona-Impfpflicht werde es nicht geben, erreicht diejenigen nicht, die der Politik ohnehin ausschließlich finstere Absichten unterstellen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+