Von Menschen, Macht und Medien

Wer in seine Suchmaschine „Konflikte 2015“ eingibt, dem liefert Wikipedia 46 Treffer. Die Angriffe auf die Flüchtlingsunterkünfte im August in Heidenau in der Sächsischen Schweiz gehören dazu wie auch die im Mai beginnenden Kämpfe um den ukrainischen Flughafen Donezk.
29.12.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Arno Widmann

Wer in seine Suchmaschine „Konflikte 2015“ eingibt, dem liefert Wikipedia 46 Treffer. Die Angriffe auf die Flüchtlingsunterkünfte im August in Heidenau in der Sächsischen Schweiz gehören dazu wie auch die im Mai beginnenden Kämpfe um den ukrainischen Flughafen Donezk. Genannt werden auch die Terroranschläge von Januar und November in Paris, der syrische Bürgerkrieg, das Oktober-Attentat auf die US-Botschaft in Sarajewo, die seit dem März andauernde Militärintervention gegen den Jemen.

Es ist das Kuddelmuddel von Gemetzeln, die die Menschheitsgeschichte weniger durchziehen als zu konstituieren scheinen. Bei vielen der aktuellen Ereignisse findet sich das Wort islamistisch. Bei einem Vergleich mit früheren Jahrhunderten wird man feststellen, dass es eines Islamismus, eines Islam, nicht bedarf, um für Konflikte zu sorgen.

Sub specie aeternitatis muss man das so sehen, aber so leben wir nicht. Wir leben im Handgemenge der Aktualität. Das führt leicht dazu, dass wir Nachrichten hübsch getrennt voneinander aufbewahren. Die einschlägigen Institutionen informieren uns, dass die Milleniumsziele bei der Bekämpfung des Hungers in der Welt zwar nicht erreicht wurden, dass aber heute deutlich weniger gehungert wird als noch vor zehn Jahren. Blicken wir hinüber in das andere Nachrichtensegment, so stellen wir fest: Gleichzeitig fliehen immer mehr Menschen Hunderte, Tausende von Kilometern aus ihren Lebensräumen.

Aus der nationalen Armutsforschung wissen wir, dass es bei Armut um nichts Absolutes geht. Es geht um eine als unerträglich empfundene Differenz. Nicht zwischen denen ganz oben und denen ganz unten. Die wird meist akzeptiert. Die Revolten richten sich meist nicht gegen die Spitzen der Gesellschaft, sondern gegen die Vorgesetzten. Bei der Einschätzung der eigenen Situation spielt nicht der Abstand zu denen Reichsten eine Rolle, sondern es geht und ging wohl immer mehr um die Distanz zwischen denen in der unteren und denen in der oberen Mitte.

Zur Flucht führt nicht der nackte Hunger, die absolute Armut, sondern die Einschätzung, zuhause schliddere man unaufhaltsam die soziale Stufenleiter abwärts. Das gilt für die Binnenmigration zum Beispiel in Deutschland genauso wie für die großen internationalen Migrationsbewegungen. Es kommt noch etwas hinzu: Der Mechaniker im Irak hat eine sehr genaue Vorstellung davon, wie ein Mechaniker in Europa lebt. Wenn er sie nicht hat, hat sie ein das Internet nutzender Freund. Der erzählt ihm nicht nur davon. Er zeigt es ihm. Die Globalisierung ist dabei, aus weitgehend getrennten Weltregionen kommunizierende Röhren zu machen. Es ist nicht mehr nur das Kapital nach billiger Arbeitskraft unterwegs, sondern die Arbeitskraft sucht sich sich jetzt auch Orte, an denen sie sich günstiger verkaufen kann.

In dem Bündel von Motiven, die Menschen in Bewegung setzen, darf man nicht nur Hungerbäuche, zerbombte Landschaften und Naturkatastrophen denken. Das alles spielt eine Rolle, aber es findet auf der geänderten Geschäftsgrundlage einer globalisierten Welt stand. Sie ist es ja nicht nur objektiv, sondern auch in den Fantasien der Menschen.

Als der verarmende Kleinadel kastilischer Städte und Dörfer hörte, dass in Afrika und Westindien Vermögen gemacht werden konnten an Goldküsten und in Silberländern („Argentinien“), da brachen sie auf in blühende Landschaften („Florida“) und entdeckten Städte, die den Reichtum der europäischen bei weitem übertrafen. Sie kamen als Räuber und Totschläger. Tenochtitlan, Cusco („Der Nabel der Welt“ auf Quechua) wurden dem Erdboden gleichgemacht, die Indianer ausgerottet. Eine der gerne übersehenen Quellen der europäischen Ängste vor der „neuen Völkerwanderung“ liegt hier. Die Europäer schließen von sich auf andere.

2015 wird – so ist zu fürchten – als der Anfang vom Ende der europäischen Union in die Geschichtsbücher eingehen. Die Flüchtlingsfrage sprengt das europäische Haus. Das geht natürlich nur, weil wirtschaftlich und politisch längst Sprengsätze gelegt sind. Eine gemeinsame Währung ohne gemeinsame Finanz- und Wirtschaftspolitik treibt Europa auseinander, statt es zusammenzubringen. Europa wäre nur zu retten, indem man schnell mehr Europa schafft. Die europäischen Staaten müssten nicht nur Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik, sondern auch Außen- und Sicherheitspolitik energisch zusammenführen. Damit ist heute weniger als je zu rechnen.

2004 erklärte die rot-grüne Bundesregierung noch, unsere Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt. Als Russland 2014 die Krim annektierte, sah Europa sich außerstande, den sicherheitspolitischen Status quo zu verteidigen. Es sieht nicht so aus, als würde das jetzt in Syrien besser gelingen.

Das sind nur ein paar der Probleme, die derzeit bei uns auf der Tagesordnung stehen. Aus den Schlagzeilen der Tageszeitungen ist das Drohpotenzial Nordkorea wieder verschwunden, die verschiedenen Konflikte zwischen China und Japan sind ja nicht beigelegt, sondern werden weiter am Schwelen gehalten. Die Bedrohung, die von zerfallenden Staaten ausgeht, konzentriert sich ganz auf die Organisation „Islamischer Staat“. Das ist ganz falsch. Man sollte die dort gemachten Erfahrungen nutzen, um vergleichbaren Entwicklungen in einem Dutzend anderer Staaten entgegenzuwirken.

Seit 1971 veröffentlicht das World Economic Forum jedes Jahr seinen Global Competitiveness Report. Im Jahre 2015 veröffentlichte es das erste Mal einen „Inclusive Growth and Development Report“. Das den Davos-Gipfel ausrichtende Forum hat also begriffen, dass zu einem gesunden Wachstum gehört, dass möglichst viele an ihm beteiligt werden. Es hat lange, sehr lange dazu gebraucht. Dabei hat es in den vergangenen Jahrzehnten nicht an Stimmen gefehlt, die immer wieder auf den Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wachstum und gesellschaftlichem Frieden hingewiesen haben.

Dass eine der zentralen Adressen der Reflexion über Weltwirtschaft das im Jahre 2015 endlich auch begriffen hat, mag man als gute Nachricht werten. Pessimisten freilich werden sagen, wenn das World Economic Forum darauf gekommen sei, dann sei das ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Ungleichheit ein Ausmaß angenommen habe, das nicht mehr friedlich zu reparieren sei. Ähnlich werden Schwarzseher auf die Einigung des Pariser Klimagipfels blicken.

Die Klimaforscher haben manchem Politiker beigebracht, dass unsere Welt nicht nach einem Zeitmaß funktioniert und schon gar nicht nach dem der Politik. Es gibt natürliche und auch gesellschaftliche, wirtschaftliche Prozesse, die spielen Jahrzehnte, Jahrhunderte lang auf den Tagesordnungen keine Rolle. Wenn sie endlich auf dieser aufschlagen, ist es oft, man nehme nur Staatsverschuldung oder Versteppung, schon fünf vor zwölf oder zu spät.

Die Politik ist zu sehr mit der „Forderung des Tages“ beschäftigt. Die Wahrnehmung zukünftiger Entwicklungen betrachtet sie oft als nichts als „Visionen“. Man muss sich nur vor Augen halten, wie viel Arbeitskraft und Lebenszeit in den letzten Wochen für den Konflikt Merkel – Seehofer drauf ging. Nicht nur bei den beiden, nicht nur in den betroffenen Parteien, sondern auch in den die Politik begleitenden Medien. Für die viel gravierenderen Probleme bleibt oft nur ein Fitzelchen Restenergie übrig.

Die Politik dafür zu schelten, wäre nur ein Anfang. Wichtiger wäre, dass die Öffentlichkeit, auch die Zeitungen, sich mehr interessieren für die Entwicklungen, die nicht oder nur ganz unten auf der Tagesordnung stehen. Das sind die großen, globalen Fragen, aber auch die nach den Gemütslagen der Menschen. Was macht aus einem netten, freundlichen Ingenieurstudenten einen Terroristen? Was treibt einen Piloten dazu, bei seinem Selbstmord 150 Menschen mit in den Tod zu nehmen?

Wir sollten uns Zeit für diese Fragen nehmen und ihnen Platz schenken. Nicht, weil wir glauben, wir könnten dergleichen ein für alle Mal verhindern, sondern weil wir wissen wollen, wie Dinge geschehen, wie Menschen funktionieren. Aus Empathie mit der Welt.

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