Leitartikel über die grünen Superrealos

Von grünen Elefanten und Dinosauriern

Angesichts ihrer Erfolge müssten die baden-württembergischen Grünen tonangebend für ihre Partei sein. Sie verkörpern jedoch eher deren Widersprüche und Spannungen, meint Joerg Helge Wagner.
27.09.2019, 23:19
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von grünen Elefanten und Dinosauriern
Von Joerg Helge Wagner
Von grünen Elefanten und Dinosauriern

Cem Özdemir (l) und Winfried Kretschmann stehen für bürgerliche Bündnisse - und damit quer zu vielen in ihrer Partei.

Sebastian Gollnow

Besonderes Merkmal dieser Spezies sind viele schwarze Punkte und ein paar gelbe Sprenkel. Superrealos zeichnen sich aus durch große Anpassungsfähigkeit in traditionell-bürgerlichen Milieus, ein feines Gespür für wirtschaftliche Zusammenhänge und hohe Kompromissbereitschaft. Ihr Hauptverbreitungsgebiet liegt im Südwesten der Republik – also dort, wo die Grünen auch entstanden sind.

Ihre Biotope wuchsen zügig zusammen. In Freiburg stellten sie 2002 mit Dieter Salomon den ersten Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Inzwischen trifft das nicht nur auf die Hauptstadt Stuttgart zu, sondern auf das ganze Land: Gegen die Grünen geht hier gar nichts mehr. Die CDU spielt in ihrem einstigen Stammland nur noch die zweite Geige, die SPD ist inzwischen gleichauf mit den Liberalen, nach der jüngsten Umfrage bei acht Prozent. Die Grünen stehen bei stolzen 38.

Polarisieren, nicht vereinen

Angesichts dessen müssten die baden-württembergischen Grünen doch tonangebend für den Rest der Partei sein, sollte man meinen. Aber die Grünen wären nicht die Grünen, wenn sie sich einfach so dieser Dominanz unterwerfen würden. Denn die südwestlichen Alpha-Tiere vereinen die Partei nicht hinter sich, sie polarisieren. Winfried Kretschmann, der einzige und völlig unangefochtene grüne Ministerpräsident, stimmt beim hoch sensiblen Asylthema einfach mal gegen die Parteilinie. Der eloquente Cem Özdemir, nach langer Zeit an der Spitze in die zweite Reihe geschoben, fordert kühn und kühl die Fraktionschefs im Bundestag heraus. Und der auf allen Kanälen dauerpräsente Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat die Rebellion gegen den Mainstream in seiner Partei zum politischen Prinzip gemacht.

Das schafft eine paradoxe Situation: Ausgerechnet jene Grünen-Promis, die für potenzielle Partner einer bürgerlichen Koalition auf Bundesebene am akzeptabelsten sind, gefährden die Akzeptanz von Jamaika oder Schwarz-Grün in der eigenen Partei. Für das ökosozialistische Lager – früher Fundis geheißen – sind sie eine echte Zumutung. Der ebenfalls überwiegend stramm linksgewickelten Grünen Jugend erscheinen Kretschmann und Co. nicht als mächtige Elefanten, sondern vermutlich eher als Dinosaurier. Wesen, die in einer erträumten rot-grün-roten Zukunft nicht überleben könnten.

Lesen Sie auch

Doch bundespolitisch bleibt Rot auf Talfahrt, in allen Schattierungen. Für Grün-Rot-Rot gibt es schlicht keine Mehrheit auf absehbare Zeit. Unterdessen zeigen sowohl Kretschmann als auch Tarik al-Wazir in Hessen, dass ein Bündnis mit den Konservativen ebenso geräuschlos wie erfolgreich funktionieren kann. Und dass man selbst ernste Krisen wie den Streit um die Reform des Landtagswahlrechts im Südwesten durchstehen kann.

Dabei ist Kretschmann keineswegs nur auf Schmusekurs mit den Schwarzen und der Industrie. Gegenüber der Wirtschaft macht er in der Klimadebatte klar, dass es ohne Verbote nicht geht. Beispielhaft nennt er das Verbot von FCKW in Kühlgeräten, das schnell auch gesellschaftlich akzeptiert worden sei. Na klar: Es wurden ja auch nicht Kühlschränke oder deren Größe infrage gestellt, sondern nur deren Technik – die aber dürfte den meisten Verbrauchern egal sein, solange das Bier kalt und das Gemüse frisch bleiben.

Übertragen auf die Mobilitätsdebatte bedeutet dies: Während Kretschmann, Özdemir und Palmer den Abschied vom Verbrennungsmotor fordern, träumen die Fundamentalisten von autofreien Städten und in letzter Konsequenz vom Rückbau einer Schlüsselindustrie. Kretschmann indes weiß ganz genau, dass er mit solchen Vorstellungen niemals auf traumhafte 69 Prozent an persönlicher Zustimmung im Autoländle gekommen wäre.

Die grünen Superrealos und die AfD

Auch in der Auseinandersetzung mit dem neuen Hauptgegner des bürgerlichen Lagers, der AfD, haben die grünen Superrealos einen völlig anderen Ansatz als der Rest ihrer Partei. Palmer etwa wehrt sich leidenschaftlich gegen eine moralisierende Delegitimierung von Ansichten, bloß weil diese tendenziell auch von AfD-Politikern geäußert werden. Will sagen: Wenn sich Alexander Gauland und Konsorten über kopftuchtragende Musliminnen mokieren, muss man kopftuchtragende Schulmädchen nicht automatisch prima finden, um auf der vermeintlich korrekten Seite zu stehen.

Palmer tragen solche Ansichten – häufig auf Facebook geäußert und nun auch in einem Buch gebündelt – viel Unmut im linken Feld seiner Partei ein. Doch auch das ist Fakt: Im Land der Superrealos ist die AfD ganz gegen den allgemeinen Trend auf dem absteigenden Ast. Die grünen Elefanten halten sie offenbar kurz.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+